Jean Rondeau

Louis Couperin: The Complete Works

→Lange stand Louis Couperin im Schatten seines Neffen François; hier wird er zum Mittelpunkt einer ganzen Welt. Zehn CDs, fünf Cembali, zwei Orgeln und zwölf Stunden Musik bilden die erste Gesamteinspielung, die sein gesamtes bekanntes Werk bis hin zu den Stücken für kleines Ensemble umfasst. Ein monumentales, zugleich aber sehr persönliches Projekt: Couperin war der erste Komponist, dem Jean Rondeau im Alter von sechs Jahren am Cembalo begegnete.

Louis Couperin: The Complete Works
© Warner / Erato

Mit Louis Couperin: The Complete Works, am 14. November 2025 bei Erato erschienen und bei den Gramophone Awards 2026 als Aufnahme des Jahres ausgezeichnet, versammelt Jean Rondeau Louis Couperins bekanntes Werk für Cembalo, Orgel und Ensemble. Ergänzt wird die Zehn-CD-Box durch einen 66-minütigen Dokumentarfilm von Erwan Ricordeau sowie durch Werke von Komponisten, die Couperin umgaben, ihm vorausgingen oder auf ihn folgten – von Chambonnières und Froberger bis zu d’Anglebert und Robert de Visée. So entsteht nicht nur ein Werkkatalog, sondern eine ganze musikalische Landschaft des französischen 17. Jahrhunderts.

Louis, vor François

Louis Couperin starb 1661 im Alter von nur 35 Jahren, mehrere Jahre vor der Geburt seines berühmten Neffen François. Anfang der 1650er-Jahre kam er nach Paris und wurde 1653 Organist an Saint-Gervais; damit begann eine über mehrere Generationen währende Verbindung der Familie Couperin mit dieser Orgelempore. Vor allem aber wirkte er in einer entscheidenden Phase der französischen Tastenmusik: Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Jacques Champion de Chambonnières gewann das Cembalo an Bedeutung und entwickelte allmählich eine eigene musikalische Sprache.

Dennoch ist kein bekanntes Autograf seiner Werke erhalten; überliefert sind sie durch mehrere Abschriften aus dem 17. Jahrhundert. Dazu gehören Tänze – Allemandes, Courantes, Sarabanden, Chaconnen und Passacaillen –, Orgelstücke und einige Ensemblewerke, aber auch die berühmten unmensurierten Präludien, zu deren wichtigsten Vertretern Couperin zählt: Die Notation legt die Tonhöhen wesentlich genauer fest als ihre Dauer und lässt dem Interpreten damit einen beinahe improvisatorischen Freiraum. Diese Musik verlangt also Entscheidungen; ihre eigentliche Gestalt gewinnt sie erst im Moment des Spielens.

Eine Leidenschaft seit dem sechsten Lebensjahr

Für Jean Rondeau steht diese Musik fast am Anfang von allem. Das erste Stück, das er mit sechs Jahren bei Blandine Verlet am Cembalo erarbeitete, war tatsächlich ein unmensuriertes Präludium von Louis Couperin. Jahre später, als er eine Aufnahme mit Werken des Komponisten plante, stellte sich sehr schnell die Frage der Auswahl: Wie sollte sich ein Korpus, in dem er jedes Stück für notwendig hielt, auf achtzig Minuten reduzieren lassen? So wurde aus dem geplanten Album zunächst eine Einspielung des gesamten Cembalowerks, zu der später die Orgel- und Ensemblemusik hinzukam. Für die Vorbereitung des Projekts verzichtete Rondeau sogar ein Jahr lang auf Konzertauftritte.

Um dieser Gesamteinspielung eine Form zu geben, verteilt der französische Tasteninstrumentalist das Repertoire auf fünf Cembali und zwei Orgeln, darunter historische Instrumente in Colmar, Juvigny und Bolbec, deren jeweilige Klangfarben selbst an der Gestaltung des musikalischen Weges mitwirken. Werke von Froberger, Chambonnières, Gaultier, d’Anglebert oder Marais lassen zugleich hören, was Couperin von seiner Zeit aufnahm und was er an die nächste Generation weitergab. Die Gesamteinspielung versteht sich deshalb nicht als bloßer Katalog: Rondeau ordnet Werke, Instrumente und Stücke von Couperins Zeitgenossen so an, dass sich von einer CD zur nächsten ein zusammenhängender musikalischer Weg entfaltet.

Louis, ein lebendiges Porträt

Gerade darin beeindruckt dieses Unternehmen besonders. Rondeau sucht weder den permanenten virtuosen Effekt noch die Geschwindigkeit: Sein Spiel nimmt sich die Zeit, die Linien, die Dissonanzen und vor allem die Pausen hörbar zu machen, die diese Musik strukturieren. Die Phrasierung bleibt sehr frei, ohne ihre Richtung zu verlieren, die Tänze bewahren ihren jeweiligen Charakter, und die Präludien scheinen sich im Moment ihres Erklingens erst zu formen. Diese Beweglichkeit verleiht einer fast vierhundert Jahre alten Musik eine erstaunliche Unmittelbarkeit.

Die Vielfalt der Instrumente verhindert zudem, dass zwölf Stunden Tastenmusik auf eine einzige Klangfarbe verengt werden. Jedes Cembalo besitzt seinen eigenen Klangcharakter, die beiden Orgeln weiten den Raum plötzlich aus, und Aline Blondiaus Aufnahme lässt ihnen bemerkenswert viel Luft, ohne Härte oder künstliche Nähe. Jean Rondeau gelingt damit etwas, was das Wort „Gesamteinspielung“ nur selten verspricht: nicht einfach Werke anzuhäufen, sondern Lust darauf zu machen, von einem zum nächsten weiterzuhören. Couperin erscheint dadurch nicht größer aufgrund der Monumentalität der Box, sondern dem Hörer näher – freier, kontrastreicher und unberechenbarer. Ein lebendiges Porträt; eine herausragende Einspielung.