„Floridante“ bei Bayreuth Baroque 2026

Max Emanuel Cencic – die Kunst, aus dem Rahmen zu fallen

→Zur Eröffnung des Bayreuth Baroque Festival 2026 inszeniert Max Emanuel Cenčić Händels „Floridante“ und übernimmt zugleich die Titelrolle. Unter seiner künstlerischen Leitung hat sich das Festival seit seiner Gründung 2020 zu einem der dynamischsten Treffpunkte für Barockoper in Europa entwickelt. Gemeinsam mit Sonja Runje und Bruno de Sá sowie unter der musikalischen Leitung von Markellos Chryssicos ist die Neuproduktion am 4., 6., 8., 10., 12. und 13. September 2026 im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth zu erleben.

Max Emanuel Cencic – die Kunst, aus dem Rahmen zu fallen
Max Emanuel Cencic und Bruno de Sá bei den Proben zu Händels "Floridante" im August 2026. © Clemens Manser

Max Emanuel Cencic gehört zu den wichtigsten Wegbereitern der Barockopern-Renaissance der letzten 25 Jahre. Er wurde 1976 in Zagreb geboren und machte bereits in Kindertagen als Solist der Wiener Sängerknaben auf sich aufmerksam. Seine Karriere verlief rasant: Zunächst war er ein gefeierter Sopranist, dann Countertenor, bevor er zu einem der einflussreichsten Produzenten, Regisseure und künstlerischen Leiter seiner Generation wurde. Als Gründer der Agentur Parnassus Arts, treibende Kraft hinter bedeutenden Wiederentdeckungen der „Opera seria“ des 18. Jahrhunderts und künstlerischer Leiter des Bayreuth Baroque Festivals seit dessen Gründung im Jahr 2020 hat er dazu beigetragen, vergessene Meisterwerke von Vinci, Porpora, Hasse oder Händel wieder ins Rampenlicht zu rücken. Dieses Abenteuer setzt er nun mit Händels Floridante fort, der Eröffnungsproduktion des Festivals, bei der er sowohl die Inszenierung übernimmt als auch die Titelrolle spielt. In diesem Interview spricht er über seine Vorliebe für selten aufgeführte Opern, die weniger bekannten Bereiche des Händel-Theaters, die wirtschaftliche Realität der heutigen Opernwelt, das Aufkommen einer neuen Generation von Countertenören und seine beharrliche Ablehnung von Etikettierungen. Er erklärt auch, warum er weder als „Kulturunternehmer“ noch als bloßer Opernsänger definiert werden möchte.

Warum haben Sie sich gerade für Floridante, diese wenig bekannte Händel-Oper, beim diesjährigen Bayreuth Baroque entschieden?

Max Emanuel Cencic: Von Händel existieren ungefähr vierzig Opern, und wenn man ehrlich ist, werden vielleicht fünf oder sechs davon regelmäßig gespielt. Jeder kennt Giulio Cesare, Alcina, Rodelinda, vielleicht noch Ariodante. Danach beginnt schon der Bereich der vermeintlichen „Raritäten“. Dabei gibt es unglaublich viele großartige Werke, die fast nie auf die Bühne kommen. Genau das interessiert mich seit vielen Jahren: Opern sichtbar zu machen, die vergessen wurden, obwohl sie musikalisch faszinierend sind. Bei Floridante kam noch ein weiterer Aspekt hinzu. Wir wollten eine Koproduktion mit den Händel-Festspielen Karlsruhe realisieren, und dort hatte man tatsächlich schon fast alle Händel-Opern gespielt, außer Floridante. Das war für mich sofort spannend. Ich dachte: Warum gerade diese Oper nicht? Also begann ich, mich intensiver damit zu beschäftigen. Und je tiefer ich einstieg, desto mehr faszinierte mich das Werk.

Kann man sagen, dass gerade solche selten gespielten Opern das eigentliche Markenzeichen von Bayreuth Baroque geworden sind?

M. E. C.: Ja, ganz sicher. Das Publikum verbindet Bayreuth inzwischen mit Entdeckungen. Und das ist eigentlich sehr schön, weil viele Opernhäuser immer noch Angst vor unbekanntem Repertoire haben. Es herrscht häufig die Vorstellung: Wenn der Titel nicht bekannt ist, verkauft man keine Karten. Aber unsere Erfahrung zeigt genau das Gegenteil. Das Publikum ist neugierig. Die Menschen möchten überrascht werden. Sie möchten etwas erleben, das sie nicht schon zehnmal gesehen haben. Gerade im Bereich der Barockoper gibt es noch einen sehr großen Schatz an Werken, die kaum jemand kennt. Warum sollte man immer nur dieselben drei oder vier Stücke spielen?

Wie beginnt für Sie die Arbeit als Regisseur bei einer Oper wie Floridante?

M. E. C.: Für mich beginnt alles mit dem historischen Kontext. Mich interessiert immer zuerst die Frage: Warum hat ein Komponist dieses Werk gerade in diesem Moment geschrieben? Welche politischen, gesellschaftlichen oder persönlichen Konstellationen spielten hinein? Welche Sänger standen ihm zur Verfügung? Bei Händel ist das besonders spannend, weil seine Opern oft sehr stark mit bestimmten Persönlichkeiten verbunden sind. Bei Floridante war zum Beispiel die Sängerin Anastasia Robinson zentral. Sie war damals einer der großen Stars in London und stand im Mittelpunkt der Saison 1721, in der die Oper entstand. Gleichzeitig sang sie auch Bononcinis Griselda, die damals sogar noch erfolgreicher war als Floridante. Und natürlich war da Senesino. Händel schrieb die Titelrolle für ihn, in einer Phase, in der dieser gerade erst einige Jahre in London war. Man spürt förmlich, wie Händel für ihn experimentiert und neue musikalische Möglichkeiten entdeckt. Das Werk entstand außerdem unmittelbar vor Giulio Cesare, also in einer der kreativsten Perioden Händels überhaupt. Diese Energie hört man in der Musik.

Angel

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