In dem Moment, in dem das 300-jährige Jubiläum der Vier Jahreszeiten den europäischen Musikbetrieb prägte, erweist sich der Weg von Amandine Beyer als eine der markanten Erzählungen dieser musikalischen Odyssee – mit ihrer 2008 erschienenen Einspielung. In sehr jungen Jahren von dem Ensemble Les Passions eingeladen, erlebte sie in einer Kapelle in Toulouse im Süden Frankreichs eine wahre Zeitreise – bei der sie sogar ihre Geige im Bus vergaß. Einige Jahre später fand ihr Ensemble Gli Incogniti, damals noch auf der Suche nach einem Label, bei Zig-Zag Territoires eine Heimat und veröffentlichte eine Interpretation der Vier Jahreszeiten, die Geschichte schrieb. Doch fernab eines Hits, der alles andere überstrahlen würde, versteht Amandine Beyer dieses Werk als Vervielfachung der Möglichkeiten: unterschiedliche Editionen, poetische Sonette, Tempowahl, narrative Affekte und heute ein erneuertes Imaginäres durch den Dialog von Barockmusik und Live-Tanz, in dem die Geige mit den Körpern spricht. Zwischen gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Olivier Fourès geteilter Gelehrsamkeit und choreographischem Beben der Bühne entfaltet sich hier die Geschichte einer Interpretin, die von Vivaldi in Beschlag genommen ist – bis hin zu dieser getanzten Version der Vier Jahreszeiten.
Sie werden seit Ihrer Einspielung von 2008 eng mit den Vier Jahreszeiten verbunden. Wie begann Ihre Geschichte mit diesem Werk?
Amandine Beyer: Die begann völlig ungeplant, fast schon romanhaft. Sehr jung erhielt ich eine Einladung von Jean-Marc Andrieux, damals Direktor des Konservatoriums von Montauban und Gründer eines Ensembles, das zu jener Zeit noch Orchestre baroque de Montauban hieß und später zu Les Passions wurde. Ich war etwa 25 Jahre alt. Das Konzert fand in Toulouse in der Kapelle der Universität statt. Ich erinnere mich noch gut an die Atmosphäre: ein hölzerner Innenraum, blau getönt, reich an Vergoldungen. Beim Spielen hatte ich das Gefühl, ins 18. Jahrhundert versetzt zu werden. Casanova, Feste, ein flammendes Italien.
Dieses Gefühl einer Zeitreise hat mich tief fasziniert. Und als müsste von der ersten Minute an alles intensiv sein, war ich so aufgewühlt, dass ich in Toulouse meine Geige im Bus vergessen habe. Trotz des Stresses erlebte ich aber auch ein enormes Glück: ein äußerst zugewandter Leiter, ein liebenswertes Ensemble, seltenes menschliches Wohlwollen. Mein erstes Zusammentreffen mit Vivaldi war ein Schock – aber ein glücklicher, ein grundlegender.
Und danach ging es mit Ihrer Präsenz in der Welt der Tonträger sehr schnell weiter?
A. B.: Nicht als direkte Fortsetzung dieses ersten Konzerts, aber im Schwung, den es mir gegeben hat. Mein Ensemble Gli Incogniti suchte damals nach einem Label. Nach einer langen Reise schlossen wir uns Zig-Zag Territoires an, später von Alpha/Outhere übernommen. Von diesem Weg durch verschiedene Häuser und musikalische Identitäten bleibt heute ein leicht bittersüßes Gefühl: Schade, dass der Name Zig-Zag verschwunden ist, aber so ist das Leben eines Labels – beweglich, organisch, wie das Repertoire, für das man kämpft.
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