Die Lesart von I Gemellis Buch-CD bringt die Farben und Rhythmen dieser Musik zum Leuchten. Die menschliche Stimme und der Dialog der Klangfarben stehen im Zentrum des musikalischen Geschehens, sie unterstreichen die geistlichen Texte und heben ihre poetische Pracht hervor – zugleich traditionell und modern. Während L’Orfeo das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle auf die Bühne brachte, konzentriert sich die Vesper auf eine einzige Emotion: die Freude. In einer kunstvollen, vor Lebendigkeit sprühenden Schreibweise erscheint sie als Gesang der Liebe und des Lobes für die Jungfrau Maria – jene strahlende Gestalt, die Claudio Monteverdi sein ganzes Leben lang begleitet hat. Total Baroque Magazine präsentiert hier einige „Schmuckstücke“ aus diesem opulenten Buch-CD-Projekt.
Emiliano Gonzalez Toro ist Tenor und Dirigent, Mathilde Étienne Sopranistin, Dramaturgin und Regisseurin. Gemeinsam leiten sie das Ensemble I Gemelli, das sie 2018 gegründet haben und das sich auf die Vokalmusik des 17. Jahrhunderts spezialisiert hat.
Auszüge aus dem Buch-CD-Projekt Vespro della Beata Vergine, I Gemelli Factory, 283 Seiten, erschienen am 28. Februar 2025.
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DER REIGEN DER ENGEL
1572 wurde in Paris zur Hochzeit von Marguerite de Valois und dem späteren Heinrich IV. ein prachtvolles Ballett aufgeführt: La Défense du Paradis, dessen Bühnenbild den Himmel darstellte – in Form eines großen Rades mit den Symbolen der Tierkreiszeichen, sieben Planeten und unzähligen kleinen Sternen.
Der Sternenhimmel war ein wiederkehrendes Motiv in den höfischen Balletten der Renaissance. Schon 1490 gestaltete Leonardo da Vinci die Fête du Paradis, in der die sieben platonischen Planeten aus dem Ur-Ei des Kosmos hervorgingen. In England ließ Thomas Campion 1607 in seinem Masque of Lords den Morgenstern zu den Gesängen des Chors die Himmelskörper erscheinen.
Die Festinszenierungen am Hof der Medici zwischen 1608 und 1615 – darunter eine berühmte Nuit d’Amour – prägten dieses eigenständige Genre nachhaltig. Die Sternennacht war nicht nur ein Symbol für Liebesgefühle, sondern hatte auch eine politische Bedeutung. So etwa im Ballet comique de la Reine am Hof Katharinas von Medici, in Monteverdis Amours de Diane et Endymion, einem Intermedium zur Hochzeit Marguerite de Médicis, oder später im Ballet royal de la Nuit, in dem Ludwig XIV. als Sonnenkönig in einer heliozentrischen Vision – inspiriert von Galilei – tanzte.
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Gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstanden im Zuge der Wiederbelebung antiker Formen experimentelle Werke, die sich intensiv mit poetischer Metrik auseinandersetzen. Die griechische Tragödienpoesie zeichnete sich durch eine enorme rhythmische Vielfalt aus, begründet in der differenzierten Akzentuierung ihrer Sprache. Um ähnliche Wirkungen bei ihrem Publikum zu erzielen, bemühten sich die Dichter der Pléiade und der Académie de Baïf, Dichtung und Musik „nach antikem Vorbild“ zu vereinen – mit klar definierten Versmaßen, gebildet aus langen und kurzen Silben.
Diese Experimente wirkten sich auch auf die italienische Dichtung aus (besonders bei Chiabrera) und damit auf die Musik. Zarlinos Istitutioni harmoniche beschreiben Ballette, die auf metrischen Mustern basieren. Die Metrik war auch für Monteverdi ein zentrales Anliegen, wie etwa das Vorwort zu seinem achten Madrigalbuch zeigt. In L’Orfeo und den Scherzi musicali von 1607 begegnet man Versmaßen „nach antikem Modell“, etwa dem anakreontischen Metrum.
Es besteht eine proportionale Beziehung zwischen musikalischer Struktur und metrischem Stil. Doch ein Vespergottesdienst besteht aus Psalmen mit unregelmäßig langen Versen – die Übereinstimmung von poetischem und musikalischem Rhythmus, Grundlage jeder harmonischen Gestaltung, wird damit zur Herausforderung für den Komponisten.
Monteverdis Virtuosität zeigt sich gerade darin, dass er zwei scheinbar gegensätzliche Formen – Psalmen und Tanzmetriken – miteinander in Einklang bringt. Das Dixit Dominus ist ein Musterbeispiel: Der Psalm wechselt zwischen ungemessener Musik (Versetten in freiem Psalmton) und Tanzrhythmen (binär oder ternär), die von instrumentalen Ritornellen gegliedert werden. Der Rhythmus des Textes spiegelt durch Analogie – musikalisch wie spirituell – den Rhythmus des Kosmos.
