Johann Sebastian Bach ist zweifellos einer der am besten erforschten Barockkomponisten: Der BWV-Katalog umfasst heute 1.179 Einträge. Es gibt unzählige Bücher über sein Leben und Schaffen sowie die unterschiedlichsten Notenausgaben für jedes einzelne Stück aus diesem immensen Œuvre. Und doch geschieht es immer wieder: Bisher unbekannte Werke tauchen unvermittelt auf, seit Jahrhunderten verschollene Manuskripte werden wiederentdeckt, oder Stücke mit langer Zeit zweifelhafter Urheberschaft können Bach endlich mit absoluter Gewissheit zugeschrieben werden. In diesem zweiten Teil unseres Interviews mit Peter Wollny, dem Direktor des Bach- Archivs in Leipzig, haben wir ihn gefragt, wo und wie man als Forscher gezielt nach solchen Schätzen sucht – oder ob man sich dabei am Ende schlicht auf den Zufall verlässt.
Herr Wollny, suchen Sie eigentlich auch aktiv nach verschollenen Werken Bachs, wenn Sie theoretisch von der Existenz eines Stücks wissen, also, versuchen Sie nachzuvollziehen, wo das hingekommen sein könnte, aus biografischen Details noch Stücke zu orten? Oder waren die Neuentdeckungen der letzten 40 Jahre, 50 Jahre eher Zufallsfunde?
Peter Wollny: Ich würde sagen, es waren gelenkte Zufälle. Ganz ohne Zufall geht es nie – aber wer nur auf gut Glück loszieht, findet meist nichts. Man braucht eine Idee, einen Ansatzpunkt – manchmal auch nur einen vagen Verdacht. Mit der Zeit entwickelt man aber so etwas wie einen Riecher, wo man suchen könnte. Das ist schwer in Worte zu fassen; es ist eine Mischung aus Erfahrung, Neugier und Bauchgefühl. Wobei die Voraussetzung ist, dass man sich für viele Dinge interessiert. Ich selbst hatte beispielsweise, als ich noch mehr Zeit hatte, bevor ich den Posten als Direktor des Bach-Archivs innehatte, ein unersättliches Interesse daran, hier in Mitteldeutschland die Musiksammlungen kennenzulernen, mir alles anzuschauen, ihre Entstehung zu verstehen, ihre Wege nachzuvollziehen. Dabei stößt man gelegentlich auf Dinge, die einen nicht mehr loslassen. Ein Beispiel: In einem Katalog zur Musiksammlung der Stadtkirche im sächsischen Mügeln fiel mir ein Textincipit auf – ein Text aus dem Picander-Kantatenjahrgang. Das war schon merkwürdig, weil Picander vor allem mit Leipzig verbunden ist. Also schrieb ich das Pfarrbüro an, und fragte wann ich kommen könnte, um mir das mal vor Ort anzusehen, fuhr hin, ließ mir die Sammlung zeigen — und stieß dabei auf ein frühes Kompositionsautograf von Carl Philipp Emanuel Bach aus seiner Leipziger Zeit, bevor er zum Studium wegzog, um 1733/34.

Da ist also etwas direkt aus Bachs Wohnung in eine kleine Landkirche gelangt, einer seiner Söhne muss das da hingeschickt haben! Daraufhin wollte ich natürlich den gesamten Bestand – rund 300 Handschriften – systematisch durchsehen. Und tatsächlich fand sich darunter auch ein Autograf Johann Sebastian Bachs: die Abschrift einer Messe in kleiner Besetzung! Kein eigenes Werk, sondern eine Kopie eines fremden Stückes, bei der Bach selbst Fehler in der Stimmführung angemerkt hatte.
Leidenschaftlich an alter Musik interessiert und möchten Sie diesen nur für Abonnenten zugänglichen Artikel lesen?
Wenn Sie noch kein Abonnent sind, treten Sie der internationalen Total Baroque-Community bei. Abonnieren Sie hier ab 5,00€.
AbonnierenWenn Sie bereits Abonnent sind, melden Sie sich an.
Ich melde mich an


Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden