In seiner neuen Aufnahme Clérambault: Te Deum / La femme adultère stellt der belgische Tenor und Dirigent zwei selten zu hörende geistliche Werke nebeneinander, die den Reichtum von Louis-Nicolas Clérambaults Kompositionen offenbaren. Clérambault (1676–1749), eine Schlüsselfigur des französischen Grand Siècle, war Organist, Cembalist und Maître de la chapelle royale und wurde zu seiner Zeit für seine Kantaten und Motetten gefeiert. Als Erbe Lullys und guter Bekannter Couperins verband er die Eleganz der französischen Tradition mit der Ausdruckskraft des italienischen Stils. Hier ein strahlendes und festliches Te Deum, eine Feier des göttlichen Lobes, dort ein intimes, kontemplatives Oratorium über das Gleichnis von der Ehebrecherin. Durch die Gegenüberstellung dieser kontrastreichen Werke wirft Van Mechelen ein neues Licht auf einen Komponisten, der an der Schnittstelle harmonischer Traditionen stand.
In diesem Programm mit dem Te Deum und der Histoire de la femme adultère wechseln Sie von einer spektakulären, fast repräsentativen Schreibweise zu einem fast kammermusikalischen Oratorium. Warum dieser Wechsel der Ästhetik und der Atmosphäre?
Reinoud Van Mechelen: Es sind zwar beides geistliche Werke, aber sie unterscheiden sich enorm. Beim Te Deum aus dem 18. Jahrhundert gibt es viele Fragezeichen, weil wir kein Autograph von Clérambault haben. Die einzige Quelle, die es gibt, ist voller Fehler – das Centre de Musique Baroque de Versailles hat hier Großartiges geleistet, um die Partitur überhaupt aufführbar zu machen. Ich habe das Te Deum ohne rekonstruierte Altstimmen aufgenommen, um eine Verbindung in der Besetzung zwischen den beiden Werken herzustellen und auch, weil ich glaube, dass Clérambault es für ein kleineres Ensemble geschrieben hat als die Chapelle Royale zur Verfügung hatte. Der größte Unterschied liegt aber in der Thematik: Das Te Deum ist ein festliches Loblied, voller Freude und Strahlkraft, während die Histoire de la femme adultère sehr nach innen geht, fast meditativ ist und zum Nachdenken anregt. Mir gefällt dieser Kontrast – sowohl in der Form als auch im Inhalt.
Clérambault wird viel weniger aufgenommen als Charpentier oder Lalande. Was schätzen Sie besonders an seiner Art zu komponieren?
R. V. M.: Ich finde, seine musikalische Sprache ist harmonisch unglaublich reich – und sie hebt die Emotionen der Texte ganz besonders hervor. Für mich ist er ein Schlüsselfigur, die eine Brücke schlägt zwischen der Generation Lullys und Charpentiers und derjenigen Rameaus. Genau diese Qualitäten finden sich in seinen Kantaten wieder – die ich 2018 bei Alpha Classics aufgenommen habe – aber eben auch in seiner geistlichen Musik.
Wenn man nur einen einzigen Track dieser Aufnahme hören dürfte, um Clérambaults Klangwelt so kennenzulernen, wie Sie sie sich vorgestellt haben – welchen würden Sie auswählen, und warum?
R. V. M.: Ich würde das Te ergo quaesumus aus dem Te Deum empfehlen. Das ist ein Moment reiner Anmut, in dem Clérambault das Gebet der Menschen, die Gott um Hilfe bitten, einfach wunderbar in Musik fasst. Da steckt eine große harmonische Vielfalt drin – im Chor wie im Orchester – und genau das macht diese Passage so bewegend. Für mich zeigt sich hier Clérambaults Genie auf ganz besondere Weise!



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