Angesichts der Begeisterung, die das sogenannte „barocke“ Repertoire heute erlebt, zieht Frédérick Haas Bilanz in einem Werk mit dem nüchternen Titel „Barockmusik?“. Können wir aber überhaupt genau definieren, was Barockmusik ist? Und warum sollten wir sie heute spielen? Worauf sollte die Wiederbelebung von Aufführungspraktiken beruhen, die weiterhin die Faszination von Musikern und Zuhörern nähren können? Total Baroque Magazine lädt Sie ein, dieses Buch hier in Form einiger Leseproben zu entdecken.
Frédérick Haas ist Cembalist. Er lebt in Avignon und unterrichtet Cembalo am Königlichen Konservatorium in Brüssel. Seine Diskografie umfasst Werke von F. Couperin, J.S. Bach, D. Scarlatti, J.-H. d’Anglebert, J.J. Froberger, J.-Ph. Rameau.
Auszüge aus der Barockmusik? Reihe Essais, Les Belles Lettres, 396 Seiten, auf Französisch, Erscheinungsdatum: 5. März 2025.
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Die sogenannte Erneuerungsbewegung der Barockmusik der Jahre 1960–1980 übernahm die köstlich subversive Aufgabe, die erdrückende Anhäufung von Verpflichtungen aufzubrechen, welche die Traditionen geformt hatten, deren Hüter die musikalische Institution war – zu einem Zeitpunkt, als diese Traditionen bereits vollkommen lähmend geworden waren. Wir wurden Zeugen eines Aufatmens der Geschichte, das — zu einem Zeitpunkt, als die klassische Musik dem Erstickungstod nahe war, gefangen in der ermüdenden Wiederholung stumpf gewordener Prinzipien, unter der Herrschaft von Meistern, die kaum mehr glaubwürdig waren, weil sie kaum mehr schöpferisch tätig waren — Bewegung erzeugte. Was nicht mehr gesagt oder getan werden konnte angesichts von Komponisten und Werken, die unter einem Katafalk untadeliger Praktiken mumifiziert, in den willkürlichen Hierarchien allzu gut etablierter Musterschüler einzementiert waren, konnte nun aus einer anderen Perspektive heraus artikuliert werden: Es musste erst eine neue Lebendigkeit entstehen, ein anderes Repertoire.
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Eine der bemerkenswertesten Leistungen dieser an Objektivität orientierten Bewegung war die vehemente Wiederherstellung eines Bewusstseins für musikalische Strukturen, die in den Interpretationen einer Generation von Musikern verwässert worden waren, die selbst keine Komponisten mehr waren. Dieses Bewusstwerden fiel in eine Zeit, in der der Strukturalismus – bekämpft oder infrage gestellt, verworfen oder bedenkenlos als Kampfruf oder Schmähung verwendet – seine Blütezeit in verschiedenen künstlerischen und intellektuellen Bewegungen erreichte. Die Erneuerung der Barockmusik fiel ziemlich genau mit den Turbulenzen zusammen, die die postromantischen, bürgerlichen akademischen Traditionen aufrüttelten und regenerierten – ein gewaltiger historischer Impuls, der unsere Gesellschaften und unsere Kultur überrollte. Diese präzise Übereinstimmung mit der pulsierenden Energie des Moments erklärt den spontanen und nachhaltigen Erfolg: Denn wenn er unerwartet war, weil revolutionär – also durchdrungen von vitaler Energie –, so war er zugleich im Vorhinein zum Scheitern verurteilt, weil revolutionär – also zwangsläufig randständig. Doch hin und wieder gibt es Revolutionen, die gelingen, einfach weil ihre Zeit gekommen ist – und das genügt.
Die Avantgarde der westlichen Künste war damals geeint in einer strikten Ablehnung der stereotypen Formeln jener etablierten Produktion, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts institutionalisiert hatte. In dieser war Expressivität, verzweifelt gesucht, in einer immer exzessiveren Großsprecherei erstarrt. Es ging nun darum, über das hinauszuwachsen, was – als bloßes Dekor oder Ornament – in einer endlosen Referenz an fest katalogisierte Stile (Renaissance, Antike, Klassik im Stil des 18. Jahrhunderts, Gotik, Romanik, Orientalismen …) eingefroren war, ohne echtes Verständnis für ihre Funktionsweisen. Der Historismus hatte das damals bekannte Repertoire der Epochen und Kulturen in einer willkürlichen Mischung vereint – und so letztlich zu einer erschreckenden Leere in Sachen Erfindungskraft und Kreativität geführt. Als natürliche Reaktion auf diese lange Phase der Regression begann man, nach reinen, nackten Formen zu suchen, die ihre strukturelle Logik freilegten – oft sogar bis zur Reduktion auf bloße Strukturen, entkleidet von Ornament, Affekt und Ausdruck.
