Peter Wollny – Bach-Archiv in Leipzig (2/2)

Bach: Die Suche nach verlorenen Manuskripten

→Wo verbergen sich jene Bach-Werke, die noch niemand entdeckt hat? In einer kleinen Kirche in Sachsen, ganz hinten in einem verstaubten Ordner – oder gar zwischen arabischen Manuskripten … Im zweiten Teil unseres Interviews erzählt Peter Wollny, wie die Forscher des Bach-Archivs verschollenen Werken und Dokumenten des Komponisten nachspüren. Eine musikalische Schatzsuche, bei der man genau wissen muss, wo man ansetzt – und manchmal einfach auf den glücklichen Zufall vertrauen darf!

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Bach: Die Suche nach verlorenen Manuskripten
Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig, präsentiert das Autograph einer 1731 von Carl Philipp Emanuel Bach im Alter von 17 Jahren komponierten Triosonate. Das lange als verschollen geltende Manuskript wurde 2021 vom Bach-Archiv erworben. © Bach-Archiv Leipzig
Serien
Vollständige Geschichte:
  1. Teil 1:

    Bach or not Bach: Das ist hier die Frage!

  2. Teil 2:

    Bach: Die Suche nach verlorenen Manuskripten

Johann Sebastian Bach ist zweifellos einer der am besten erforschten Barockkomponisten: Der BWV-Katalog umfasst heute 1.179 Einträge. Es gibt unzählige Bücher über sein Leben und Schaffen sowie die unterschiedlichsten Notenausgaben für jedes einzelne Stück aus diesem immensen Œuvre. Und doch geschieht es immer wieder: Bisher unbekannte Werke tauchen unvermittelt auf, seit Jahrhunderten verschollene Manuskripte werden wiederentdeckt, oder Stücke mit langer Zeit zweifelhafter Urheberschaft können Bach endlich mit absoluter Gewissheit zugeschrieben werden. In diesem zweiten Teil unseres Interviews mit Peter Wollny, dem Direktor des Bach- Archivs in Leipzig, haben wir ihn gefragt, wo und wie man als Forscher gezielt nach solchen Schätzen sucht – oder ob man sich dabei am Ende schlicht auf den Zufall verlässt.

Herr Wollny, suchen Sie eigentlich auch aktiv nach verschollenen Werken Bachs, wenn Sie theoretisch von der Existenz eines Stücks wissen, also, versuchen Sie nachzuvollziehen, wo das hingekommen sein könnte, aus biografischen Details noch Stücke zu orten? Oder waren die Neuentdeckungen der letzten 40 Jahre, 50 Jahre eher Zufallsfunde?

Peter Wollny: Ich würde sagen, es waren gelenkte Zufälle. Ganz ohne Zufall geht es nie – aber wer nur auf gut Glück loszieht, findet meist nichts. Man braucht eine Idee, einen Ansatzpunkt – manchmal auch nur einen vagen Verdacht. Mit der Zeit entwickelt man aber so etwas wie einen Riecher, wo man suchen könnte. Das ist schwer in Worte zu fassen; es ist eine Mischung aus Erfahrung, Neugier und Bauchgefühl. Wobei die Voraussetzung ist, dass man sich für viele Dinge interessiert. Ich selbst hatte beispielsweise, als ich noch mehr Zeit hatte, bevor ich den Posten als Direktor des Bach-Archivs innehatte, ein unersättliches Interesse daran, hier in Mitteldeutschland die Musiksammlungen kennenzulernen, mir alles anzuschauen, ihre Entstehung zu verstehen, ihre Wege nachzuvollziehen. Dabei stößt man gelegentlich auf Dinge, die einen nicht mehr loslassen. Ein Beispiel: In einem Katalog zur Musiksammlung der Stadtkirche im sächsischen Mügeln fiel mir ein Textincipit auf – ein Text aus dem Picander-Kantatenjahrgang. Das war schon merkwürdig, weil Picander vor allem mit Leipzig verbunden ist. Also schrieb ich das Pfarrbüro an, und fragte wann ich kommen könnte, um mir das mal vor Ort anzusehen, fuhr hin, ließ mir die Sammlung zeigen — und stieß dabei auf ein frühes Kompositionsautograf von Carl Philipp Emanuel Bach aus seiner Leipziger Zeit, bevor er zum Studium wegzog, um 1733/34.

Die Choralfantasie An Wasserflüssen Babylon von Johann Adam Reincken, 1700 von dem damals 15-jährigen Johann Sebastian Bach in Tabulatur abgeschrieben. Das Manuskript, das in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar aufbewahrt wird, war unter den „Arabica“ katalogisiert worden, bevor es 2005 identifiziert wurde. © Public Domain

Da ist also etwas direkt aus Bachs Wohnung in eine kleine Landkirche gelangt, einer seiner Söhne muss das da hingeschickt haben! Daraufhin wollte ich natürlich den gesamten Bestand – rund 300 Handschriften – systematisch durchsehen. Und tatsächlich fand sich darunter auch ein Autograf Johann Sebastian Bachs: die Abschrift einer Messe in kleiner Besetzung! Kein eigenes Werk, sondern eine Kopie eines fremden Stückes, bei der Bach selbst Fehler in der Stimmführung angemerkt hatte.

Angel

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