MA Festival Brügge & Sollazzo

Das Doppelleben der Anna Danilevskaia

→Zwischen Tradition und Aufbruch: Seit Januar leitet Anna Danilevskaia das MA Festival Brügge und bringt eine „kaleidoskopische“ Vision in die Welt der Alten Musik. Im Gespräch erklärt die 38-jährige Gründerin des Ensembles Sollazzo, warum musikalische Vielfalt für sie ein Plädoyer für gesellschaftliche Toleranz ist – und wie sie mit ihrem neuen Großprojekt „La Flamboyance“ klangliche Grenzen sprengt.

Das Doppelleben der Anna Danilevskaia
„Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Aufnahme musikalischer Vielfalt in all ihren subtilsten Nuancen gewissermaßen auch ein Plädoyer für gesellschaftliche Vielfalt ist.“ © Elam Rotem

Seit dem 1. Januar leitet Anna Danilevskaia das MA Festival in Brügge und eröffnet damit eine neue Ära für einen der historisch bedeutendsten Treffpunkte der Alten Musik. Sie plädiert dort für die Koexistenz mehrerer interpretatorischer „Wahrheiten“, hinterfragt den Begriff der Authentizität und stellt die drängende Frage nach den Aufführungsorten: Was geschieht mit weltlicher Musik, wenn sie fast ausschließlich in Kirchen gespielt wird? Zwischen der Erforschung räumlicher Wirkung, dem Brückenschlag zur weltweiten Szene (insbesondere durch die Zusammenarbeit mit der New Yorker Juilliard School) und der Erschließung profaner Räume begreift sie Brügge als einen lebendigen Knotenpunkt der Möglichkeiten. Parallel dazu setzt das 2014 gegründete Ensemble Sollazzo seinen Weg mit La Flamboyance fort – einem ambitionierten musikalischen Projekt, das im Mai auf Tonträger erscheint und von einer ungebrochenen gemeinsamen  Energie zeugt.

Sie sind künstlerische Leiterin des MA Festivals in Brügge, eines der bedeutendsten Festivals für Alte Musik in Europa. Wie wird Ihre künstlerische Leitlinie aussehen?

Anna Danilevskaia: In künstlerischer Hinsicht ermöglicht mir diese Position, eine Idee weiter voranzutreiben, die mir sehr am Herzen liegt: die Existenz und Berechtigung verschiedener Sichtweisen auf ein und dasselbe Repertoire. Diesen Ansatz verfolge ich bereits konsequent mit meinem Ensemble Sollazzo: Ich möchte zeigen, dass unterschiedliche Herangehensweisen miteinander vereinbar sind – dass sie koexistieren, in einen Dialog treten oder sich sogar widersprechen können, ohne einander auszuschließen. Im Rahmen eines Festivals ist dies gleichermaßen einfacher wie erfüllender, da man einen spezifischen musikalischen Bereich aus gänzlich unterschiedlichen Perspektiven hörbar machen kann.

Diese Pluralität der Ansätze verknüpfen Sie zudem mit einem Kernthema der Alten Musik: der Frage nach der Authentizität.

A. D.: Ja, der Begriff der Authentizität bildet das Herzstück der Alten Musik, wobei er von den Ensembles auf höchst unterschiedliche Weise interpretiert wird. Er ist das Band, das uns eint, und spiegelt ein Stück weit unsere Identität wider. Dennoch gibt es einen Aspekt, den wir oft übersehen: Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit damit, weltliche Musik in sakralen Räumen aufzuführen – und das verändert alles. Man mag noch so viel Mühe investieren – in die Forschung, die interpretatorische Tiefe, organologische Studien oder das Instrumentarium –, doch sobald man diese Musik in eine Akustik bettet, die ihr nicht entspricht, ist man gezwungen, die Spielweise anzupassen. In gewisser Weise werden all diese Bemühungen durch den Raum gewissermaßen „neu geformt“. Ich möchte darüber nachdenken, wie wir dieser Herausforderung begegnen können: Wie lässt sich das Repertoire optimal auf die Akustik abstimmen? Und wo dies nicht möglich ist, müssen wir kreative, gegebenenfalls auch technologische Lösungen finden.

Bedeutet das im Umkehrschluss, einen Teil der Alten Musik aus den Kirchen in profane Räume zu verlagern?

A. D.: Ein Stück weit ja, aber ich möchte hier noch nicht zu konkret werden, da das Vorhaben noch in der Ferne liegt. Ein weiterer Schwerpunkt wird die „akustische“ Forschung sein: Wie lässt sich Akustik modellieren oder gar eine Form der Verstärkung nutzen? Ich bin mir bewusst, dass dies in der Welt der Alten Musik ein höchst kontroverses Thema ist. Doch ich bin überzeugt, dass ein solcher Ansatz vielen Projekten zugutekommen könnte. Er würde es uns erlauben, eine Spielweise beizubehalten, die dem Repertoire wirklich gerecht wird, anstatt sich einem Raum unterwerfen zu müssen, der uns seine eigenen Gesetze diktiert.

Wird sich die künstlerische Ausrichtung des MA Festivals in Brügge unter Ihrer Leitung grundlegend ändern?

A. D.: Historisch gesehen ist dies ein Festival, dem es seit nunmehr über sechzig Jahren gelingt, Exzellenz mit Innovation zu verbinden. Mein Vorgänger, Jan Van den Borre, hat den Horizont durch experimentelle Formate und zeitgenössische Kreationen rund um das alte Repertoire stark erweitert. Mein Anliegen ist es, eine „kaleidoskopische“ Vision einzubringen: kraftvolle, überzeugende und vor allem vielfältige Interpretationsansätze für ein und dasselbe Repertoire abzuwechseln. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Akzeptanz musikalischer Vielfalt in all ihren feinen Nuancen letztlich ein Plädoyer für gesellschaftliche Diversität ist. Wie sollten wir mit Menschen zusammenleben können, die gänzlich anders sind als wir, wenn wir nicht einmal in der Lage sind, eine Verzierung zu hören, die anders interpretiert wird, als wir es uns gewünscht hätten?

Für das Jahr 2027 stehen Sie vor einem unbeschriebenen Blatt. Werden Sie zur Tradition eines „Themen-Festivals“ zurückkehren?

A. D.: Seit einigen Jahren verzichtet Brügge auf eine explizite programmatische Setzung durch ein Thema, und ich halte das für eine sehr gute Entscheidung. In der Festivallandschaft ist es wichtig, dass es themengebundene Formate gibt; sie geben Impulse für die Forschung, stoßen neue Projekte an und lassen uns unbekannte Repertoires entdecken. Ebenso essenziell sind jedoch Festivals ohne starres Thema. Sie geben Musikern den Freiraum, genau das zu präsentieren, was sie im Moment bewegt – dann, wenn ihr Projekt am lebendigsten ist. Wenn ein Projekt von einer inneren Begeisterung getragen wird oder Künstler etwas zutiefst Persönliches vorschlagen, erlaubt es der Verzicht auf ein Thema, den Künstler gewissermaßen auf dem Kulminationspunkt seiner kreativen Welle zu erfassen.

Angel

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