Das Handbuch zeichnet die Tendenzen des Umgangs mit „Alter Musik“ heute und in der Vergangenheit nach und informiert konkret und detailreich über die verschiedenen Richtungen der Historischen Aufführungspraxis. Es betrachtet typische Erscheinungsformen der Szene, analysiert das Verhältnis zwischen Musikforschung und Musikbetrieb und nimmt die sozialen Bedingungen von Musikern in den Blick.
Anfangs eine Sache weniger Spezialisten, wurde das Musizieren auf historischen Instrumenten und mit historischen Spielweisen in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einer Bewegung mit kulturpolitischen Implikationen und ist heute selbstverständlicher Bestandteil des Musiklebens. Die Szene ist mittlerweile auch durch Pragmatismus, vor allem aber durch die Suche nach künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten der ganz überwiegend freien Ensembles geprägt.
So hat die Historische Aufführungspraxis z. B. zu einer Renaissance der Barockoper an den Bühnen geführt, eine neue Kultur des Improvisierens und Arrangierens befördert, mittlerweile auch die Musik des 19. Jahrhunderts in den Blick genommen, Techniken der Rekonstruktion nicht schriftlich überlieferter Musik erarbeitet und Grenzüberschreitungen zu andern Musikgenres betrieben. Ergänzt werden die von renommierten internationalen Autorinnen und Autoren verfassten Sachkapitel durch 14 Interviews mit Leitfiguren der Alte Musik-Szene: Peter Phillips, Philippe Herreweghe, Reinhard Goebel, Jordi Savall, Valer Sabadus, Andrea Marcon, Benjamin Bagby, Chouchane Siranossian, Dorothee Oberlinger, Katharina Bäuml, René Jacobs, Dorothee Mields, Christophe Rousset, Gustav Leonhardt.
Richard Lorber ist Redakteur beim WDR für Alte Musik und Oper. 2016 war er Dramaturg bei den Bayreuther Festspielen für die Neuinszenierung von „Parsifal“. Darüber hinaus ist er in der aktuellen Berichterstattung für verschiedene Medien tätig.
In Zusammenarbeit mit dem WDR, der Hochschule für Musik und Tanz Köln, dem Zentrum Alte Musik Köln und dem Forum Alte Musik Köln.
Alte Musik Heute : Geschichte und Perspektiven der Historischen Ausführungspraxis, Richard Lorber u.a., Bärenreiter – Verlag, 2023.
Auszüge:
Zeitgeist und Zeitstil
Was meint man heute, was sieht man heute, was denken die Akteure heute, wenn von Historischer Aufführungspraxis die Rede ist? […] Tatsächlich hat die Abgrenzung und Zuordnung der Interpretationsstile zu verschiedenen Sektoren des heutigen Musiklebens keine dominierende Bedeutung mehr. »Moderne« Orchester und Solisten spielen, angeleitet von Experten der Alten Musik, »historisch«, und Alte-Musik-Ensembles suchen den Schulterschluss mit anderen Genres […] sind Teil des musikalischen Establishments geworden und haben genauso ihre Stars. […]
In der Tat hat sich die Alte-Musik-Szene verändert. Zunächst rein quantitativ. Kai Hinrich Müller spricht von »Innovationsdynamik und Angebotsvielfalt«, wie sie in den Daten, die etwa vom Deutschen Musikinformationszentrum bereitgestellt werden, zum Ausdruck kommen, die ein kontinuierliches Anwachsen der Szene seit den Achtzigerjahren zeigen. Die Liste »Ensembles für Alte Musik« zeigt im Mai 2023 234 Einträge. Für Belgien listet der »Guide to Early Music in Belgium« 68 aktive Ensembles auf. In Frankreich ist die Alte Musik sowieso wesentlicher Bestandteil des Musiklebens, gefördert oft durch öffentliche institutionelle Subventionen. Auch in anderen europäischen Ländern steigen die Zahlen. Im Europäischen Netzwerk der Alten Musik waren im Mai 2023 134 Organisationen aus 23 Ländern zusammengeschlossen, die sich mit ihren Aktivitäten auf dem europäischen Markt bewegen.
Alte Musik nivelliert?
Dieses Anwachsen der Szene etwa seit den Achtzigerjahren ist an sich schon ein bemerkenswertes Phänomen. Damit gehen aber auch Bedenken einher. Ton Koopman befürchtete, dass die junge Generation sich zu sehr auf die Errungenschaften der Gründerväter verlasse, anstatt eigene Anstrengungen zu unternehmen […]. Auch heute noch warnt Andrea Marcon davor, dass die »korrekten Zutaten« der Historischen Aufführungspraxis noch kein gutes Endergebnis garantierten und man sich von den Regeln emanzipieren müsse. […]
Es gibt aber auch eine andere Beobachtung. Viele Ensembles erweitern ihre künstlerischen Ausdrucksformen und ihre dramaturgischen Ambitionen in einem viel höheren Maße, als es die Historische Aufführungspraxis früher vermochte. Und diese Ensembles geben heute den Ton an. […]
Zeitgeist – Zeitstil: Über Singularitäten und Affektgüter (Reckwitz)
Verortungen im Zeitgeist haben die Alte-Musik-Bewegung immer begleitet, schon bei Dolmetsch und Landowska. In der Mitte des letzten Jahrhunderts nahm die Historische Aufführungspraxis im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung antiautoritäre und aufklärerische Impulse auf. Sie war Teil der Protestkultur[5] […], zum Beispiel, indem die Ensembles der Alten Musik bis heute auf eine basisdemokratische Ensemblestruktur pochen, die dann […] auch dem Publikum sichtbar wird als Gegenmodell des auf den Dirigenten zentrierten Sinfoniekonzerts[6]. […] Eine solche Wechselwirkung zwischen […] fand genauso bei der Repertoireauswahl oder dem Klangbild der Alten Musik statt. Waren die Musiker zunächst einfach nur interessiert an unentdeckten Werken der Vergangenheit, so führte das im Musikleben zu einer Konfrontation mit der Erwartungshaltung des Publikums, das klassische Meisterwerke bevorzugte. Genauso verhält es sich mit dem Klangbild der historischen Instrumente, das als (konfrontatives) Anderssein empfunden wurde. […]
Interessant ist […], dass sich innermusikalische Entscheidungen im Zusammenhang mit übergeordneten gesellschaftlichen Strömungen verstehen lassen. Wie verhalten sich also Zeitstil und Zeitgeist heute zueinander? Als Merkmale des heutigen Zeitstils [lassen sich benennen]:
- Innermusikalisch: Virtuosität, extravagante Klanglichkeit, Variabilität und Individualität durch zugespitzte Artikulation, Phrasierung und Tempo, Abwechslungsreichtum und Freiheit im Umgang mit den Besetzungen sowie permanente Rückversicherung auf die Standards der Historischen Aufführungspraxis
- Außermusikalisch: Repertoireentdeckungen, Crossover, Regionalbezug, performative Innovationen, bewusstes Reagieren auf aktuelle ethische und politische Themen
Diese Auffächerungstendenzen lassen sich als Teil dessen fassen, was der Soziologe Andreas Reckwitz 2017 als die »Gesellschaft der Singularitäten« beschrieben hat. […]Für die Akteure bedeutet dies einen Zwang, sich immer weiter zu differenzieren und Nischen zu besetzen. Im Bereich der Historischen Aufführungspraxis gilt das ganz besonders, weil ihnen – speziell in Deutschland – die Teilhabe an einem stabilen Markt gesicherter und planbarer Arbeitsverhältnisse verwehrt ist: das Dilemma der Freiberuflichkeit. […]
Wichtig für den Erfolg in der »creative economy« ist das, was Reckwitz als Performanz bezeichnet. Es kommt auf die Individualität und Persönlichkeit der Akteure an. Dabei stellt Reckwitz eine Tendenz zum Starkult fest, der eine große Zahl prekär agierender Mitteilnehmer am Markt gegenübersteht. Er nennt das den »Winner-take-all-Wettbewerb«. Auch in der Alten Musik trifft man – trotz weiterhin propagierter und praktizierter egalitärer Selbstverfassung der Ensembles – dieses Phänomen an, aber nicht in gleicher Weise wie etwa im Opernbereich oder bei den Dirigenten.
Diese Tendenz zur Auffächerung, Originalität und Extravaganz (zur Singularisierung) war jedenfalls bis zu Jahrtausendwende kein vorrangiges Merkmal der Szene. Der Bezug zum normativen Rahmen der Historischen Aufführungspraxis wird heute zwar nicht aufgegeben, spielt aber keine ausschlaggebende Rolle mehr. Dabei tragen sich diese Entwicklungen in der Alten Musik keineswegs in einem isolierten Bereich zu, sondern verweisen auf eine allgemeine Tendenz. […]
In gewisser Weise bleibt aber die Subsumierung der die heutige Alte-Musik-Szene kennzeichnenden Merkmale unter die von Reckwitz entwickelten Kriterien trotzdem unbefriedigend. Zwar mögen sich die Kreativitätsschübe der letzten 20 Jahre in den allgemeinen Kreativitätsfluss einordnen, sie sind aber trotzdem bemerkenswert. Sie bleiben ein Wert an sich, auch wenn sie Voraussetzung zur Teilhabe am neuen Markt sind. Dabei hilft der Blick zurück: Der heutige Zuwachs an Vielfalt, Professionalität und Beweglichkeit, mithin an künstlerischer Freiheit im Vergleich zu den Anfängen der Bewegung, bleibt bestehen und ist bereichernd.



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