Wie kann man sich Musik vorstellen, wenn man keine Noten lesen kann? Fragmente von Pergament aus dem 12. Jahrhundert, die kürzlich vom Archiv der Western University (London, Ontario, Kanada) erworben wurden, geben einen Hinweis darauf: Sie enthalten Neumen, kleine Zeichen, die drei Jahrhunderte vor der Notenzeile und den Noten erfunden wurden und die Sänger in einer überwiegend mündlichen Tradition beim Auswendiglernen unterstützten. Kate Helsen, Assistenzprofessorin für Musikwissenschaft, lädt uns ein, sie zu entdecken.
Was um alles in der Welt sind adiastematische Neumen?
Manchmal bekommt man eine E-Mail, die einen um tausend Jahre zurückversetzt. Im Dezember 2024 machte mich Deborah Meert-Williston, Bibliothekarin der Sondersammlungen an der Western University, auf einige Fragmente aus dem 12. Jahrhundert aufmerksam, die ein Antiquar anbot – versehen mit seltsamen Zeichen: mittelalterliche Musiknotation, die sogenannten „adiastematischen“ (nicht die Tonhöhe anzeigenden), unlinierten Neumen. Als Musikhistorikerin suche ich ständig nach Wegen, meinen Studierenden Originalquellen in die Hand zu geben – und diese Neumen waren eine echte Sensation. Anders als die bekannteren Quadratneumen, die man in den illuminierten Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts findet (und die heute manchmal sogar als Kunstwerke gerahmt werden), sind diese kleinen „Kringel“ die allerersten Versuche, Melodien überhaupt schriftlich festzuhalten – vor über tausend Jahren. Zum ersten Mal sollten mit diesen Fragmenten Studierende an der Western University Pergamente anfassen können, auf denen jemand eine Melodie in Zeichen verwandelt hatte! So lassen sich diese feinen und erstaunlich eingängigen Symbole studieren, die den Verlauf alter Gesänge sichtbar machten.

Dank schneller Spendenaktionen kamen die wertvollen Fragmente im Februar 2025 tatsächlich an. Wir beschlossen, zur Feier ihrer Ankunft ein „Unboxing“-Video zu drehen und die Begeisterung zu teilen. Obwohl ich die Digitalisate vorher gründlich angesehen hatte, raste mein Herz, als ich die Schachtel öffnete und das Pergament in den Händen hielt: Es ist einfach überwältigend, etwas so Altes physisch zu berühren – wessen Hände haben wohl vor Jahrhunderten an diesen Seiten gearbeitet? Hätten die Schreiber je gedacht, dass ihre Federstriche eines Tages untersucht würden, um Rückschlüsse auf ihre Musikwelt zu ziehen? Statt einer klugen Erklärung brachte ich im Moment nur hervor: „Oh mein Gott, oh wow, schaut euch das an …“
Das Unboxing-Video bekam tatsächlich Aufmerksamkeit – sogar der lokale Radiosender CBC in London, Ontario, kam wenige Wochen später für ein Interview an die Uni. Ich fand es großartig, dass die Neumen über den akademischen Kreis hinaus Neugier weckten. Schließlich waren diese Fragmente nicht für ausgebildete Musiker gedacht, sondern für ganz normale Mönche, die sie in ihr tägliches Gebet einbanden. Genau darin liegt die Faszination solcher Funde: Sie schaffen eine unmittelbare Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart – man kann sie in den Fingern halten, und man kann sie sogar singen.
Die Geburt der Musiknotation
Vor über tausend Jahren begannen Sänger, kleine Zeichen über die Wörter zu setzten, die sie sangen – Neumen –, um sich an den Verlauf der Melodie zu erinnern. Diese Symbole gaben weder Tonhöhe noch Rhythmus präzise an, sondern führten den Sänger, der den Choral ohnehin auswendig konnte, durch die Bewegungen der Melodie. Abbildung 1 zeigt einige Grundformen der Neumen mit ihren lateinischen Namen, den späteren Entsprechungen in Quadratnotation und unserer heutigen Deutung ihrer Bedeutung.

