Das bei Avie Records erschienene Album „The Irish Seasons” vereint Vivaldis berühmte Vier Jahreszeiten mit dem irischen Pendant, das von der Cellistin und Komponistin Ailbhe McDonagh eigens für Lynda O’Connor komponiert wurde. Mit dieser doppelten Hommage zollt die Geigerin zwei lebendigen Musiktraditionen – dem italienischen Barock und der traditionellen irischen Musik – Tribut und bekräftigt dabei ihre vibrierende, freie und beseelte künstlerische Vision.
In diesem Projekt führen Sie sowohl Vivaldis berühmte Vier Jahreszeiten als auch Ailbhe McDonaghs zeitgenössisches Werk The Irish Four Seasons auf. Wie sind Sie an dieses doppelte Repertoire herangegangen, und inwiefern stehen diese beiden Werke im Zusammenhang?
Lynda O’Connor: The Irish Four Seasons ist ein Werk, das Elemente der traditionellen irischen Musik und Anklänge an Vivaldis unglaubliches Barock-Meisterwerk Die Vier Jahreszeiten vereint. Irische und Barockmusik ähneln sich in vielerlei Hinsicht. Die Freiheit zu verzieren, Ähnlichkeiten in der Struktur und die Bedeutung von immer neuen Interpretationen sind in beiden Stilen präsent. Ailbhe McDonagh gelingt es, diese beiden Welten in einer unglaublichen Komposition zusammenzubringen, die sowohl die Freiheit der Ornamentation nach Belieben des Interpreten als auch strukturelle Ähnlichkeiten beider Genres beinhaltet. Ich bin an beide Werke mit einer ähnlichen Vision der Begeisterung und einer offenen Haltung gegenüber dem, wohin mich die Musik führen könnte, herangegangen. Es ist eine interessante Aufgabe, ein brandneues Stück, das noch nie erklungen ist, zusammen mit einem Stück aufzunehmen, das schon millionenfach gespielt, aufgenommen und gehört wurde. Ich habe mich darauf konzentriert, die Musik für sich selbst sprechen zu lassen und diese spannenden Stücke genau so glänzen zu lassen, wie sie sind – als Meisterwerke.
Die Irish Four Seasons enthalten traditionelle irische Melodien. Wie nehmen Sie den ausgeprägten irischen Charakter des Werks wahr? Haben Sie im Gegensatz dazu einen gewissermaßen italienischen Ansatz für die Jahreszeiten in Vivaldis Werk wahrgenommen?
L. O’C.: Die Irish Four Seasons verwenden durchweg typisch irische Melodien. Der Beginn von Earrach (Frühling) ist eine langsame Melodie, eine schöne Melodielinie, die frei interpretiert werden kann. Später im Satz geht es dann in einen schnellen Tanz wie einen Reel im 4/4-Takt über. Autumn beginnt mit einem Slip Jig im 9/8-Takt – einer etwas entspannteren Tanzmelodie mit einem Gefühl von Dreiertakt. All dies sind typische traditionelle irische Tanzmelodien, die Ailbhe und ich in dieses Stück einfließen lassen wollten, um das unglaublich reiche Erbe unserer irischen Musik widerzuspiegeln. Ich habe das Glück, traditionelle irische Fiddle gespielt und studiert zu haben, sodass ich diese Melodien leicht erkennen und in einem typischeren irischen Stil spielen kann; sie klingen dann nicht ganz so, wie sie notiert sind. Und ein wesentliches Merkmal des irischen Wetters ist, dass wir oft vier Jahreszeiten an einem Tag haben. Ailbhe bringt die Melodien aller vier Jahreszeiten sehr geschickt in die letzte Jahreszeit, den Winter, ein, um das widerzuspiegeln.
Im Gegensatz dazu ist die Barockmusik tief in Italien verwurzelt und bekannt für ihren grandiosen, emotionalen und oft virtuosen Stil. Mit großen italienischen Komponisten wie Corelli, Vivaldi, Albinoni und Monteverdi, die Händel, Bach und viele andere inspirierten, kann man wohl sagen, dass meine Herangehensweise an klassische Musik in vielerlei Hinsicht eine quasi italienische Herangehensweise ist, die sich in diesem Fall speziell auf Emotionen und Virtuosität konzentriert. Vivaldi war seiner Zeit voraus, als er Programmmusik schrieb, und es ist erstaunlich, dass seine Ideen und Bilder 300 Jahre später immer noch Bestand haben.
Sie haben bei diesem Projekt eng mit der Cellistin und Komponistin Ailbhe McDonagh zusammengearbeitet. Können Sie uns erzählen, wie sich diese Zusammenarbeit entwickelt hat und wie sie Ihren Zugang zu dem Stück bereichert hat?
L. O’C.: Wenn man mit seinem Debütalbum etwas länger wartet als die meisten anderen, bringt das gewisse Herausforderungen mit sich. Ich wollte etwas aufnehmen, das mich als Musikerin repräsentiert, und war überzeugt, dass ich entweder groß rauskommen oder ganz aufhören müsste! Und ich liebe das klassische Repertoire für Violine – es gibt so viele unglaubliche Stücke! — aber gleichzeitig ich bin eine sehr stolze Irin, die unsere traditionelle Musik und unser Erbe liebt. Ich wollte also einen Weg finden, diese beiden großen Vorlieben auf kohärente Weise in einem Album zu vereinen. Ich spiele Vivaldis Vier Jahreszeiten seit vielen Jahren unglaublich gerne, und hatte die Idee, dass Irland ebenso wie Piazzolas Jahreszeiten und Max Richters Jahreszeiten, eigene, von Vivaldis wunderbarem Meisterwerk inspirierte Jahreszeiten verdient.
Ailbhe und ich arbeiten seit vielen Jahren zusammen und werden oft als musikalische Seelenverwandte bezeichnet. Sie ist eine bemerkenswerte Cellistin und Komponistin. Sie hatte mich schon Jahre, bevor ich sie bat, das Stück zu komponieren, über dieses Projekt sprechen hören, sodass sie bereits darüber nachgedacht hatte, wie es funktionieren könnte. Ailbhe kennt mein Spiel manchmal besser als ich selbst, sie weiß, wo meine Stärken liegen, und konnte ein Stück schreiben, das sich wirklich wie mein Traumstück anfühlt. Es vereint alle Aspekte, die ich am Geigenspiel liebe: meine Vorliebe für schöne, hohe, melodische Geigenlinien — wie am Beginn des Winter — , meine Vorliebe für kraftvolles Spiel wie in den Tanzmelodien in Spring und Autumn und den atemberaubenden Beginn von Spring, wo sie mir die Freiheit lässt, diese wunderschöne, langsame, luftige Melodie ganz nach meinem momentanen Gefühl zu verzieren. Es fühlte sich von Anfang bis Ende wie eine echte Kooperation mit Ailbhe an, und ich bin sehr stolz auf diese atemberaubende Komposition, die sie für mich geschrieben hat.



Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden