Zwanzig Jahre nach der Gründung seines Ensemble Artaserse und fast ein Jahrzehnt nach der Eröffnung seiner eigenen Académie blickt Philippe Jaroussky mit analytischer Schärfe und wachem Interesse auf den tiefgreifenden Wandel der Barockwelt. Der strenge musikwissenschaftliche Anspruch der Anfangsjahre ist einer neuen Dringlichkeit gewichen: Es gilt, diese Musik mit heutiger Sensibilität zum Klingen zu bringen, ohne sie zu verraten. Der Musiker spricht erfrischend offen über die aktuellen Herausforderungen der Szene. Zwischen Bühneninszenierung, Ensemble-Identität, Nachwuchsförderung und der Zukunft des Tonträgermarktes formuliert er eine klare Vision. Im Kern geht es ihm darum, eine anspruchsvolle Kunst in einem zunehmend fragilen Ökosystem zu bewahren. Jaroussky glaubt fest an die Kraft der musikalischen Entdeckung und plädiert für einen Barock, der atmet und wahrhaftig verkörpert wird. Diesen Ansatz stellt er in diesem März beim Festival Zürich Barock unter Beweis, wo er das Ensemble La Scintilla in Händels Acis, Galatea e Polifemo leitet.
Den Barock modernisieren: zwischen historischer Treue und Gegenwart
Ich habe das Gefühl, gemeinsam mit meiner Generation und den nachfolgenden einen regelrechten Wandel in der Annäherung an den Barock durchlebt zu haben. Zu Beginn galt es vor allem, diesem Repertoire seine alte Würde zurückzugeben. Dies vollzog sich über sehr konkrete Aspekte: das Verhältnis zum Text, die Rhetorik, Monteverdis Leitsatz „prima la parola“ und die intensive Auseinandersetzung mit dem recitar cantando, das die Gefühlsdarstellung im 17. Jahrhundert revolutionierte. Jahrelang habe ich mit italienischen Sprachcoaches zusammengearbeitet – nicht allein der Aussprache wegen, sondern aufgrund all dessen, was die Sprache im Ausdruck, im Rhythmus und in der künstlerischen Intention freisetzt.
Inzwischen haben wir eine neue Schwelle überschritten. Ich würde fast behaupten, wir sind über das Stadium hinaus, in dem wir unsere musikwissenschaftliche Korrektheit permanent unter Beweis stellen mussten. Die neue Generation ist heute selbstverständlich „historisch informiert“, doch ihr Hauptanliegen ist es, diese Musik einem zeitgenössischen Publikum nahezubringen. Das ist entscheidend: Diese Musik lebendig werden zu lassen – im vollen Respekt vor den Interpretationsregeln, aber mit dem Mut zu Farben, Kontrasten und einer Energie, die ihre Modernität hervorhebt.
Diese „Modernisierung“ fand nicht nur im Orchestergraben oder in den Partituren statt; sie vollzog sich ebenso auf der Bühne durch die Visionen der Regisseure. Wenn ich an aktuelle Projekte denke – etwa an Hotel Metamorphosis rund um Vivaldi in Salzburg in der Regie von Barrie Kosky –, dann sehe ich, wie sehr man das Publikum damit zum Träumen bringen kann. Und wenn die Menschen träumen, wenn sie spüren, dass diese Musik ihnen gehört, dann öffnet sich eine neue Welt: Der Barock ist kein Museum mehr, er wird wieder zu einer echten Erfahrung.
Mein Ensemble Artaserse: Nur weil ich Jaroussky heiße, ist es noch lange nicht einfach!
Den Namen Artaserse wählte ich vor fast zwanzig Jahren für mein Ensemble. Ursprünglich entsprang er meiner Begeisterung für Giovanni Carestini – jenen legendären Sänger, der die Rolle des Arbace in Vincis Oper Artaserse als Erster verkörperte. Ich war auf der Suche nach einem Namen, der zum Träumen einlädt, etwas Geheimnisvolles. Meine Musiker neckten mich anfangs: „Schwer auszusprechen, niemand weiß, was das sein soll …“ Ganz unrecht hatten sie nicht! Doch der Name hat sich durchgesetzt und wurde über die Jahre immer greifbarer – auch, weil das Bewusstsein für die Arbeit am Repertoire des Librettisten Metastasio und für die Opernwelt der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts heute viel ausgeprägter ist.
Die Geschichte von Artaserse begann mit Studienfreunden am Pariser Konservatorium und wuchs von dort aus stetig weiter. Tatsächlich musizierten wir schon immer in verschiedenen Konstellationen: als Seicento-Besetzung, als Ensemble für das 18. Jahrhundert … und schließlich, mit wachsenden Projekten, als größeres Orchester. Besonders lebhaft erinnere ich mich an meinen ersten Giulio Cesare von Händel am Théâtre des Champs-Élysées im Jahr 2022: vier Stunden Musik, der Gang in den Orchestergraben – dieses fast schwindelerregende Gefühl, eine gesamte Oper auf den eigenen Schultern zu tragen.
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