Gabrielle Rubio

Die Traversflöte

→Für ihr erstes Recital bei Harmonia mundi kehrt Gabrielle Rubio zu jenen Komponisten zurück, die der französischen Traversflöte erstmals zu künstlerischem Ansehen verhalfen. Von Michel de La Barre bis Michel Blavet, über Hotteterre, Philidor, Boismortier und Couperin, entwirft die junge Flötistin eine Reise durch Tänze, Träumereien und musikalisches Helldunkel – von der gedämpften Intimität der königlichen Kammer bis zu den Salons des 18. Jahrhunderts.

Die Traversflöte
© harmonia mundi

Michel de La Barre, Jacques-Martin Hotteterre und Pierre Danican Philidor gehörten zu den ersten Komponisten, für die sich Gabrielle Rubio begeisterte, als sie die Barockmusik entdeckte. So lag es nahe, diese prägenden Gestalten in den Mittelpunkt ihres ersten der Flöte gewidmeten Aufnahmeprojekts zu stellen. Alle drei waren mit der königlichen Musik verbunden und wirkten gegen Ende der Regierungszeit Ludwigs XIV. an der Herausbildung einer Ästhetik mit, in der die Traversflöte ihre eigene Stimme fand: rund, geschmeidig und eng an der gesungenen Deklamation orientiert. Ergänzt wird das Programm durch Boismortier und Blavet, deren Musik den Wandel des Geschmacks während der Régence und unter Ludwig XV. spiegelt, als sich die französische Tradition der italienischen Virtuosität und dem galanten Stil öffnete.

Den Tanzsuiten von Hotteterre, La Barre und Philidor stehen die brillanteren Sonaten von Blavet und Boismortier gegenüber. Das Album führt von der Allemande La Cascade de Saint-Cloud zum Rondeau Le Plaintif, von der Chaconne der Sonate l’Inconnue zu Blavets Les Caquets und endet mit François Couperins Les Bergeries, von Blavet bearbeitet und hier für Flöte und Viola da gamba neu eingerichtet. Dabei werden die Werke nicht einfach aneinandergereiht: Das Programm erzählt von der allmählichen Verwandlung eines im 17. Jahrhundert noch seltenen Instruments, das innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem Sinnbild französischer musikalischer Eleganz wurde.

Um diese klangliche Entwicklung hörbar zu machen, spielt Gabrielle Rubio zwei Traversflöten mit unterschiedlichem Charakter. Eine Kopie eines dreiteiligen Instruments von Jean Hotteterre, rund und samtig im Klang, begleitet die französischen Suiten; ein späteres, von Pierre-Gabriel Buffardin inspiriertes Modell, brillanter und beweglicher, kommt in den Sonaten von Blavet und Boismortier zum Einsatz. Aufgenommen wurde zudem in der mit der königlichen Kammer verbundenen Stimmung von 400 Hz, einer mittleren Tonhöhe, die den historischen Instrumenten besondere Wärme und Geschmeidigkeit verleiht. Lukas Schneider an der Viola da gamba, Thibaut Roussel an Theorbe und Barockgitarre sowie Cécile Chartrain am Cembalo begleiten die Flötistin bei dieser Suche nach Klangfarben und musikalischem Atem.

Das im August 2026 erschienene Album La Traversière. Airs et songes zeichnet daher nicht nur das goldene Zeitalter eines Instruments nach. Unterstützt vom Centre de musique baroque de Versailles im Rahmen des Programms Lab’baroque, lädt es dazu ein, eine französische Kunst des wortlosen Singens wiederzuentdecken, geprägt von Verzierungen, Eleganz und feinen Nuancen. Gabrielle Rubio lässt in diesen Werken die Atmosphäre eines von Kerzen erhellten Abends in Versailles wiederaufleben, bevor die Musik den Hörer, wie sie selbst hofft, „auf den Weg der Träume“ führt.