Rameau kennt man als Musiktheoretiker, Cembalisten und Opernkomponisten. Aber Rameau als Geiger? Beim Anblick eines Joseph Aved zugeschriebenen Porträts, auf dem der Komponist eine Violine in der Hand hält, kam Théotime Langlois de Swarte die Idee zu diesem Programm mit dem amerikanischen Dirigenten William Christie. Das bei harmonia mundi erschienene Album Le Violon de Rameau (Rameaus Violine) geht von einem fruchtbaren Paradox aus: Rameau hinterließ weder eine Violinsonate noch ein Violinkonzert, doch das Instrument begleitete ihn durch sein Leben und spielt im Orchester seiner Opern eine zentrale Rolle.
Zeitgenössische Zeugnisse untermauern diese Spur: Der Dijoner Arzt und Gelehrte Hugues Maret berichtet, Rameau habe seine Opern „mit der Violine in der Hand“ komponiert und auf dem Instrument die Wirkung der Melodien erprobt, die ihm vorschwebten. Das Album macht sich daher auf die Suche nach dieser „Violine Rameaus“ in Hippolyte et Aricie, Castor et Pollux, Dardanus, Les Fêtes d’Hébé und vor allem Les Indes galantes. Viele dieser Stücke stammen aus einer nach 1771 angefertigten Handschrift des Juristen und Literaten Jacques-Joseph-Marie Decroix, eines bedeutenden Sammlers von Rameaus Werken, mit dem Titel Airs de violon tirés des opéras de Rameau.
Neben Rameau begegnen uns auch mehrere Geiger seiner Zeit: Jean-Baptiste Cupis, Jacques und Louis Aubert, Charles-Antoine Branche, André-Joseph Exaudet, Toussaint Bordet und Théodore-Jean Tarade. Sonaten, Airs und Variationen betten seine Musik so in die französische Geigenkunst des 18. Jahrhunderts ein. Zugleich knüpft das Programm an eine damals verbreitete Praxis an: die Bearbeitung von Opernarien für Violine, die auch Rameau selbst förderte, unter anderem mit einer reduzierten Fassung der Indes galantes.
Zu zweit holen Théotime Langlois de Swarte und William Christie dieses Theater in den intimen Rahmen der Kammermusik. Ohne Violoncello oder Viola da gamba verteilen sie orchestrale und vokale Linien neu auf Violine, Cembalo und Orgel und lassen zugleich Raum für Improvisation. Langlois de Swarte spielt eine Violine von Carlo Bergonzi1 aus dem Jahr 1733; Christie wechselt zwischen Cembalo und der Boizard-Orgel von 1714 in der Abtei Saint-Michel-en-Thiérache. Den Abschluss bildet, wie ein fallender Vorhang, die große Chaconne aus Les Indes galantes. Man muss nur noch die Ohren öffnen: Mit gerade einmal zwei Instrumenten erwacht Rameaus ganze Theaterwelt zu neuem Leben.
- Eine amüsante Namensgleichheit für Musikfreunde: Dieser Carlo Bergonzi (1683–1747), bedeutender Cremoneser Geigenbauer und Zeitgenosse Stradivaris, hat natürlich nichts mit seinem berühmten Namensvetter, dem italienischen Tenor (1924–2014), zu tun. ↩︎


Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden