In der Zusammenarbeit des spanischen Cembalisten Darío Tamayo, Leiter des Íliber Ensemble, und des Musikwissenschaftlers sowie Multi-Instrumentalisten Rubén García-Benito, Gründer von Todos los Tonos y Ayres, vereinen sich zwei komplementäre Ansätze: einerseits die musikalische Umsetzung und klangliche Verkörperung des Programms, andererseits die historische Forschungsarbeit, die dessen Gerüst bildet. Gemeinsam zeichnen sie das Schicksal von Diego de Pantoja (1571–1618) nach, einem Jesuitenmusiker im Herzen des chinesischen Kaiserhofs. Als klangliche Entdeckungsreise gestaltet, lässt El clave del Emperador (Das Cembalo des Kaisers) europäische, chinesische und mongolische Instrumente um jenes Cembalo kreisen, das einst als diplomatisches Geschenk die Mauern der Verbotenen Stadt erreichte. Von der Erstellung des Programms über die Verbreitung der Repertoires und die narrative Kontinuität der CD bis hin zur Frage des Dialogs zwischen den Kulturen beleuchtet das Interview die Hintergründe eines ebenso gelehrten wie einfühlsamen Projekts.
Ihr Programm dreht sich um die Figur von Diego de Pantoja, einem Musiker und Missionar im Herzen der chinesischen Verbotenen Stadt. Wie haben Sie diese CD konzipiert, um diese Begegnung zwischen Europa und China zu erzählen und sie zu einer echten Reise für den Zuhörer zu machen?
Darío Tamayo: Beim Zuhörer das Gefühl einer klanglichen Reise zu wecken, gehört zu den Leitprinzipien jeder Projektentwicklung des Íliber Ensembles – folgerichtig war dies auch ein Hauptziel unserer Einspielung. Um diese Herausforderung zu meistern, war es unerlässlich, ein Repertoire zusammenzustellen, welches das Leben, Werk und Vermächtnis von Diego de Pantoja präzise widerspiegelt und zugleich jenen künstlerischen wie kulturellen Austausch beleuchtet, den seine Ankunft in der Verbotenen Stadt ermöglichte. In dieser Hinsicht erschien uns das Bild des Cembalos besonders aussagekräftig: Pantoja war Cembalist und nutzte das Instrument als diplomatisches Geschenk, um Zugang zum chinesischen Kaiserhof zu erlangen. Zudem haben wir das Programm so entworfen, dass orientalische Instrumente im Laufe der CD sukzessive in Erscheinung treten, um mit den europäischen Instrumenten in einen Dialog zu treten und ein Wechselspiel der Entsprechungen zu erzeugen. All diese Elemente erlaubten es uns, eine klangliche Erzählung zu entfalten, die den Hörer auf eine Reise durch Zeit und Raum mitnimmt, vom Spanien des Goldenen Zeitalters bis zum China der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Rubén García-Benito: Die Idee der Klangreise bildet das Herzstück dieses Projekts. Sie fügt sich nahtlos in die Philosophie ein, die wir seit Jahren bei Todos los Tonos y Ayres verfolgen: Wir begreifen unsere Programme als musikalisch gegliederte, historische Erzählungen. Im Falle von Diego de Pantoja stützte sich dieser Ansatz auf eine umfassende, ensembleinterne Forschungsarbeit. Diese erlaubte es uns, ein solides narratives Fundament zu legen, bevor wir mit der künstlerischen Umsetzung begannen. Unser Ziel war die Rekonstruktion des spezifischen „Klangraums“, der Pantoja umgab: Dabei ging es nicht nur um die Musik seiner Epoche oder der besuchten Orte, sondern auch um jene Klänge, die sich über fast zwei Jahrhunderte hinweg in seinem Einflussbereich entfalteten. Von dort aus ging es darum, dieses historische Geflecht in ein stimmiges musikalisches Erlebnis zu übersetzen, in dem das Cembalo, ein Instrument, das Diego de Pantoja selbst spielte und das er als diplomatisches Geschenk nutzte, um Zugang zum chinesischen Kaiserhof zu erhalten, zur strukturellen Achse des Programms wird. Die schrittweise Einbindung orientalischer Instrumente ist nicht nur eine klangliche Entscheidung, sondern eine Möglichkeit, diesen historischen Prozess der Begegnung, der Anpassung und des kulturellen Dialogs hörbar zu machen, der Pantojas Werdegang prägt.
Das Album beleuchtet eine enorme musikalische Vielfalt, ein Spiegelbild des fast zwei Jahrhunderte währenden Austauschs am chinesischen Kaiserhof. Nach welchen Kriterien wurden die Werke ausgewählt, um diesen Reichtum und das Fließen der verschiedenen Stile hörbar zu machen?
R. G.-B.: Die Auswahl der Werke ist Teil einer Forschungsarbeit, die im Rahmen von „Todos los Tonos y Ayres“ durchgeführt wurde und für dieses Projekt zu einer spezifischen akademischen Vertiefung geführt hat. Ein Teil dieser Ergebnisse wurde bereits in Form von Buchkapiteln und Fachartikeln veröffentlicht, und wir setzen diese Arbeit mit neuen Publikationen fort, die für 2026 geplant sind. Aus musikalischer Sicht wollten wir über das stilistische Spektrum hinaus eine Reihe von „Koordinaten“ rund um die Figur Pantojas definieren: institutionelle Kontexte, Verbreitungsnetzwerke, dokumentierte Praktiken und Räume des Austauschs. Dies ermöglichte es uns, mit unterschiedlichen Graden der Nähe, zeitlicher, geografischer oder kultureller Art zu arbeiten und so ein Programm zu entwickeln, das sich nicht auf eine rein dokumentarische Rekonstruktion beschränkt, sondern eine starke historische Kohärenz bewahrt.
D. T.: In der frühen Phase der Projektentwicklung trug Rubén García-Benito fast vier Stunden Musik zusammen, die auf vielfältige Weise mit der Welt von Diego de Pantoja verknüpft ist. Ausgehend von dieser umfassenden Materialfülle haben wir einen sorgfältigen Auswahlprozess vorgenommen, um dem Album Gestalt zu verleihen. Dabei leiteten uns drei grundlegende Kriterien: erstens der Grad der Übereinstimmung jedes Werks mit den heraufzubeschwörenden historischen Ereignissen; zweitens die künstlerische Qualität; und schließlich die Fähigkeit, sich organisch in die programmatische Einheit des Programms einzufügen. Hinsichtlich der Interpretation entschieden wir uns bei einem Großteil des Repertoires für ein Zusammenspiel europäischer, chinesischer und mongolischer Instrumente, um jene Praktiken nachzubilden, die am Qing-Hof bereits seit Mitte des 17. Jahrhunderts belegt sind.

Die Stücke folgen ohne Unterbrechung aufeinander, in einer fast erzählerischen Form. Warum haben Sie sich für diese Kontinuität entschieden und inwiefern verändert sie die Art und Weise, wie man das Programm hört und versteht?
D. T.: Bei der Entwicklung des Programms haben wir uns für diese ununterbrochene Kontinuität entschieden, um seine Dimension als einheitliche Erzählung zu verstärken, wie es bei den Projekten des Íliber Ensemble oft der Fall ist: Unser Wunsch war es, dass der Zuhörer die Aufnahme nicht als eine Sammlung von Fragmenten wahrnimmt, sondern in einen kontinuierlichen Klangfluss eintaucht, der diese Idee der Reise, von der wir gesprochen haben, unterstreicht. Diese Entscheidung verändert das Hörerlebnis grundlegend, denn sie fördert ein ganzheitliches Verständnis des musikalischen Diskurses, verdeutlicht dessen Struktur und verstärkt dessen Auffassung als Klangreise, bei der der Sinn weniger in der Individualität jedes einzelnen Stücks liegt als vielmehr in der Art und Weise, wie sie sich aneinanderreihen und miteinander in Dialog treten.
