Der italienische Dirigent und Cembalist Andrea Marcon, seit 2010 künstlerischer Leiter des Ensembles La Cetra in Basel, blickt auf die Geschichte des Orchesters und seine Beziehungen zur berühmten Schola Cantorum Basiliensis zurück. Und er erzählt uns von seinem Traum vom Bach-Zyklus.
Ein Studentenorchester der Schola Cantorum ohne Namen
Andrea Marcon : Die Geschichte von La Cetra beginnt Ende der 1990er Jahre, als Peter Reidemeister, damaliger Direktor der Schola Cantorum Basiliensis, den langgehegten Wunsch Realität werden lassen wollte, ein professionelles Orchester im Rahmen der Schola zu gründen. Ich war damals gerade zum Cembalo-Professor an der Schola berufen worden und bereits sehr aktiv mit Ensembles wie den Sonatori de la Gioiosa Marca und dem Venice Baroque Orchestra. Peter fragte mich, ob ich mir ein Programm für ein großes Orchesterprojekt vorstellen könne. So kam es 1998 zu einem ersten Konzert mit einem Ensemble ohne offiziellen Namen, aber mit klarer künstlerischer Vision: einem Abend mit Werken von Locatelli, einem damals kaum gespielten Komponisten. Giuliano Carmignola war Solist, ich am Cembalo, und die musikalische Leitung teilten wir uns. Der Erfolg dieses Abends war überwältigend und legte den Grundstein für das, was bald La Cetra werden sollte. Die Reaktionen des Publikums und der Kollegen machten schnell deutlich, dass hier eine echte Lücke gefüllt wurde – die Idee eines professionellen Ensembles mit Wurzeln in der Schola war geboren.
Von der Projektgruppe zum Klangkörper mit Identität
In den ersten Jahren war La Cetra kein festes Ensemble, sondern eher eine wechselnde Gruppe aus Lehrenden der Schola und talentierten Studierenden oder Absolventen. Jedes Projekt war ein Neubeginn. Ich beobachtete diese Entwicklung zunächst aus der Distanz. Erst 2009 übernahm ich dann die musikalische Leitung und stellte dabei eine zentrale Bedingung: La Cetra sollte kein sogenanntes « Telefonorchester » mehr sein. Ein Orchester braucht ein stabiles Fundament, eine gemeinsame Klangsprache und Vertrautheit unter den Musikern. Wir begannen, ein Kernteam von etwa 25 Musikern aufzubauen, aus dem sich je nach Programm die Besetzung rekrutiert. Dieses Modell, inspiriert vom Mannschaftssport, hat sich sehr bewährt. Heute hat La Cetra einen unverwechselbaren Klang, der aus dieser Kontinuität und Teamarbeit entsteht. Dieses Fundament ermöglichte es uns, größere Projekte wie Opernproduktionen oder zyklische Aufführungen komplexer Werke zu stemmen – mit einem Klangbild, das gewachsen und gereift ist.

Leidenschaftlich an alter Musik interessiert und möchten Sie diesen nur für Abonnenten zugänglichen Artikel lesen?
Wenn Sie noch kein Abonnent sind, treten Sie der internationalen Total Baroque-Community bei. Abonnieren Sie hier ab 5,00€.
AbonnierenWenn Sie bereits Abonnent sind, melden Sie sich an.
Ich melde mich an



Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden