Mit Missae Angelus Domini & Dum complerentur, erschienen bei CORO, schließen I Fagiolini und Robert Hollingworth ein Projekt ab, das drei Jahre zuvor rund um einen bis heute erstaunlich selten eingespielten Komponisten begonnen hatte: Orazio Benevoli (1605–1672). Als Kapellmeister der Cappella Giulia am Petersdom in Rom führte er die Kunst der mehrchörigen Messe (cori spezzati) des 16. und 17. Jahrhunderts zu bemerkenswerter Blüte: Stimmen antworten einander, verbinden und überlagern sich, bis sie den Raum der großen römischen Kirchen vollständig erfüllen.
Den Auftakt bildete 2023 die Missa Tu es Petrus, eine groß angelegte vierchörige Messe auf Grundlage von Palestrinas berühmter Motette, die erstmals eingespielt wurde. Ein Jahr später folgte die ebenfalls vierchörige Missa Benevola. Diese beiden ersten Folgen formulierten bereits das Prinzip des gesamten Projekts: jenen römischen „Colossal Baroque“ wieder hörbar zu machen, bei dem klangliche Monumentalität weder die Beweglichkeit der Linien noch das Spiel mit Rhythmus und Kontrasten zwischen den verschiedenen Vokalgruppen ausschließt. Beide Alben fanden bereits große Beachtung: Das erste war Finalist bei den Presto Recordings of the Year 2023, das zweite bei der Ausgabe 2024.
Der abschließende Teil erweitert das Panorama um zwei sehr unterschiedliche Werke. Die für Ostern bestimmte Missa Angelus Domini ist dreichörig angelegt; die vierchörige Missa Dum complerentur nimmt Palestrinas sechsstimmige Motette Dum complerentur dies Pentecostes zum Vorbild, die ebenfalls auf dem Album zu hören ist. Zusammen mit Alessandro Grandis Plorabo die ac nocte zeichnet das Programm so einen liturgischen Weg von Ostern bis Pfingsten nach.
Dieses Prinzip der Mehrchörigkeit steht im Zentrum von Benevolis Musiksprache. Bei großen römischen Festgottesdiensten konnten die Chöre im Kirchenraum verteilt, mitunter sogar verdoppelt oder verdreifacht und auf eigens errichteten Podesten aufgestellt werden; Assistenten übermittelten dabei den Schlag des maestro von einer Gruppe zur nächsten. Manche Stücke greifen sogar auf die sogenannte Technik des tenere la mula zurück: Die Oberstimmen der verschiedenen Chöre halten eine langsam geführte Linie, während sich die tieferen Stimmen darunter zunehmend beleben.
Die Wiederentdeckung scheint Früchte getragen zu haben. Das am 3. April 2026 erschienene Album wurde im Mai von Gramophone zum Editor’s Choice gewählt, im Juni in der BBC-Radio-3-Sendung Record Review zum Record of the Week gekürt und anschließend in der Kategorie Choral für die Gramophone Awards 2026 nominiert. Eine Anerkennung, die ein Projekt abschließt, das weniger als archäologische Kuriosität gedacht ist denn als Rückführung eines noch immer weitgehend vergessenen Kapitels des römischen Barock in das heutige Repertoire.



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