Mit Handel’s Italians – Italian Castrati in the London Oratorios, erschienen am 4. September 2026 bei Harmonia mundi, widmen sich der italienische Countertenor Carlo Vistoli, die französische Dirigentin Emmanuelle Haïm und Le Concert d’Astrée einem besonderen Aspekt von Händels Schaffen: der Rolle italienischer Kastraten in seinen Londoner Oratorien. Von Senesino über Carestini und Andreoni bis hin zu Guadagni folgt das Album vier Sängern, die den Komponisten dazu brachten, seine Musik ihren Stimmen, ihren individuellen Fähigkeiten und bisweilen auch ihren mehr oder weniger sicheren Englischkenntnissen anzupassen1. Von Esther bis Theodora wird so hinter den scheinbar festgeschriebenen Partituren eine wesentlich beweglichere Musik- und Interpretationsgeschichte sichtbar.
Genau darin unterscheidet sich das Projekt von einem gewöhnlichen Händel-Rezital. Carlo Vistoli folgt den Spuren vier sehr unterschiedlicher Kastraten, ohne ihre Stimmen auf unmögliche Weise rekonstruieren zu wollen; vielmehr macht er die Vielfalt der Schreibweisen hörbar, die sie bei Händel hervorriefen. Sein runder, geschmeidiger Klang, seine klare Diktion und vor allem seine Fähigkeit, Verzierungen wie eine Fortsetzung des Textes wirken zu lassen, ermöglichen ihm einen natürlichen Wechsel zwischen virtuosem Glanz und deutlich verinnerlichteren Linien. Besonders reizvoll ist die Aufgabe auch deshalb, weil diese Stücke keineswegs alle für denselben Stimmtyp bestimmt waren: In der Stimme eines einzigen Interpreten vereint, zeichnen sie weniger das Porträt eines idealen Kastraten als das Bild eines Händel, der stets aufmerksam auf die Möglichkeiten und die Persönlichkeit jedes einzelnen Sängers reagierte.
Auch Emmanuelle Haïm und Le Concert d’Astrée vermeiden es, daraus eine bloße Galerie virtuoser Schaustücke zu machen. Das Orchester bewahrt die dramatische Dringlichkeit dieser Musik, weiß seinen Klang jedoch zurückzunehmen, sobald die Schreibweise kontemplativer wird. An der Seite des italienischen Countertenors ist die Sopranistin Giulia Semenzato eine willkommene Präsenz: Ihre Auftritte lassen immer wieder den Dialog entstehen und erinnern daran, dass diese Arien zunächst Figuren und konkreten Bühnensituationen gehören. Ein großer Teil des Reizes dieser Aufnahme liegt gerade in diesem Gleichgewicht zwischen Virtuosität und Ausdruck, der Gelehrsamkeit des Programms und der unmittelbaren Wirkung von Gesang und dramatischer Situation.
Handel’s Italians eröffnet damit einen neuen Blick auf ein Repertoire, das man mitunter gut zu kennen glaubt. Die Raritäten werden nicht um ihrer bloßen Kuriosität willen wieder ausgegraben: Sie machen hörbar, wie Händel arbeitete, seine Werke im Zuge neuer Begegnungen immer wieder aufgriff und die Farben der italienischen Oper in das englische Oratorium einfließen ließ. Darin liegt vielleicht der größte Reiz des Albums: Hinter der kenntnisreichen historischen Spurensuche hört man vor allem eine bemerkenswert bewegliche, theatralische und menschliche Musik, die Vistoli, Haïm und Le Concert d’Astrée vor unseren Ohren wieder in Bewegung zu setzen scheinen.
- Bei einer Aufführung von Esther im Jahr 1732 machte sich ein Pamphletist über die Aussprache des italienischen Countertenors Senesino lustig, die ihm beinahe „walisisch“ erschien – und damit als besonders schwer verständlich galt. Einer Anekdote zufolge soll in demselben Werk aus „I come, my Queen, to chaste delights“ (Ich komme, meine Königin, um keusche Freuden zu genießen) sogar „I comb my Queen to chase the lice“ (Ich kämme meine Königin, um ihr die Läuse auszutreiben) geworden sein – eine zweifellos amüsantere Geschichte, deren Zuschreibung heute allerdings umstritten ist… ↩︎


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