In Sacro Furore nehmen Carlo Vistoli und die Akademie für Alte Musik Berlin die geistlichen Meisterwerke Vivaldis neu in den Blick – vom Nisi Dominus bis zur spektakulären Motette In furore iustissimae irae. Zwischen expressiver Wut und inniger Andacht beleuchtet dieses Programm die theatralische Dimension geistlicher Musik, getragen von einem Countertenor, der versucht, die ganze dramatische und emotionale Intensität des venezianischen Komponisten aufzuzeigen.
Sacro Furore bietet einen Streifzug durch Vivaldis geistliches Werk – zwischen Versenkung und dramatischer Ausdruckskraft. Wie ist dieses Programm entstanden? Und was, meinen Sie, offenbart es über das Verhältnis von Gewalt, Glaube und Theater in Vivaldis geistlicher Musik?
Wir sind mit Akamus von der Idee ausgegangen, das Nisi Dominus aufzunehmen – nach einer fast vollständig abgesagten Tournee im Jahr 2021 aufgrund der pandemiebedingten Schließungen; nur ein Konzert konnte damals in Essen stattfinden. Wir haben also überlegt, was sich mit dieser ausdrucksstarken und virtuosen großen Motette kombinieren ließe. Das Stabat Mater erschien uns als beinahe naheliegende Wahl, da die beiden Werke oft – auch auf Tonträgern – miteinander in Verbindung gebracht wurden. Wir wollten aber auch etwas Ungewöhnliches vorschlagen, und so entstand die Idee, In furore iustissimae irae in einer neuen Version für Altus aufzunehmen — Vivaldi schrieb es nämlich für Sopran, doch es eignet sich auch sehr gut für diese Stimmlage.
Nachdem die Stücke ausgewählt waren, war unser Anliegen, die dramatisch Natur hörbar zu machen, die Vivaldis geistliche Vokalmusik durchzieht und prägt. Beim Stabat Mater zeigt sie sich vor allem in der stark expressiven Stimmbehandlung, während die Motette In furore iustissimae irae diese Expressivität und eine wirklich pyrotechnische Virtuosität gewissermaßen aufgreift und eine große Szene von – freilich geistlicher – Wut entwirft. Unser Ziel war, eine weniger vertikale, also nicht rein spirituell-erbauliche, sondern stärker dramatische Lesart zu bieten. Kirchenmusik, ja – aber mit mächtigen, manchmal sogar gewalttätigen Geschichten, die erzählt werden wollen. Schließlich beruht jede Religion auf Erzählungen, und diese Werke wirken wie Fresken, in denen sich eindrückliche Szenen abzeichnen – etwa jene der trauernden Muttergottes am Fuß des Kreuzes.
Die CD kombiniert vokale Motetten mit instrumentalen Stücken wie dem Concerto für Streicher in g-Moll oder dem Concerto Madrigalesco in d-Moll. Welcher Dialog entsteht Ihrer Ansicht nach zwischen diesen Formen?
Wir wollten den ausgewählten Werken auf dieser CD eine Einheit und Kohärenz verleihen – als wären sie Teile eines gemeinsamen Organismus oder musikalischen Diskurses. Einerseits bilden die ausgewählten Instrumentalkonzerte also eine Art Bindegewebe, das diese drei großen Werke miteinander verbindet wie Szenen eines geistlichen Bühnenwerks; andererseits eröffnet der innere Dialog faszinierende Parallelen – etwa in Vivaldis farbenreicher Instrumentierung, die der Art und Weise, wie er mit der Stimme umgeht, sehr nahekommt und ihrerseits eine enorme dramatische Kraft hat.
Die Countertenor-Stimme, historisch mit den Kastraten verbunden, ermöglicht heute eine andere Form des Hörens Alter und barocker Musik, insbesondere geistlicher Werke. Wie trägt dieser besondere Stimmklang Ihrer Meinung nach zur Wiederentdeckung der Spiritualität von Vivaldi bei?
Die Countertenor-Stimme entstand ursprünglich mit der Polyphonie in der Kirchenmusik der Renaissance, bevor sie im 18. Jahrhundert in England zur Solostimme wurde – teilweise auch im Oratorienbereich. Erst in der Moderne hat sie sich mit der Wiederentdeckung des Opernrepertoires der italienischen Kastraten verbunden.
Aber auch wenn diese Werke zu Vivaldis Zeit von Frauen gesungen wurden, bin ich der Meinung, dass sich die Countertenorstimme – mit ihrer heutigen technischen und expressiven Entwicklung und der substanziellen Neuerfindung, die sie durchlaufen hat – wirklich in eine Reihe mit den Frauenstimmen stellen kann, und eben eine klangliche Alternative bietet. Umso mehr gilt das für ein Repertoire wie dieses, das keine Geschlechter kennt, in dem der Text mit der gleichen dramatischen Kraft transportiert werden kann – egal ob von einer Frau oder einem Mann gesungen.
Entscheidend ist für mich die Ausdruckskraft, die Fähigkeit, die affetti durch Text- und Musikgestaltung zu vermitteln: Kraft und Energie in schnellen Passagen, Sanftheit und Pathos in den ruhigeren – also coloratura und legato. Genau das versuche ich mit meiner Stimme auszudrücken.



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