Das bei Alpha Classics erschienene Album Reines („Königinnen“) stellt das französische Opernrepertoire unter das Zeichen einer besonderen Figur: der Souveränin. Von Lully bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert beherrschen diese Heldinnen die Bühne ebenso durch ihre Autorität wie durch ihre inneren Konflikte. Arien, Chöre und Orchestersätze von Rameau, Dauvergne oder Pignolet de Montéclair fügen sich zu einem Porträt dieser Machtfiguren, zwischen szenischem Glanz und dramatischer Spannung, gedacht als Galerie weiblicher Gestalten.
Unter der Leitung von Louis-Noël Bestion de Camboulas vereint Les Surprises Chor und Orchester auf historischen Instrumenten und widmet sich mit besonderer Sorgfalt den Klangfarben und Affektkontrasten. Das Programm, in Zusammenarbeit mit Benoît Dratwicki vom Centre de musique baroque de Versailles entwickelt, greift auf ein breites, teils selten aufgeführtes Repertoire von Desmarest bis Royer zurück und beruht auf einer präzisen editorischen und dramaturgischen Konzeption. Véronique Gens steht auf dem Höhepunkt ihrer stimmlichen Reife und knüpft an die Tradition der großen Tragödinnen des Ancien Régime an, deren Farben und Ausdruck sie mit Nachdruck aufgreift.
Diese Einspielung reiht nicht einfach einzelne Nummern aneinander, sondern entfaltet eine innere Dramaturgie, getragen von der Spannung zwischen Autorität und Verletzlichkeit, Zartheit und Furor. Die Gesangslinie von Véronique Gens, zugleich souverän und nach innen gewandt, findet im Orchester eine präzise Entsprechung, getragen von einem lebendigen Continuo und einem feinen Gespür für theatrale Atemführung. Das Ensemble setzt auf unmittelbare Ausdruckskraft ohne Überladung, sodass jedes Stück wie ein Fragment von Theater wirkt, eingebettet in einen geschlossenen musikalischen Verlauf. Eine Aufnahme, die man hört, als folgte man einer dramatischen Szene – zwischen Spannung, Konzentration und Verzauberung.


Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden