LaReverdie

Venite alla danza!

→Estampie, Virelai, Ballata, Rondeau, Lauda oder Bassadanza: Zu seinem 40-jährigen Bestehen bringt laReverdie das Mittelalter zum Tanzen. Mit Venite alla danza! durchmisst das italienische Ensemble drei Jahrhunderte geistlichen und weltlichen Repertoires – von Montserrat bis Machaut und Du Fay – und zeigt, dass der mittelalterliche Tanz weder allein der weltlichen Unterhaltung noch einem rein instrumentalen Repertoire vorbehalten war.

Venite alla danza!
© Arcana / Outhere

Zum 40-jährigen Bestehen von laReverdie erscheint bei Arcana Venite alla danza! mit vierzehn Werken aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, interpretiert von einem Ensemble um Claudia und Livia Caffagni sowie Elisabetta de Mircovich. Inspiriert von Boccaccios allegra brigata im Decameron – jener Gruppe von zehn jungen Florentinern, die vor der Pest von 1348 aus Florenz aufs Land fliehen – verbindet das Projekt musikalische, literarische, theoretische und ikonografische Quellen, um die vielfältigen Funktionen des mittelalterlichen Tanzes bis hinein in den religiösen Bereich sichtbar zu machen. Einige Werke, von denen nur noch die Texte überliefert sind, wurden sogar neu vertont: So werden Praktiken des Weitergebens, Anpassens und Neuerfindens hörbar, die bereits zum musikalischen Alltag des Mittelalters gehörten.

Ein tanzendes Mittelalter

Im Mittelalter war der Tanz keineswegs nur weltlicher Zeitvertreib. Er begleitete auch das religiöse Leben, Wallfahrten und bestimmte Formen der Andacht. Genau dieses Feld erkundet laReverdie anhand musikalischer, literarischer, theoretischer und ikonografischer Quellen aus nahezu drei Jahrhunderten. Claudia Caffagni verweist dabei auf Roger Bacon und Albertus Magnus, die dem Tanz einen ästhetischen und gesellschaftlichen Wert zuschrieben, ebenso wie auf Ambrogio Lorenzettis berühmtes Fresko vom Guten Regiment, in dem Musik und Tanz zu sichtbaren Zeichen einer prosperierenden Stadt werden.

Der rote Faden des Albums ist weniger eine bestimmte Form als vielmehr ein Prinzip: die Bewegung, häufig verbunden mit dem Refrain. Okzitanische dansas, Balladen, Rondeaux, Virelais, ballate, Lauden und Estampien folgen in annähernd chronologischer Reihenfolge aufeinander. Dante selbst erinnerte im De vulgari eloquentia daran, dass die ballate im Unterschied zu den Kanzonen „Tänzer brauchen, für die sie geschaffen wurden“.

Von Montserrat bis zum Tanzsaal

LaReverdie eröffnet die Reise mit De Patre principio, einem einstimmigen Rondeau auf einen Ostertext des 13. Jahrhunderts, gefolgt von der französischen Seste Estampie Royal und der okzitanischen desdansa Ben volgra. Mit Stella splendens aus dem Llibre Vermell von Montserrat gelangt der Tanz unmittelbar in die Welt der Wallfahrt: Der Virelai wird dort als cantilena ad trepudium rotundum bezeichnet, als Gesang für einen Rundtanz.

Noch überraschender ist Chi vuol ballare a righoletto, das eine religiöse Choreografie beinahe Schritt für Schritt beschreibt: Getanzt wird zum Klang des Organettos, während die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael jeweils Harfe, Trompete und Laute spielen. Die ursprüngliche Musik des Stücks ist jedoch nicht erhalten. LaReverdie verleiht ihm durch das Verfahren des Contrafactums – die Verbindung einer bereits vorhandenen Melodie mit einem neuen Text – eine neue musikalische Gestalt und greift dafür auf eine Melodie aus dem Laudario di Cortona zurück. Bei Non ti fidare che oggi è sì pocha fé wird der Text an eine Ballata von Gherardello da Firenze angepasst. Das Album trägt also nicht nur Quellen zusammen, sondern macht mittelalterliche Praktiken der Weitergabe und Wiederverwendung von Melodien erfahrbar – und gerade darin liegt ein wesentlicher Reiz des Projekts.

Ähnlich verfährt Claudia Caffagni mit Franco Sacchettis Benedetta sia la state, einem Text ohne erhaltene Vertonung, den sie mit einer metrisch entsprechenden Ballata von Francesco Landini verbindet. Zusätzliche Aktualität erhält diese Entscheidung durch die Entdeckung einer bislang unbekannten zweistimmigen Fassung einer weiteren Landini-Ballata auf einen Text Sacchettis im Jahr 2025.

Machaut, Du Fay und ein Orchester im Kleinformat

Auf dem Weg begegnen auch vertrautere Namen: Guillaume de Machaut mit dem Virelai Moult sui de bonne heure nee und Guillaume Du Fay mit dem Rondeau Ce jour de l’an. Dazwischen erklingen die italienische istampitta Isabella sowie die anonyme dreistimmige französische Ballade Dame vailants / Amis, de tant que / Certainement puet. Den Abschluss bildet Falla con misuras, eine Guglielmo Ebreo da Pesaro zugeschriebene Bassadanza, die auf dem berühmten Tenor des Re di Spagna beruht – wobei Tenor hier die tragende Grundmelodie bezeichnet, die einer Komposition als strukturelles Gerüst dient.

1986 von zwei italienischen Schwesternpaaren gegründet, knüpft laReverdie hier an eines seiner prägenden Merkmale der vergangenen vier Jahrzehnte an: Musikerinnen und Musiker, die zugleich singen und Instrumente spielen, sowie eine außergewöhnlich breite Klangpalette. Fideln, Rebec, Symphonia, Harfen, Psalterien, Laute und Guiterne treffen auf Organetto, Clavicymbalum, Maultrommeln, Glocken und Schlaginstrumente.

Am Ende zeichnet Venite alla danza! das Bild eines Mittelalters, in dem ebenso zum Feiern, Beten und Werben getanzt wird wie zur bloßen Unterhaltung. Ein Repertoire, in dem die Grenzen zwischen geistlich und weltlich, Gesang und Instrument, Text und Bewegung weit durchlässiger erscheinen, als man vielleicht vermuten würde.