Die Barockmeister

Ton Koopman: »… hinter allem steht ein Fragezeichen!« 

→Er ist ein Pionier der Alten Musik-Bewegung, aber er denkt noch lange nicht ans Aufhören: Ton Koopman (80) ist nach wie vor einer der ganz großen Namen in der Szene, viel gefragt, ständig unterwegs — und voller Ideen und Pläne. Wir haben mit ihm gesprochen.

Ton Koopman: »… hinter allem steht ein Fragezeichen!« 
© Foppe Schut

Ton Koopman, Cembalist, Organist, Ensembleleiter und Dirigent, ist heute vielleicht der Dirigent, den man als ersten vor Augen (oder Ohren) hat, wenn man an Johann Sebastian Bach denkt: Nicht nur nahm er mit seinem 1979 gegründeten Amsterdam Baroque Orchestra (ABO) und dem seit 1992 bestehenden, dazugehörigen Chor (ABC) sämtliche Bachkantaten auf, dazu unzählige Orchester-, Cembalo- und Orgelwerke, sondern seit 2019 ist Koopman auch Vorsitzender des Bach-Archivs in Leipzig. Seine gut 45.000 Bände umfassende Bibliothek aus antiquarischen Büchern und historischen Quellen zur Musik, aus Notenhandschriften und -drucken vom 14. Jahrhundert bis heute hat er inzwischen dem Orpheusinstitut in Gent gestiftet, doch selbstredend forscht und sammelt der 80-Jährige weiter — und er musiziert natürlich! Andrea Braun hat ihn über seine lange Karriere befragt, und über seine nächsten großen Projekte.

Ton, Du bist nun seit rund 70 Jahren als Musiker aktiv, Du hast schon als Kind als Organist an den historischen Instrumenten in der Umgebung begonnen…

Ton Koopman : …und noch früher habe ich im Knabenchor gesungen, seit meinem sechsten Lebensjahr. 

Ach, das wusste ich gar nicht — also 74 Jahre Musikerkarriere! 

T. K.: Ja, so könnte man das sagen…

Später warst Du erst Cembalist, dann Dirigent Deines eigenen Ensembles und nun dirigierst Du schon seit langem auch moderne Symphonieorchester. Du bist also einer der bekanntesten Vertreter der historischen Aufführungspraxis heute — und einer ihrer Pioniere. Wenn Du nun zurückschaust: Was hat sich in all der Zeit entwickelt, in der Alten-Musik-Bewegung? 

T. K.: Nun, es ist natürlich sehr viel passiert. Junge Leute können heute an Konservatorien studieren,  können alle Tricks der Alten Musik lernen, bei Lehrern, die etwas von Aufführungspraxis verstehen. Das war zu meiner Zeit anders, mit wenigen Ausnahmen, wie Gustav Leonhardt und Brügge. Das hat Vorteile und Nachteile, denn was aus meiner Sicht wichtig bleibt, ist, dass die Menschen weiterhin selbst die Quellen lesen und überprüfen, was man ihnen beibringt. Und nicht nur sagen: Das habe ich gelernt, das weiß ich nun. Denn hinter allem steht ein Fragezeichen: Warum tue ich das? Aber dieses Fragezeichen ist nicht allen in der jungen Generation bewusst. Und selbst diejenigen, die Quellenforschung betreiben, tun das oft nur noch am Computer und halten nie ein richtiges Buch in der Hand. Dabei ist es so inspirierend, die Originale zu sehen – natürlich vor allem die Handschriften, aber auch die alten Drucke! Man muss also in die Bibliothek gehen. 

Welche positiven und welche negativen Entwicklungen siehst Du sonst noch? 

T. K.: Ich sehe, dass die technische Entwicklung sehr weit fortgeschritten ist. Es gibt viel mehr Menschen, die historische Instrumente wirklich spielen können, die handwerklichen Aspekte der Instrumente beherrschen und darauf auch einen guten Klang erzeugen können. Aber ein Musiker ist für mich nicht nur jemand, der alle Noten richtig spielt, sondern jemand, der alle Noten mit seiner eigenen Emotion verbindet — damit Musik herauskommt, die das Herz berührt. Und das ist viel schwerer zu lernen als wie man seine Finger, seine Zunge und alles, was dazugehört, benutzt: Das ist alles sehr wichtig — aber letztendlich ist es das Herz, das einen guten Musiker ausmacht. Also, zwar gibt es heute viel mehr Leute, die auf historischen Instrumenten spielen, aber gleichzeitig sind es immer noch zu wenige, die wirklich mit dem Herzen spielen oder singen. Und man könnte doch erwarten, dass das mit der heutigen Selbstverständlichkeit der historischen Aufführungspraxis automatisch passieren würde? Aber nein: Die junge Generation versucht vor allem, anders zu sein als die anderen, besonders zu sein. Ich war neulich in einem Konzert, bei dem zu einem Stück für zwei Oboen, Fagott und Basso Continuo Schlagzeug hinzugefügt wurde. Und da fragt man sich doch: Was soll das?? Das ist doch Unsinn, das gehört doch nicht dazu — und das sollte man überprüfen können, man sollte wissen, wovon man spricht! Besonders ist man eben nicht dadurch, dass man etwas Besonderes hinzufügt – wie Schlagwerk oder einen Jazz-Trompeter, einen Gospelchor oder sonstigen Unsinn, Crossover. Besonders ist man dadurch, dass man die Musik auf höchstem Niveau spielt! Emotional, aber auch analytisch. Und natürlich technisch. 

Angel

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