Aufgenommen im September 2024 in der Sala Ghislieri in Mondovì und bei Aparté erschienen, ist dieses Album das Ergebnis einer langjährigen künstlerischen Hingabe. Seit einer Masterclass zum 350. Geburtstag von Alessandro Scarlatti zählt die Sopranistin Francesca Aspromonte diesen Komponisten zu ihrem absoluten Favoriten des Barock. Das vokale Programm vereint zwei Serenaten, Notte ch’in carro d’ombre und All’hor che stanco il sole, sowie die Kantate Silenzio, aure volanti, ergänzt durch zwei sonate a quattro senza cembalo. Diese drei Vokalwerke teilen eine gemeinsame Atmosphäre: die Nacht, unerwiderte Liebe und die an die Elemente gerichtete Klage.
Was in Vieni, o Notte sofort auffällt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Scarlatti die Emotionen von einer Gattung in die andere übergehen lässt. Die begleiteten Rezitative gleiten ins Arioso, die Da-capo-Arien eröffnen einen Raum für Verzierungen, den Francesca Aspromonte mit eleganter Freiheit gestaltet, und die obligate Violine, gespielt von Boris Begelman, tritt der Stimme als dramatisches Gegenüber gegenüber und nicht bloß als Begleitung. Die dazwischen gesetzten sonate a quattro senza cembalo gliedern das Programm und prägen seine Dramaturgie: Ohne Cembalo verdichten sich die Streicher zu einem dichten, klanglich vielschichtigen polyphonen Gefüge. Die Kantate Silenzio, aure volanti führt diese Zirkulation zwischen Formen und Affekten in einem kompakteren Rahmen fort, in dem sich die Kontinuität aus dem flexiblen Ineinandergreifen von Rezitativ, Arioso und Arie ergibt.
Die Serenata All’hor che stanco il sole, in einer neapolitanischen Quelle überliefert und hier erstmals vollständig eingespielt, bildet vielleicht den Höhepunkt des Albums. In F-Dur – der einzigen Durtonart des Programms – entfaltet sich der erschütternde Monolog des Hirten Fileno in Tänzen, Wiegenliedern und lyrischen Aufschwüngen, die sich jeder festen Form zu entziehen scheinen. Gerade diese für Scarlattis Stil so charakteristische Beweglichkeit, wie Aspromonte selbst betont, verleiht der Aufnahme ihren besonderen Atem: Nichts ist statisch, alles bleibt in Bewegung – vom Schmerz zur Hoffnung und zurück ins Dunkel.


Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden