Im Mailand des 17. Jahrhunderts gelten Frauenklöster als bedeutende Zentren des musikalischen Schaffens. In der Gemeinschaft von Santa Radegonda fügt sich Chiara Margarita Cozzolani nahtlos in diese Tradition ein: Als Ordensschwester, Äbtissin und Komponistin veröffentlicht sie zwischen 1640 und 1650 vier Sammlungen geistlicher Musik und erwirbt sich bereits zu Lebzeiten einen bemerkenswerten Ruf. Ihr Werdegang beleuchtet ein wesentliches Kapitel des Mailänder Musiklebens zwischen klösterlicher Praxis, städtischem Prestige, der Verbreitung von Werken und den strengen Zwängen, denen Frauen in jener Zeit unterworfen sind.
Adagio – Familiäre Herkunft und Eintritt in das Benediktinerkloster
(Chiara) Margarita Cozzolani wird am 27. November 1602 in Mailand geboren. Ihre Eltern sind Valeria (*1577/78?) und Giovanni Battista Cozzolani (1566/67– um 1610/11). Margarita Cozzolani hat eine ältere Schwester, Clara Candida Arsilia (um 1597/98–um 1665), sowie vier Brüder. Die Familie gehört vermutlich zum wohlhabenden Bürgertum; die Männer sind als Handwerker und Kaufleute tätig. Über die Jahre, in denen Margarita aufwuchs und zur jungen Frau heranreifte, ist nichts bekannt. Beginnt sie ihre musikalische Ausbildung im Kreise ihrer Familie? Riccardo Rognoni (vor 1550–um 1620), Komponist, Musiktheoretiker und Virtuose auf der Viola bastarda, wohnt in einem Nachbarhaus: Er könnte Cozzolanis erster Musiklehrer gewesen sein.

Zu dieser Zeit haben Frauen ihres Standes kaum mehr als zwei Möglichkeiten: zu heiraten und einen eigenen Haushalt zu führen – selbstverständlich unter der Autorität ihres Ehemanns – oder als Ordensschwester in ein Kloster einzutreten. Die hier besprochene Komponistin entscheidet sich für den zweiten Weg: Unter dem Namen Chiara Margarita beginnt sie im Alter von 17 Jahren ihr Noviziat im Kloster Santa Radegonda.
Dieses Benediktinerinnenkloster ist zwar weniger angesehen als zwei andere Frauenklöster in Mailand, macht jedoch aufgrund der musikalischen Begabungen seiner Ordensschwestern weitaus mehr von sich reden. Seit ihrem Eintritt ins Kloster erhält Chiara Margarita dort sicherlich eine fundierte Gesangsausbildung. Einige Jahre zuvor ist übrigens bereits ihre ältere Schwester dort eingetreten, und nach einem Jahr Noviziat legt Chiara Margarita das schwarze Ordensgewand an. Anschließend übernimmt sie die Ämter der Äbtissin und der Priorin.
Allegro – Ein Erzbischof gegen die Musik der Ordensschwestern
Während Cozzolanis erster Amtszeit als Äbtissin bricht ein folgenschwerer Konflikt mit Alfonso Litta, dem konservativen Erzbischof von Mailand (1608–1679; seit 1652 Bischof), aus.
Eine junge Ordensschwester aus einer spanischen Adelsfamilie, Maria Faustina Palomera, wird bei der Äbtissin wegen moralischer und disziplinarischer Verfehlungen angeklagt: Am Tag nach Aschermittwoch 1659 soll sie gegen die Klausurvorschriften verstoßen haben. Sie soll das Kloster aus eigenem Antrieb in Begleitung zweier Adliger, die ihr den Hof machen, verlassen haben, um erst am Freitag zurückzukehren. Einige andere „Bräute Christi“ schätzen sie zudem wenig, da Palomera manchmal dazu neigt, ihre aristokratische Herkunft zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Außerdem leitet sie einen der beiden Chöre der Nonnen von Santa Radegonda. Cozzolani, die den anderen Chor leitet, und sie streiten sich somit um die besten Musikerinnen des Klosters. Nachdem Äbtissin Chiara Margarita einen höheren Abt eingeschaltet hat, nützt Schwester Maria Faustinas Verteidigung nichts: Ihr Fall schürt den Reformeifer des Erzbischofs Alfonso Litta. Eine Ordensschwester dürfe ihr „irdisches Jerusalem“ – das Kloster – während der wichtigsten Bußzeit des Jahres nicht verlassen.
Während das offizielle Verfahren anderthalb Jahre dauert, löst der Erzbischof in Mailand einen regelrechten Skandal aus, da er sich persönlich in seiner geistlichen Würde verletzt fühlt. Aus diesem Grund entzieht er den Ordensschwestern von Santa Radegonda die Sakramente.
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