Fachleute können Neumen aus verschiedenen Regionen unterscheiden – etwa französische von schweizerischen –, doch im Kern blieb das System erstaunlich einheitlich in ganz Europa. Neumen signalisierten Bewegung und Richtung: „Hier geht es nach unten“ oder „diese Töne sind getrennt“ – nicht „das hier ist ein mittleres C“. Mit der Zeit ergänzten Schreiber Buchstaben oder kleine Zeichen, um weitere Hinweise zu geben: bestimmte Silben zu betonen oder Übergänge zu glätten. Manche dieser Zusätze wurden damals dokumentiert und ihre Bedeutung ist überliefert, andere – wie das rätselhafte quilisma – werden noch immer diskutiert. War es eine Verzierung? Ein schneller Durchgang? Oder eine Dehnung der vorigen Note? Solche offenen Fragen zeigen, dass wir Notationen aus einer Zeit ohne Tonaufnahmen nur mit Forschung und einer guten Portion musikalischer Intuition verstehen können.
Heute bestaunen wir sie als Kunst, aber ihr ursprünglicher Zweck war ganz praktisch: Sie sollten Sängern im Gottesdienst Orientierung geben.
Kate Helsen öffnet die neu gefundenen Manuskripte. Bildnachweis: Colleen MacDonald/Western News Zwei entscheidende Faktoren führten zur Verwandlung der Neumen in das Notationssystem, das wir heute kennen. Erstens verlagerte sich im Laufe des Mittelalters das Singen allmählich von der reinen Erinnerung der Gemeinschaft hin zu schriftlichen Vorlagen. Zweitens: Mit dem Aufkommen der Mehrstimmigkeit – also Musik mit mehreren gleichzeitig klingenden Stimmen –, musste die Notation präziser werden, vor allem in Bezug auf Tonhöhen und Dauern, um das Zusammenspiel der Stimmen steuern zu können. Das Notensystem mit Linien, wie wir es heute kennen, ist eine Erfindung des 11. Jahrhunderts.
Es wurde von Guido von Arezzo entwickelt und verbreitet – als pädagogisches Werkzeug, um den Knaben, die er unterrichtete, eine visuelle Orientierung für die üblichen Choral-Melodien zu geben. Guido führte Linien ein, die feste Tonhöhen markierten, und berichtete selbst, dass diese Neuerung seinen Sängern half, Intervalle visuell zu unterscheiden – was das Erlernen auch komplexer Gesänge erleichterte und beschleunigte. Mit der Platzierung einzelner Noten auf Linien konnte ein Sänger nun auf seine Lesefähigkeit zurückgreifen, statt auf das reine Auswendiglernen der unzähligen Gesänge für das Kirchenjahr. Doch während sich die Liniennotation immer mehr standardisierte, gingen auch Ausdrucksnuancen verloren.

Die feinen Schattierungen, die die Neumen vermitteln konnten – kleine Tempoveränderungen oder leichte Phrasierungsunterschiede –, verschwanden zugunsten der zwei Hauptaspekte der modernen Notenschrift: Tonhöhe und relative Dauer. Um diese Zeit herum wurden auch die Choralhandschriften größer im Format, sodass mehrere Sänger um ein einziges Buch stehen konnten, statt jeweils eigene Kopien in Händen zu halten. Diese riesigen Chorkodizes, in Kapellen ausgestellt, entwickelten sich selbst zu Kunstwerken – mit prächtigen Initialen in Gold und aufwendig kolorierten Verzierungen. Heute bestaunen wir sie als Kunst, aber ihr ursprünglicher Zweck war ganz praktisch: Sie sollten Sängern im Gottesdienst Orientierung geben. Western’s Archives and Special Collections Library beherbergt jetzt zwei frühe Beispiele geschriebener mittelalterlicher Musik.
Das expressive Erbe der Neumen
Auch nachdem sich die Quadratnotation durchgesetzt hatte, blieb das ältere Neumensystem in manchen Regionen Europas – vor allem im heutigen Süddeutschland, in der Schweiz und in Österreich – noch bis ins 12. Jahrhundert bestehen. Das mühsame Auswendiglernen, das zum Verstehen der adiastematischen Neumen nötig war, galt als Ausdruck religiöser Hingabe. Man könnte sich vorstellen, dass auch das Fragment an der Western University aus diesem Umfeld stammt – als Zeugnis dafür, wie das mittelalterliche Denken die Verbindung von Wort und Melodie verstand, bevor es Linien und festgelegte Tonhöhen gab.

