Unter dem Titel Natale Veneziano greift dieses Album auf Werke zurück, die die Serenissima für die Weihnachtsfeierlichkeiten bereithielt: Motetten, Psalmen und Antiphonen, in denen Andrea und Giovanni Gabrieli, Schütz, Monteverdi und Cavalli miteinander ins Gespräch treten. Das Ergebnis einer bewusst konzentrierten Auswahl zeigt die stilistische Vielfalt, die die venezianische Liturgie prägte – zwischen Experimentierfreude und akribischer Textbeachtung. Getragen vom Chor von Il Pomo d’Oro unter der Leitung des Tenors Giuseppe Maletto erscheint die Aufnahme bei Arcana/Outhere. Kurz vor den Feiertagen hat Total Baroque Magazine dem italienischen Dirigenten vier Fragen gestellt, um die Entscheidungen hinter dieser Produktion besser zu verstehen.
Ihr Album umfasst beinahe ein Jahrhundert venezianischer Musik, von Gabrieli bis Cavalli. Was, würden Sie sagen, verbindet diese Komponisten trotz der stilistischen Entwicklungen und der historischen Ereignisse, die die Serenissima geprägt haben?
Giuseppe Maletto: Was all diese Komponisten eint, ist ihre Modernität und ihr Drang zum Experiment. Dank ihres Reichtums und ihrer relativen Unabhängigkeit von Rom war die Stadt Venedig das begehrteste Ziel der damaligen Komponisten. Hier konnten sie frei nach neuen Wegen suchen, um den situatiativen Ausdruck der Texte hervorzuheben – und daraus gingen einige der größten musikalischen Innovationen hervor. Andrea Gabrieli, der älteste Komponist auf diesem Album, führt beispielsweise eine freiere, madrigalische Schreibweise ein, die deutlich kontrastiert mit der Strenge seines berühmten Zeitgenossen Palestrina. Sein Neffe Giovanni erfindet einen sehr dichten, persönlichen Stil, der das Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten intensiv auslotet. Dieser Stil bildet – durch seinen Schüler Schütz, der in Venedig auch bei Alessandro Grandi studiert hat und Monteverdi sicher kannte – die Grundlage für den späteren Aufstieg der großen deutschen Musik. Monteverdi braucht man natürlich nicht vorzustellen, und Cavalli kann man als seinen wichtigsten Erben betrachten.
Die Musik dieses Programms gehört zur Weihnachtsliturgie – ein Moment der Freude und des Lichts, der scheinbar über den politischen und religiösen Spannungen der Zeit steht. Wie hat diese zutiefst spirituelle Dimension Ihre Interpretation geprägt?
G. M.: Wenn man heute von venezianischer Kirchenmusik spricht – und besonders von Monteverdi – hebt man meist Innovation, Virtuosität der Schreibweise und vokale Brillanz hervor. Dabei vergisst man leicht, dass diese Musik nicht nur dazu diente, zu beeindrucken, sondern auch den liturgischen Feiern Würde und Glanz zu verleihen. Kompositorische Kunstgriffe und vokale Wendungen stehen immer im Dienst des Textes und sollen den Hörer in eine spirituelle Dimension führen, ihn einladen, über die Worte der jeweiligen Liturgie zu meditieren. Der bewusste und konstante Einsatz von Madrigalismen in der Kirchenmusik dieser Komponisten zeigt, wie aufmerksam sie auf die Verständlichkeit des Textes achteten – und wie wichtig ihnen damit die theologische und spirituelle Bedeutung der Stücke war. All das muss sich in der Interpretation spiegeln: Man muss die expressiven Situationen des Textes hervorheben, allzu schnelle Tempi vermeiden und den übermäßigen Gebrauch nicht notierter Verzierungen, die oft mehr der Selbstdarstellung dienen als dem Geist dieser Musik.
Viele dieser Werke zeigen den sogenannten venezianischen Stil: Musik für mehrere Chöre im Dialog, die mit Raum, Resonanz und klanglichen Perspektiven spielt. Wie haben Sie diese räumliche Dimension und das Stimmengewicht behandelt, um ihre volle Ausdruckskraft hörbar zu machen?
G. M.: Vermutlich erstmals von Adrian Willaert erprobt – als Antwort auf die besondere Akustik von San Marco – war das, was wir heute den venezianischen Stil, die venzianische Mehrchörigkeit nennen, schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts weit verbreitet. Palestrina hat zum Beispiel zahlreiche Werke a cori spezzati geschrieben. Je nach Raum und Aufstellung erzeugen diese Stücke im Konzert sehr eindrucksvolle akustische Effekte. Für eine Aufnahme gelten jedoch andere Bedingungen: Eine zu große Entfernung der Formationen von den Mikrofonen wäre kontraproduktiv. In den doppelchörigen Stücken unseres Programms gibt es keine Echoeffekte: Beide Chöre haben dieselbe klangliche Präsenz und sind lediglich links und rechts im Stereobild positioniert.
Unter all den Werken dieses Programms – welches ist für Sie am unmittelbarsten mit Weihnachten verbunden, oder welches berührt Sie persönlich in diesem Kontext am meisten? Und warum?
G. M.: Das Programm folgt der Abfolge der Stücke einer Vesperliturgie, ohne jedoch eine strenge Rekonstruktion zu versuchen. Deshalb finden sich hier Werke – die Psalmen von Monteverdi und das Magnificat – die sowohl zu Weihnachten als auch zu anderen Festen des Jahres aufgeführt werden konnten. Zwischen diesen Psalmen stehen Stücke, die spezifischer auf Weihnachten ausgerichtet sind.
Jedes der ausgewählten Werke spiegelt einen anderen Aspekt dieses Festes wider. Das Hodie Christus natus est von Heinrich Schütz etwa ist das feierlichste und festlichste; Angelus ad pastores von Andrea Gabrieli malt in zarten Farben die Szene der Engelserscheinung, die die Geburt des Kindes verkündet. Das außergewöhnliche O Iesu mi dulcissime von Giovanni Gabrieli ist eines der intensivsten Werke seiner Zeit – musikalisch wie spirituell. Es vereint Momente großer Intimität mit anderen von größerer Feierlichkeit, bleibt dabei jedoch in einer nächtlichen, tief gesammelten Atmosphäre, die perfekt zu der Geburt Christi passt. Das Salve Regina von Cavalli schließlich, mit seiner verblüffenden Ausdruckskraft, kann als triumphaler Schlusspunkt der langen und reichen Tradition polyphoner Salve Regina-Vertonungen gelten.



Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden