40 Jahre lautten compagney BERLIN

Wolfgang Katschner: „Alte Musik bleibt nur lebendig, wenn sie Gegenwart wagt“ 

→Die lautten compagney BERLIN, die in den 1980er Jahren in der ehemaligen DDR gegründet wurde, feierte kürzlich ihr 40-jähriges Jubiläum. Heute verwirklicht sie zahlreiche originelle Projekte – in diesem Jahr unter anderem mit dem Countertenor Reginald Mobley sowie einem neuen Rundtischgespräch über die „Songbooks“ von John Dowland. Nicht zu vergessen ist Ende August das KALIT-Festival, das Musik und Literatur miteinander verbindet. Wolfgang Katschner, 65 Jahre alt und Gründer des Ensembles, erzählt uns dessen Geschichte … die zugleich ein Stück weit die Geschichte seines eigenen Lebens ist.

Wolfgang Katschner: „Alte Musik bleibt nur lebendig, wenn sie Gegenwart wagt“ 
Die Mitglieder der lautten compagney BERLIN, in der Mitte Wolfgang Katschner © luxstudio

Wolfgang Katschner gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Alte-Musik-Szene. Mit der lautten compagney BERLIN, die gerade ihr vierzigjähriges Bestehen feierte, hat er seit den frühen 1980er Jahren einen Weg eingeschlagen, der historisches Bewusstsein mit künstlerischer Neugier verbindet. Das aus der DDR stammende Ensemble, geprägt von den Umwälzungen rund um den Fall der Berliner Mauer 1989, hat sein Profil nach und nach erweitert: von der Lautenmusik der Renaissance über Vokalprogramme und Musiktheater bis hin zu ungewöhnlichen Grenzgängen zwischen Minimal Music, Pop und Literatur. Im Zentrum steht dabei nie der bloße Effekt, sondern stets die Frage, wie Alte Musik heute lebendig, aktuell und sinnlich erfahrbar werden kann. Im Gespräch erzählt Katschner von den Anfängen in Ost-Berlin, vom Neuanfang nach der Wende, von Dowland, Bach, ABBA und Reginald Mobley – und von seiner Überzeugung, dass musikalische Tradition nur dann Zukunft hat, wenn sie sich der Gegenwart öffnet. 

Wenn wir an Ihre Studienzeit in der DDR denken, etwa an die Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin: Wie sah damals die Landschaft der Alten Musik aus, bevor wir zu den Umbruchsjahren um 1989/90 kommen? 

Wolfgang Katschner: Alte Musik gab es in der DDR durchaus, und zwar keineswegs nur am Rand. Es gab ja hier sehr viele Orte, die dafür geradezu prädestiniert waren. In Dresden stand Heinrich Schütz im Raum, in Leipzig natürlich Johann Sebastian Bach, und auch in Berlin gab es Ensembles, die sich mit älterem Repertoire beschäftigt haben. Was es allerdings nicht gab, war diese große freie Szene, wie wir sie heute kennen. Ich denke da in Berlin zum Beispiel an Musica Mensurata, das sich mit Mittelaltermusik beschäftigt hat. Es gab auch Ensembles für Renaissancemusik, und ab 1982 dann die Akademie für Alte Musik, die sich gegründet hat. Das hatte damals schon etwas von einem Nischendasein, ähnlich wie in mancher Hinsicht auch heute noch, aber Barockmusik gehörte durchaus zum musikalischen Kanon. Nur eben nicht in dieser Ausdifferenzierung, nicht mit den vielen Spezialensembles und der großen freien Szene, die wir heute haben. In dieser Form existierte das damals nicht. 

Was bedeutete dann der Umbruch nach 1989 ganz konkret für Sie und für die lautten compagney? 

W. K.: Für uns war das eine Zeit des völligen Übergangs. Wir waren damals noch zu zweit, Hans-Werner Apel und ich. Wir hatten gerade angefangen, das Duo ein wenig zu erweitern– mal mit einem Sänger, mal mit einer Gambe, also vorsichtig tastend. Die Compagney ist ja ursprünglich wirklich als Lautenduo gestartet. Es gibt auch eine sehr schöne erste Aufnahme von uns beiden, eine CD, die diese Zeit wunderbar spiegelt: Amor e gratioso. Die kann man heute noch hören, und sie erzählt viel über diese Anfangsjahre. Für unser vierzigjähriges Jubiläum vor anderthalb Jahren haben wir vieles aus dieser Zeit zusammengetragen. Es gibt da reichlich Material. Die Bildmarke unseres Jubiläums war ein Foto von 1984 oder 1985, und dieses Bild haben wir 2024 noch einmal nachgestellt: derselbe Ort, dieselbe Pose, dieselben Klamotten – nur eben vierzig Jahre später. Zwei ältere Herren statt zwei junger Musiker. 

Nach 1990 ist zunächst einmal unser bisheriger Markt weggebrochen. Diese ganze staatlich organisierte Kulturlandschaft, die Veranstalterstrukturen, all das löste sich innerhalb weniger Wochen auf. Und dann musste etwas Neues entstehen. Wir haben unsere Fühler nach West-Berlin ausgestreckt, Kontakte zu Musikern geknüpft, versucht, uns geschäftlich neue Standbeine aufzubauen und gleichzeitig das zu pflegen, was noch übrig war. Wir haben Kontakt zu Plattenfirmen aufgenommen; bei uns war das zunächst Capriccio in Wien. Dann haben wir beide noch einmal studiert. Wir sind nach Frankfurt am Main gegangen und haben dort an der Musikhochschule zwei, drei Jahre lang noch einmal Laute studiert. Und Mitte der 1990er Jahre begann dann eigentlich das, was die lautten compagney bis heute ausmacht: mit den Musikern, die zum Teil noch heute bei uns spielen, mit der Erweiterung des Klangkörpers, mit Musiktheaterprojekten. Seit 1994/95 ist das kontinuierlich gewachsen. 

Angel

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