Die frühesten Notationen zeigen nämlich eine erstaunliche Flexibilität der Aufführung, die aus der mündlichen Tradition und einem gemeinschaftlichen Gedächtnis hervorging. Heute versuchen Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler, die Interpretation des Choralgesangs quasi rückwärts zu erschließen – indem sie die Entwicklung von der Quadratnotation mit Linien zurückverfolgen zu den gestenreichen, tonhöhenarmen, adiastematischen Neumen. Durch den Vergleich von Choral-Melodien über die Jahrhunderte hinweg gewinnen sie Einsichten, wie frühe Musiker ihre Gebete wohl phrasieren, gruppieren und artikulieren mochten. In den Quellen zeigen sich typische „Hausstile“ von Kadenzen und Gesten, die auf eine lebendige mündliche Tradition verweisen, die neben der schriftlichen Notation fortbestand – so wie die liturgische Musik bis heute zugleich von gelebter Praxis und notierten Vorlagen lebt.
Wenn Studierende das echte Pergament sehen und die Federstriche betrachten, weckt das unweigerlich die Neugier, wie dieser Gesang wohl vor Jahrhunderten geklungen hat (..). Diese einfache Frage, die man sich bei jedem Notentext stellt – „Wie geht das?“ – wird plötzlich dringend, ja fordernd.
Was den mittelalterlichen Choral so faszinierend macht, ist aber nicht nur seine Schönheit, sondern auch die enge Verbindung zu den Sängern, die ihn weitergegeben haben – jede Melodie ein Zeugnis der Kontinuität musikalischer Tradition, geformt durch Gedächtnis und Schrift. Letztlich sind adiastematische Neumen also mehr als historische Dokumente: Sie lassen uns in die Ausdruckswelt mittelalterlicher Sänger blicken und in die lebendige Tradition des Chorals, die bis heute weitergeht.
Zeugen und Übermittler
Es ist faszinierend, darüber nachzudenken, welche Wege diese Fragmente über die Jahrhunderte genommen haben – von ihrer Entstehung und ihren ersten Einsätzen bis zu den heutigen Bibliotheken und Archiven. Über Jahrhunderte wurden viele von ihnen zweckentfremdet: als Verstärkung in Bucheinbänden, als Umschläge für Verwaltungsakten oder sogar als eingerahmte Zierobjekte. Heute sind sie historische Zeugen, von denen Fachleuten lernen können – Musikwissenschaftler, Paläographen, Historiker oder Liturgieexperten. Diese erforschen solche Manuskripte, um regionale Unterschiede aufzuspüren, die Arbeit der Schreiber zu verstehen oder melodische Varianten über Orte und Zeiten hinweg nachzuvollziehen.
Aber die Bedeutung solcher Fragmente reicht weit über die akademische Forschung hinaus. Man stelle sich den Eindruck auf Studierende vor – von denjenigen, die gerade erst ihre Faszination für Geschichte entdecken, bis zu denen, die ihr Leben der weiteren Forschung widmen wollen –, wenn sie diese Originalmaterialien tatsächlich in Händen halten! Es hat eine ganz eigene Wirkung, eine direkte, greifbare Verbindung mit der Vergangenheit zu spüren. Wenn Studierende das echte Pergament sehen und die Federstriche betrachten, weckt das unweigerlich die Neugier, wie dieser Gesang wohl vor Jahrhunderten geklungen hat – und wie er das Leben und Denken von Sängern und Hörern geprägt hat. Diese einfache Frage, die man sich bei jedem Notentext stellt – „Wie geht das?“ – wird plötzlich dringend, ja fordernd. Man versucht, Antworten zu finden, denkt sich mögliche Szenarien aus, singt vielleicht selbst eine Passage und stellt sich vor, was es bedeutet hat, als Gemeinschaft zu singen – so wie es Menschen in allen Kulturen getan haben.
Die Fragmente in der Sammlung der Western University sind ein wesentlicher Teil dieses größeren, gemeinsamen Projekts, an dem wir alle beteiligt sind – als Sänger, Forscher, Zuhörer oder Leser. Sie bewahren das kulturelle und musikalische Erbe und entfachen die Fantasie kommender Generationen. Durch die sichtbaren Spuren alter Notation und Gebetssprache schaffen diese Fragmente eine starke Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und lassen uns die Echos vergangener Jahrhunderte lesen und verstehen.


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