Ein Ensemble für Alte Musik leiten, seit zwei Jahrzehnten ein Festival zum Erfolg führen und nun ein Herrenhaus des 18. Jahrhunderts in ein Zentrum für historische Instrumente verwandeln: Was bei anderen drei Karrieren füllen würde, ist für den 45-jährigen Yannick Lemaire ein organisches Ganzes. Der gebürtige Valencienner verfolgt mit Harmonia Sacra, dem Festival „Embar(o)quement immédiat“ (ein Wortspiel im Sinne von „Alle an Bord!“) und der Revitalisierung des Hôtel de Barneville eine klare Vision: Die Symbiose aus künstlerischer Exzellenz, Denkmalpflege und tiefer regionaler Verwurzelung. Inmitten des ehemaligen Bergbaureviers wächst ein musikalisches Ökosystem heran, getragen von einem passionierten Netzwerk aus Musikern, Forschern, Instrumentenbauern und Ehrenamtlichen. Es ist eine einzigartige Dynamik, die hier die Konturen eines neuen, bedeutenden Zentrums für Alte Musik zeichnet.
Eine Vision und drei Schwerpunkte
Wie lässt sich die Leitung des 2002 gegründeten Ensembles für Alte Musik, Harmonia Sacra, des Festivals „Embar(o)quement immédiat“ – das in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feiert – und des noch jungen Projekts im Hôtel de Barneville in Valenciennes unter einen Hut bringen? Die Antwort des Hauptakteurs Yannick Lemaire, der im Zentrum dieser drei Initiativen steht, fällt pragmatisch aus: „Ganz einfach … das bedeutet ganz konkret … wenig Schlaf. Aber wenn man mit Leidenschaft dabei ist, zählt man die Stunden nicht wirklich. Für mich sind die Musik, die Projekte und das Leben eng miteinander verflochten. Ich liebe diese Projektdynamik: Sie ermöglicht es, sehr viele Menschen kennenzulernen, wobei die Musik letztlich all diese Bestrebungen durchdringt.“
Von Beginn an basierte Harmonia Sacra auf mehreren Säulen. Die erste ist die tiefe Leidenschaft für das alte Repertoire und der Wunsch, es einem breiten Publikum zugänglich zu machen – vom versierten Musikliebhaber bis zum Laien. Der zweite Schwerpunkt ist die regionale Verankerung. Die Rückkehr in seine Heimatstadt Valenciennes war für Yannick Lemaire eine bewusste Entscheidung, um das lokale Kulturleben aktiv mitzugestalten: „Als ich Harmonia Sacra gründete, gab es in der Region so gut wie kein festes Ensemble mehr. Viele Musiker waren weggezogen. Die Idee war auch, eine – wenn auch bescheidene – Dynamik zu schaffen, um Künstlern in dieser Region wieder eine berufliche Perspektive zu bieten.“
Ein dritter Schwerpunkt schließlich betrifft die Erforschung des musikalischen Erbes der Region Hainaut, das von der Geschichtsschreibung lange Zeit vernachlässigt wurde. An der Grenze zwischen Frankreich und Belgien gelegen, brachte diese ehemalige Grafschaft im 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche Künstler hervor. Zu ihnen zählen heute fast vergessene Komponisten wie Guislain Pamart (1637–1704) und Martin Berteau (1699–1771), wobei letzterer als einer der Pioniere der französischen Celloschule gilt.
Die Forschungen zu diesen Persönlichkeiten haben eine originelle Musiklandschaft zutage gefördert: In einigen Stiftskirchen der Region verbot die liturgische Tradition den Einsatz von Instrumenten, die die Stimmen übertönten. So entstanden Ensembles, in denen das Cello eine zentrale Rolle spielte, manchmal mit mehreren konzertanten Stimmen. „Das erklärt wahrscheinlich, warum so viele Cellisten aus dieser Region stammen“, betont Yannick Lemaire.
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