Die Grundform der Vespern ist die Pavane mit ihrem binären Rhythmus: ein Spondeus (– –), abwechselnd mit einem Daktylus (– u u). Die Pavane wird traditionell mit der Gaillarde kombiniert, deren trochäisches Metrum – eine lange gefolgt von einer kurzen Silbe (– u) – den Dreiertakt bestimmt.
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Tanzende Verkündigung
Die Renaissance, tief geprägt von Dante und auch von Platon, stellte die Jungfrau Maria gerne ins Zentrum choreografischer Darstellungen – etwa in den Verkündigungsdarstellungen von Botticelli oder Lorenzo di Credi. Die gebeugten Knie, Gabriels gekreuzte Hände, der demütig geneigte Kopf der jungen Frau – all das beschreibt tanzähnliche, rhythmisch kontrastierende Figuren.
In Botticellis Mystischer Geburt schweben über Maria und dem Kind zwölf Engel in einem mystischen Reigen – sie symbolisieren die Stunden des Tages, die Monate, Marias Privilegien und die Anrufungen der Gläubigen.
Im Frühling thront die himmlische Venus, Sinnbild für Eintracht und Harmonie im Neuplatonismus, im Zentrum des Reigens der Grazien – wie Maria im blühenden Garten. Sie verkörpert die höchste Form der geistigen Liebe, jene, die die Seele zur reinen Erkenntnis emporführt.
SAPHIR UND PURPUR
In den Lauretanischen Litaneien wird Maria als „Spiegel der Gerechtigkeit“ und „Spiegel der Schönheit“ angerufen: die Sanftheit der dolce Maria, gleichgesetzt mit dem Mond, spiegelt das Licht Gottes, der als Sonne erscheint. Monteverdi widmet der Jungfrau seine Vespern – ein Werk voller Spiegelungen und klanglicher Reflexionen, das die spiegelartige Struktur der Psalmen musikalisch nachzeichnet.
Maria ist makellos, eine Reinheit, die sie præclarissima – „überaus lichtvoll“ – macht. Und darum ist sie schön, denn Schönheit, so Thomas von Aquin, entsteht aus drei Dingen: Proportion, Vollkommenheit und Klarheit.
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In der Malerei erscheint Maria traditionell in Blau gekleidet – und nichts Geringeres als fein zerstoßener Lapislazuli, ein seltener und kostbarer Stein, galt als angemessen für die Königin des Himmels. Papst Paul V. ließ um das Marienbild in der Kapelle von Santa Maria Maggiore ein prachtvolles Retabel aus Lapislazuli errichten.
In einer anderen Kapelle, im Quirinalspalast, ließ derselbe Papst eine Freske malen, die Maria beim Sticken zeigt. Die Szene entstammt den apokryphen Evangelien: Die Hohenpriester hatten Jungfrauen bestimmt, um den Tempelvorhang zu weben, und Maria, durch das Los erwählt, erhielt den Purpur und das Scharlachrot. Diese Farben verweisen prophetisch auf die Passion Christi: „Sie zogen ihm seine Kleider aus und legten ihm einen Purpurmantel um.“ Das Rot – Farbe des Blutes – symbolisiert die menschliche Natur Christi und seiner Mutter.
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Im 16. Jahrhundert veränderte sich das Harmonieverständnis: Während zuvor Harmonie als Reduktion der Vielheit auf die Einheit galt, wurde sie nun zur Darstellung von Einheit in der Vielfalt – zur Übereinstimmung des Verschiedenen. Der Einfluss der venezianischen Malerei, ihrer farblichen Nuancen, ihrer Lichtmodulationen und harmonischen Tonwerte prägte auch das musikalische Denken. Für Zarlino erfreuen sich die Sinne nicht an der Einfachheit, sondern an der Komplexität: Das Ohr genießt die Zusammensetzung der Klänge wie das Auge die Komposition der Farben.
Monteverdi macht sich diese Einsicht zu eigen. Er gestaltet seine klangliche Palette wie ein Maler seine Pigmente: Stimmen, Streicher, Holzbläser, Blechinstrumente und Orgel treten im Chor zusammen oder heben sich solistisch hervor, um den Text durch feine Farbwechsel, Intensitäten und Klangschattierungen auszuleuchten. Wie weiße Höhungen auf einem Gemälde, die Lichtreflexe suggerieren, beleuchtet die musikalische Ornamentik (la color) das disegno der Komposition mit leuchtenden, zarten Akzenten. Noch sind wir nicht im chiaroscuro Caravaggios wie im Kampf Tancredis mit Clorinda – das Kolorit der Vespern erinnert eher an Rubens: eine Antinomie von Kälte und Wärme, ein farbiges Mosaik, das sich um Rot und Blau gruppiert.
1608 – zwei Jahre vor der Veröffentlichung der Vespern – war Rubens in Rom, um den Auftrag für das Oratorium der Chiesa Nuova zu vollenden, die der Madonna della Vallicella gewidmet war. Der Maler bemühte sich, das mittelalterliche Gnadenbild und die moderne Malerei in einer einzigen, kunstvollen Komposition zu vereinen.
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