R. G.-B.: Die Kontinuität zwischen den Stücken entspringt der strukturellen Konzeption des Programms. Sie spiegelt unser Verständnis des Konzerts als Erzählung wider – ein Ansatz, den wir bei Todos los Tonos y Ayres seit Jahren konsequent entwickeln. Statt die Werke als isolierte Einheiten zu präsentieren, gruppieren wir sie in thematische Blöcke, die wie Kapitel einer zusammenhängenden Geschichte wirken. Dieses Vorgehen erlaubt es, innerhalb jedes Blocks weitläufigere Szenen zu entfalten, und schafft ein immersives Hörerlebnis, bei dem das Publikum nicht fortwährend aus dem musikalischen Fluss gerissen wird. Im Konzertkontext erweist sich diese Kontinuität als besonders wirkungsvoll, um jenes Gefühl einer „Reise“ zu bewahren, das uns die Zuhörer oft als sehr eindrücklich beschreiben. Für die CD wollten wir diese Logik beibehalten und die ursprüngliche programmatische Struktur wahren, auch wenn das Erlebnis naturgemäß ein anderes ist. Der eigentliche Sinn liegt somit weniger in jedem einzelnen Stück als vielmehr in den Bezügen, die zwischen ihnen entstehen, und in ihrer Fähigkeit, einen kontinuierlichen historisch-musikalischen Erzählbogen zu spannen.

Mit diesem Projekt würdigen Sie eine historische Persönlichkeit, bieten aber auch ein sehr lebendiges und einfühlsames Erlebnis. Wenn Sie ein Stück empfehlen müssten, um in dieses Universum einzutauchen, welches würden Sie wählen? Und gibt es einen Moment oder ein Werk im Programm, das Sie persönlich besonders berührt?
R. G.-B.: Mehr als ein bestimmtes Werk würde ich bestimmte Momente hervorheben, in denen der Dialog zwischen den Traditionen klanglich besonders deutlich wird. Es sind Momente, in denen die im Rahmen des Projekts betriebene historische Forschung, ihre musikalische Umsetzung und die Interpretation auf besonders bedeutungsvolle Weise zusammenfließen und in denen man am deutlichsten das Ausmaß dieses kulturellen Austauschs wahrnimmt, den das Programm hervorheben möchte, sowie die Dimension der Kulturvermittlung, die die Figur Pantojas auszeichnet. Es sind diese Momente, die unserem Verständnis von Musik am nächsten kommen: als lebendige Brücke zwischen Epochen und Kulturen.
D. T.: Um vollständig in die ästhetische und klangliche Vorstellungswelt einzutauchen, die diese Aufnahme heraufbeschwört, wären die Divertissements chinois zweifellos die ideale Wahl, eine Sammlung chinesischer Unterhaltungsmusik, die der französische Jesuit Joseph-Marie Amiot zusammenstellte und 1779 zur Veröffentlichung nach Europa sandte. Wenn ich jedoch ein Werk wählen müsste, das für uns persönlich von besonderer Bedeutung ist, fiele meine Wahl auf den Tono hypodorio (hypodorischen Ton) des deutschen Universalgelehrten Athanasius Kircher. Dieses Stück basiert auf einer alten Kirchentonart von tiefem, ernstem und kontemplativem Charakter. Viel Freude beim Hören

Aktuelles
- Íliber Ensemble:
- 30. Juni – Held enthüllt, Festival für Alte Musik in Gijón, Centro de Cultura Antiguo Instituto Jovellanos, Gijón (Spanien)
- 7. Juli – Held enthüllt, ASISA-Musikfestival von Villaviciosa de Odón, Villaviciosa de Odón, Madrid (Spanien)
- 20. Juli – Held enthüllt, Sommermusikfestival von Ciutadella, Claustre del Seminari, Ciutadella, Menorca, Balearen (Spanien)
- 23. Oktober – Ardientes, Festival für geistliche Musik in Granada, Granada (Spanien)
- Todos los Tonos y Ayres:
- 4. Juli – Seidenmädchen, 7. Festival für Alte Musik „El Corazón del Cancionero“, Teatro Liceo, Baena (Spanien)
- 18. Juli – Seidenmädchen, Musik- und Kulturerbe-Festival „EnClaves“, Iglesia San Jorge de la Alcalá, Alcalá de los Gazules (Spanien)
- 13. September – Die unendlichen Jaden, 3. Festival für Alte Musik von Villanueva de Huerva, Iglesia de Nuestra Señora de los Ángeles, Saragossa (Spanien)


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