Bernard Foccroulle

Das goldene Zeitalter der Orgel in den südlichen Niederlanden

→Bernard Foccroulle kehrt zu den Ursprüngen zurück. Auf historischen Orgeln der alten Niederlande erweckt der belgische Organist für Ricercar ein Repertoire des 16. und 17. Jahrhunderts zu neuem Leben und entfaltet dabei ohne Effekthascherei seine Kraft, Farben und Intimität.

Das goldene Zeitalter der Orgel in den südlichen Niederlanden
© Ricercar / Outhere

Mit Organ Music From The Low Countries geht Bernard Foccroulle zu den Ursprüngen des goldenen Zeitalters der Orgel in den südlichen Niederlanden zurück. Auf drei historischen Instrumenten des 17. Jahrhunderts lässt der belgische Organist John Bull, Peter Philips, Peeter Cornet und Abraham Van den Kerckhoven in einem Programm aufeinandertreffen, in dem sich Farbenreichtum und bemerkenswerte Intimität verbinden.

Auch wenn das Album den englischen Titel Organ Music From The Low Countries trägt, bezieht sich der Begriff „Niederlande“ hier nicht auf den heutigen gleichnamigen Staat, sondern auf die historische Bezeichnung, die unter anderem die Spanischen Niederlande und das Fürstbistum Lüttich umfasste und damit ungefähr dem heutigen Belgien entspricht. Eines der drei für die Aufnahme ausgewählten historischen Instrumente aus dem 17. Jahrhundert steht allerdings in Cuijk und damit innerhalb der Grenzen der heutigen Niederlande; das Album selbst ist dennoch deutlich in der belgischen Musikgeschichte verankert.

In dem von ihm selbst verfassten Begleittext erläutert Bernard Foccroulle, dass die ausgewählten Komponisten – John Bull, Peter Philips, Peeter Cornet und Abraham Van den Kerckhoven – unter anderem in Brüssel und/oder Antwerpen tätig waren, wobei einige von ihnen auch Reisen durch Europa unternahmen. Eine anonyme Toccata und eine Fantasia aus dem Buch der Kreuzherren von Lüttich ergänzen das Programm, das überwiegend aus unmittelbar geistlich bestimmten Werken besteht, daneben aber auch flämische Weihnachtslieder und verschiedene Fantasien enthält, von denen einige auf Canzoni zurückgehen.

Über die knapp siebzig Minuten Musik des Albums hinweg sind die Stücke nach ihrem Aufnahmeort geordnet: zunächst die Orgel der Sint-Martinuskerk in Cuijk, anschließend die Orgel der Sint-Jacobuskerk in Schurhoven und schließlich die Orgel der Sint-Jan-de-Doperkerk im Großen Beginenhof von Leuven. Diese Instrumente entstanden einige Jahrzehnte nach den eingespielten Werken. Bernard Foccroulle weist darauf hin, dass sie den damaligen Instrumenten am nächsten kommen, da keines der unmittelbar zeitgenössischen Originale bis heute erhalten geblieben ist.

Sowohl das gewählte Programm als auch Bernard Foccroulles Spiel vermitteln einen Eindruck von der Vielfalt der barocken – und teilweise noch spät­renaissancezeitlichen – Orgelkunst der südlichen Niederlande: von der Feierlichkeit von Philips’ Veni sancte spiritus bis zum erfrischenden Schwung von Bulls Weihnachtslied „Een Kindeken is ons geboren“. Mal luftig in flötigen Registern, mal prägnanter und kraftvoller, dabei aber stets klar, passt sich sein Spiel dem jeweiligen Repertoire an und bewahrt zugleich eine beinahe akademische Durchhörbarkeit und Präzision. Weniger opulent als die großen romantischen Orgeln, verstärken die feinen Klangtexturen dieser historischen Instrumente der Niederlande – die sämtlich in unterschiedlichem Maße restauriert wurden – den Eindruck von Transparenz. Durch die Qualität der Aufnahme, die nahezu jede Distanz zwischen Instrument und Hörer aufzuheben scheint, entsteht dabei eine besondere Intimität, als würde man Bernard Foccroulle allein in der Kirche zuhören.

Die spirituelleren und meditativeren Passagen nehmen beinahe den Charakter eines Gebets an, etwa im zurückhaltend gespielten „O clemens“ aus Bulls Salve Regina. Eine ähnlich eindringliche, beinahe demütige Bewunderung prägt die Interpretation der Fantasia on a Theme by Sweelinck, die John Bull kurz nach dem Tod seines Freundes Jan Pieterszoon Sweelinck komponierte. Die allmähliche Entwicklung des Spiels und die Wiederkehr der Motive machen das „Ora pro nobis“, mit dem Peeter Cornets Regina caeli endet, zugleich fesselnd und meditativ. Besonders deutlich tritt die beinahe selbstbegleitende Doppelnatur der Orgel in Van den Kerckhovens Fantasia 356 hervor: Eine Hand formt eine höchst expressive, fast sprachähnliche Linie, während die andere einen leichten Hintergrund webt, der das musikalische Geschehen trägt.

Dieses kontrastreiche Album zeigt sowohl von Stück zu Stück als auch innerhalb der einzelnen Werke die unterschiedlichen Facetten der barocken Orgel der südlichen Niederlande, die sich bereits als erstaunlich vollständiges Instrument präsentiert. Von beruhigender, spiritueller Zartheit über virtuose Ausbrüche im Dienst religiöser Feierlichkeit bis hin zu Momenten beinahe völliger Dunkelheit oder ätherischer Reinheit erkundet Bernard Foccroulles Spiel nicht nur die musikalische Vielfalt dieses Repertoires, sondern im Hintergrund auch die Komplexität seiner Geschichte und seiner Zusammenhänge.


Technische Angaben

Titel: Organ Music From The Low Countries
Komponisten: John Bull (1562/63–1628), Peter Philips (1560/61–1628), Peeter Cornet (ca. 1570/80–1633), Abraham Van den Kerckhoven (ca. 1618–1702), Anonymus
Interpret: Bernard Foccroulle, Orgel
Label: Ricercar
Format: digital, CD
Erscheinungsdatum: 8. Mai 2026