Voces Suaves & Michele Vannelli

Carissimi: Historia di Jephte

→Voces Suaves und Michele Vannelli nähern sich Carissimis „Historia di Jephte“ mit großer Sorgfalt und spürbarer Freude: Nichts ist überzeichnet, die Erzählführung trägt sich selbst, und aus dieser Präzision entsteht die Wirkung. Das Werk, in den 1640er Jahren entstanden, ist nie aus dem Repertoire verschwunden und wurde bis hin zu Händel bewundert, der den Schlusschor in seinem „Samson“ übernahm.

Carissimi: Historia di Jephte

Die Historia di Jephte verdankt ihre Wirkung einem Widerspruch: Sie ist ein liturgisches Werk, bestimmt dazu, die gewöhnlichen Messgesänge an hohen Festtagen zu ersetzen, und entfaltet dabei eine Theatralik, die dem aufkommenden Opernschaffen ihrer Zeit in nichts nachsteht. Carissimi erzählt die Geschichte des Kriegers Jephtha, der vor der Schlacht gegen die Ammoniter das unbesonnene Gelübde ablegt, Gott das erste Lebewesen zu opfern, das ihm aus seinem Haus entgegenkommt. Es wird seine einzige Tochter sein. Der dramatische Umschwung, der darauf folgt, von kriegerischem Jubel zur Totenklage, gehört zu den erschütterndsten Momenten der Musik des 17. Jahrhunderts.

Die Entscheidung, die originale Besetzung mit Violinstimmen aus anderen Werken Carissimis anzureichern, sagt viel über den Anspruch dieser Einspielung aus, die Michele Vannelli hier mit dem Basler Vokalensemble Voces Suaves vorlegt. Eine in Rom der 1650er Jahre belegte Praxis, die der Musik ein Gewicht und eine klangliche Weite verleiht, die ihr sonst fehlen würde. Das Plorate colles, getragen von den Sopranistinnen Mirjam Wernli und Christina Boner, erreicht eine stille Intensität, bei der man den Atem anhält, und der Schlusschor Plorate filii Israel, jener, den Händel in seinem Samson zitierte, erklingt mit einer herben, schmucklosen Würde, die erklärt, warum dieses Werk nie wirklich aus dem Gedächtnis verschwunden ist.

Zwei Motetten zu fünf Stimmen von Carissimi rahmen den Dialog Cristo smarrito von Domenico Mazzocchi ein, einer zu Unrecht wenig beachteten Gestalt, die Kircher einst als Erfinder des chromatischen Stils feierte. Sein Miniatur-Oratorium, auf einen Text von Marino, mit dem Lamento della Beata Vergine in Tönen, die eher sinnlich als geistlich wirken, verleiht dem Programm eine unerwartete expressive Tiefe. In der Martinskirche in Basel mit großzügiger Akustik aufgenommen, gehört diese Einspielung zu den bemerkenswertesten Veröffentlichungen der Saison.