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Es stellen sich also einfache, aber essenzielle Fragen: Was ist ein Künstler? Wozu dient er? Welche Rolle hat er? Was ist ein Stil? Was bedeutet Ausdruck? Was bedeutet Moderne? Die Pioniere der Alten Musik wiesen mit Nachdruck die prometheische Idee eines Künstlers zurück, den sie als romantisch ansahen und den sie radikal auslöschen wollten – samt dem Drang zur subjektiven Expressivität, den sie entschieden ablehnten. Gleichzeitig jedoch spielten sie mit größter Intensität – allerdings mit dem Anspruch, ein handwerklich effizientes Musizieren unter dem Deckmantel historizistischer Objektivität zu betreiben – ausschließlich die Werke der größten alten Meister. Jener Meister also, deren schöpferischer Geist die Formen und Autoritäten ihrer Zeit befruchtet, transzendiert, und auch herausgefordert hatte: Claudio Monteverdi, Johann Sebastian Bach, Jean-Philippe Rameau …: große Zeugen ihrer Epoche, deren Werk sich sehr deutlich von der großen Masse des ‚musikalischen Dekors‘ ihrer Zeit abhebt. Diese großen Künstler, die uns stets als erstaunliche Vorreiter erscheinen, stehen in einem beständigen Widerspruch zu ihrer eigenen Zeit.
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Wir sind nun an einem Punkt angelangt, an dem es sinnvoll ist, innezuhalten und nachzudenken. Ein starker Modeeffekt hat den Aufführungspraktiken, die aus der sogenannten Erneuerungsbewegung der Barockmusik hervorgegangen sind, die Möglichkeit kommerziellen Erfolgs beschert. Wie jede Mode zog auch diese ein breiteres Publikum an, das nach einem leicht wiedererkennbaren Produkt verlangte. Die großen musikwissenschaftlichen Forscher stützten sich auf das, was zu Recht als solide und bewährte Grundlage galt. Diese Grundlagen werden nicht mehr hinterfragt – ihre Stabilität und Gültigkeit stehen außer Diskussion. Aus zwei Gründen: Zum einen ist die Forschung großenteils mit anderen Themen beschäftigt, und es ist nicht machbar und sinnvoll, bereits Bekanntes ständig neu zu hinterfragen. Zum anderen hat die Forschung kommerziell nahezu keine — oder nur sehr langsam — Ergebnisse vorzuweisen, da sie Neues vorschlägt, während der nachlassende Trend sich äußerst geschickt darin zeigt, die halb bewussten Erwartungen des Publikums zu bedienen und damit maximalen Gewinn zu erzielen. Das führt zu jenem typischen perversen Effekt der Dekadenz einer Bewegung: Die Forschung vervielfacht sich und zerfasert sich in zahllosen Randfragen, die sich immer weiter vom eigentlichen Zentrum entfernen, während das endlich informierte Publikum begeistert „Neuerungen“ feiert, die in Wirklichkeit gar keine sind.
Heute wollen wir diese effektiven Strukturen mit Gefühl versehen, sie verzieren, verbergen, mit ihren trügerischen Erscheinungen spielen: Die Mode tendiert zu Improvisation im Stil einer jeweiligen Komposition, zu möglichst üppiger Ornamentik, zu Happenings, zu explosiven Begegnungen zwischen Kulturen und Genres. Gelingt es uns dabei, das Bewusstsein für diese Strukturen zu bewahren, während wir uns gleichzeitig ihrer Erstarrung widersetzen, könnte das ein Zeichen sein, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem wir der Auseinandersetzung mit den barocken Künsten eine gerechtere, vor allem aber eine stärkere, erschütterndere Bedeutung verleihen können. Denn genau hier berühren wir das, was ihr wahres Wesen ist.
Wenn jedoch unsere Art, ihnen Gefühl und Leben angedeihen zu lassen, nur äußerlich bleibt, wenn wir nicht in der Lage sind, die Lebenskraft hinter den unvollkommenen Parolen zu entdecken, dann verfehlen wir schlicht und einfach den künstlerischen Ansatz. Es ist an der Zeit, damit aufzuhören, unsere Musik in der vergeblichen Hoffnung zu dekorieren, dass sie dadurch der breiten Masse gefällt und uns deren Zustimmung und Geld einbringt. Vielmehr ist es dringend erforderlich, jene ökonomische Besorgtheit aufzugeben, die uns diametral von unserer Berufung entfernt – jener Berufung, von der jeder junge Künstler geträumt hat — und sei es auf Kosten der Realität. Vor allem aber müssen wir unseren kritischen Blick schärfen, um nicht in der Produktion musikalischen Mobiliars zu enden, die vage äußere Erwartungen befriedigt, aber in keiner Weise die brennenden Fragen der Kunst und der Kreativität beantwortet. Hier kommt die Bedeutung des Stils ins Spiel: Denn echte schöpferische Spontaneität entfaltet sich erst, wenn die strukturellen Möglichkeiten eines Stils vollkommen verinnerlicht sind. Solange wir diesen Punkt nicht erreicht haben, betreiben wir bestenfalls Augenwischerei – alles Dinge, die eine gut programmierte Maschine besser erledigen kann als wir selbst. Das also ist noch keine echte Kreativität.


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