Pygmalion & Raphaël Pichon

Licht auf den Schatten: Pygmalions Johannes-Passion

→Schon in den ersten Takten offenbart sich die Johannes-Passion wie ein altes Meistergemälde, das unter den Pinseln von Raphaël Pichon und seinem Ensemble Pygmalion frisch gefirnisst wurde: Die Linien treten klarer hervor, die Kontraste schärfen sich, das Licht beginnt zu fließen und bringt unerwartete Glanzpunkte und Rauheiten zum Vorschein.

Licht auf den Schatten: Pygmalions Johannes-Passion
© Harmonia Mundi

Für diese neue Aufnahme bei Harmonia Mundi kehren Raphaël Pichon und Pygmalion, die bald im Rahmen der Bachwege 2026 unterwegs sein werden, zum Leipziger Thomaskantor zurück, mit einer Johannes-Passion, die auf die Klarheit der Erzählung und die Feinheit der Linien setzt. Vier Jahre nach einer gefeierten Matthäus-Passion setzt das Ensemble seine Erkundung des geistlichen Repertoires fort und legt eine spannungsvolle, schlichte und historisch informierte Lesart des johanneischen Werks vor. Dieser Ansatz hebt den erzählerischen Reichtum des Textes durch die expressive Feinheit der Partitur hervor.

Bereits im Eingangschor besticht Raphaël Pichons Leitung durch eine Klarheit, die die dramatische Spannung sofort etabliert. Der rhythmische Impuls, prägnant, ohne hart zu werden, schafft einen Zug, der die religiöse Nüchternheit des Werks nie verlässt. Die Streicher zeichnen nervöse Linien, während die leuchtenden Holzbläser die Dunkelheit der Erzählung durchdringen und so bereits den Gegensatz zwischen göttlicher Erhöhung und menschlicher Erniedrigung skizzieren. Das Continuo, stets aufmerksam und nie aufdringlich, stützt die Stimmen mit einer Feingefühl, die die Verständlichkeit des Textes bewahrt. Die feierlichen und leicht bitteren Eingriffe der Orgel verstärken die Schwere der Entscheidung der Menge, Barabbas Jesus vorzuziehen. Die äußerst transparente Aufnahme bringt die historischen Klangfarben und die Balance zwischen Chor- und Orchestergruppen zur Geltung.

Der Chor von Pygmalion zeichnet sich durch eine Präzision aus, die den Ausdruck nie opfert. Die vokalen Konturen werden deutlich herausgearbeitet, ohne Übermaß, und die einzelnen Gruppen artikulieren sich mit bemerkenswerter Klarheit, wodurch die Erzählung eine fließende Kontinuität erhält. Im Chor nach der Verleugnung des Petrus vermitteln die Piano-Nuancen eine zurückgehaltene Empathie. Später erheben sich die „Kreuzige!- Rufe“ mit einer leichten, unbekümmerten Fröhlichkeit und bringen die düstere Verantwortungslosigkeit der Menge zum Ausdruck. Diese Fähigkeit, von einem Affekt zum anderen zu wechseln, ohne die erzählerische Linie zu durchbrechen, gehört zu den Stärken der Aufnahme.

Bei den Solisten sorgt Julian Prégardien in der Rolle des Evangelisten für eine Erzählung von großer Verständlichkeit. Seine leichte, präzise Stimme strukturiert den dramatischen Verlauf mit Natürlichkeit, und seine Höhen, bisweilen in der Kopfstimme, bringen eine Erhebung ein, die der spirituellen Dimension der Erzählung dient. Huw Montague Rendall verleiht Jesus Jugendlichkeit und ein oft mit sentenziöser Schwere gesprochenes Wort, das die nahezu transzendente Autorität der Figur von Beginn an etabliert. Die Beständigkeit des Timbres verstärkt diese Dimension, doch lassen geschmeidigere Passagen eine nähere, fast fragile Menschlichkeit aufscheinen. Die weiter ausgeführten Arien geben dieser Dualität ihre ganze Weite, besonders im Arioso, in dem sich die Stimme zu einer von Bitterkeit gefärbten Zärtlichkeit öffnet.

Christian Immler verleiht Pilatus eine virile, bisweilen fast harte vokale Präsenz, die der Starrheit der Figur dient. Seine deutliche Diktion und seine präzise Phrasierung strukturieren die ihm anvertraute Bassarie wirkungsvoll. Der Tenor Laurence Kilsby beeindruckt durch die Beherrschung seiner Linie und die Reinheit seiner Kopfstimme. Sein langer, vollkommen kontrollierter Atem verleiht den Phrasen eine markante expressive Kontinuität. Lucile Richardot bringt in die Alt-Arien eine ruhige Schwere ein. Ihre Atemführung und ihr Timbre finden ein Gleichgewicht zwischen Ruhe und Feierlichkeit, besonders in der Szene, die zum letzten Wort Christi führt. Ying Fang bietet einen luftigen, fein verzierten Sopran. In der letzten Arie scheint jede Nuance im Kontakt mit dem Text zu vibrieren, als trüge die Stimme selbst die dort genannten Tränen. Étienne Bazolas kurze Auftritte als Petrus wiederum zeichnen sich durch eine Schärfe aus, die die Brutalität der Verleugnung hervorhebt.

In dieser Johannes-Passion wird Klarheit ebenso zu einem Ordnungsprinzip wie zu einer ästhetischen Entscheidung. Sie lässt die Kraftlinien des Dramas, die Kontraste des johanneischen Textes und die Zerbrechlichkeit der menschlichen Stimmen hervortreten, die ihn durchziehen. Pygmalions Ansatz, gegründet auf Präzision und gegenseitiges Hören, bietet eine Lesart, die das Werk nicht vergrößern will, sondern seine wesentlichen Konturen freilegt. Eine Art, Bach zu begegnen, die die Partitur keineswegs erstarren lässt, sondern ihre Gegenwärtigkeit erneuert.


Besetzung und Angaben

Werk: Johannes-Passion BWV 245 (Fassung von 1749)
Komponist: Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Version: Aufnahme, Grand Manège, Namur (Belgien), April 2025
Ensemble (Chor und Orchester): Pygmalion
Leitung: Raphaël Pichon

Mitwirkende:

  • Julian Prégardien, Tenor der Evangelist
  • Huw Montague Rendall, Bariton – Jesus
  • Ying Fang, Sopran – Ancilla
  • Lucile Richardot, Alt
  • Laurence Kilsby, Tenor Servus
  • Christian Immler, Bass – Pilatus
  • Étienne Bazola, Bass – Petrus

Label: Harmonia Mundi / 2 CD
Gesamtdauer: 1 Std. 55