Potsdam, Chicago, Turin, Évian, Pisa

→Von Potsdam bis Pisa folgen unsere Bilder der Woche einem Barock in Bewegung: Bononcini in der Orangerie von Sanssouci, Charpentier erstmals in Chicago, Turin zur Eröffnung seines Festivals, Les Talens Lyriques in der Source Vive in Évian und PassiSparsi auf den Spuren der moresken Serenaden des neapolitanischen Cinquecento.

Potsdam, Chicago, Turin, Évian, Pisa
© Stefan Gloede / Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

In Potsdam: ein sehr gelungenes Cefalo e Procride von Bononcini

In der Orangerie von Sanssouci hat der niederländische Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema eine echte Herausforderung gemeistert: den Saal des Orangerieschlosses – 16 Meter breit, 103 Meter lang, mit 18 mächtigen Säulen und fast zehn Meter hohen Fenstern – für Giovanni Bononcinis Cefalo e Procride in ein ländliches und burleskes Paradies zu verwandeln. Der Ort wird zu einem echten Theaterraum, der zum Versteckspiel einlädt: Sänger und Musiker in Tierkostümen können immer wieder in den seitlich angeordneten Büschen verschwinden. In der Mitte des Saales, auf einer quadratischen Bühne mit echtem Rollrasen, erscheinen die beiden Hauptfiguren – die chinesische Sopranistin Jiayu Jin (Procride) und der ukrainische Countertenor Yuri Mynenko (Cefalo) – ebenso wie der neuseeländische Bariton Jonathan Eyers (Titone, Sonnengott) in Tierfellen, ganz im Sinne der barocken Mode für Verkleidungen und pastorale Idyllen des 18. Jahrhunderts. Aus dem zentralen Orchestergraben tauchen auch die Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin mit Hasenhäubchen auf. Und Bononcinis Werk, 1702 auf ein Libretto von Anastasio Guidi komponiert, erhielt bei den Aufführungen Ende Juni, mitten in der Hitzewelle des Jahres 2026, eine köstliche Aktualität, als diese Übertitelzeile erschien: „Welche Hitze! Heute scheint die Sonne doppelt so heiß wie sonst.“

Mit Jiayu Jin, Yuri Mynenko, Chloë Morgan, Jonathan Eyers, Anita Rosati, Akademie für Alte Musik Berlin und Bernhard Forck.

© Elliot Mandel

In Chicago: Charpentiers David et Jonathas mit der Haymarket Opera Company

In Chicago präsentierte die Haymarket Opera Company erstmals in der Stadt Marc-Antoine Charpentiers David et Jonathas. Im Gannon Concert Hall auf dem Campus der DePaul University wurde das Werk halbszenisch aufgeführt. Der Dirigent und Cembalist Jory Vinikour brachte seine Expertise im französischen Repertoire in das historische Instrumentenensemble der Company ein, mit Scott J. Brunscheen als David, Kaitlin Foley als Jonathas und David Govertsen als Saül.

Mit Scott J. Brunscheen, Kaitlin Foley, David Govertsen, Haymarket Opera Orchestra und Jory Vinikour.

© Turin Baroque Music Festival

In Turin: Eröffnung des 5. Turin Baroque Music Festival

Die Eröffnung der 5. Ausgabe des Turin Baroque Music Festival fand in der Kirche Santo Spirito statt, mit dem Consort Maghini unter der Leitung von Claudio Chiavazza und einem Programm, das Claudio Monteverdi und Heinrich Schütz gewidmet war. Das Festival findet in zwei Abschnitten statt – Juni-Juli und anschließend Oktober-November – mit 18 Konzerten, Gesprächsveranstaltungen und pädagogischen Angeboten, um das Beste der Barockmusik in historisch informierter Aufführungspraxis und auf historischen Instrumenten zu präsentieren. Die Konzerte finden an einigen der eindrucksvollsten Orte des Turin des 17. und 18. Jahrhunderts statt, darunter der Palazzo Reale, die Villa della Regina, die Basilika von Superga, die Real Chiesa di San Lorenzo und die Kirche Santo Spirito.

Mit Noemi Cavallo, Francesca Idini, Federica Leombruni, Davide Galleano, Stefano Gambarino, Consort Maghini und Claudio Chiavazza.

© Rencontres musicales d’Évian

In Évian: Christophe Rousset und Les Talens Lyriques in La Source Vive

Wenige Tage nach der Einweihung von La Source Vive, dem neuen, von der Mäzenin Aline Foriel-Destezet initiierten Kammermusiksaal, gaben Christophe Rousset und Les Talens Lyriques dort gemeinsam mit dem amerikanischen Countertenor Key’mon Murrah ein Händel-Recital. Auf dem Programm standen unter anderem Arien, Ouvertüren und Zwischenspiele aus Giulio Cesare, Rodrigo, Serse, Ariodante und Rinaldo. La Source Vive, entworfen von den Architekten Patrick Bouchain und Philippe Chiambaretta, ist Teil der neuen musikalischen Entwicklung Évians, neben La Grange au Lac und unter der künstlerischen Leitung von Renaud Capuçon.

Mit Key’mon Murrah, Les Talens Lyriques und Christophe Rousset.

© Tommaso Buquicchio

In Pisa: die moresken Serenaden von PassiSparsi

Im Kreuzgang des Palazzo della Carovana, dem historischen Sitz der Scuola Normale Superiore in Pisa, würdigte das Ensemble PassiSparsi mit seiner theatralisierten Aufführung Apra finestra! Serenate moresche die moresken Lieder. Lange Zeit als Randphänomen abgetan, erleben diese Lieder seit einigen Jahrzehnten eine faszinierende Wiederentdeckung. Heute gelten sie nicht mehr nur als Spiegel alter kultureller Vorurteile, sondern auch als Zeugnis der afrikanischen Präsenz im Neapel des 16. Jahrhunderts – in einem Repertoire aus Serenaden, Theater, Tanz und musikalischen Vermischungen.

Mit Martha Rook, Caterina Chiarcos, Elisabetta Vuocolo, Neri Landi, Roberto Rilievi, Lorenzo Tosi, Martino Noferi, Peppe Frana, Tommaso Tarsi, Francesco Tomei, Lorenzo D’Erasmo und PassiSparsi.