Es war 1726, in seinem dritten Leipziger Amtsjahr, als Johann Sebastian Bach etwas Ungewöhnliches tat: Er hörte auf, seine eigenen Kantaten zu komponieren, und führte stattdessen in der Leipziger Thomaskirche von Februar bis September insgesamt 18 Kantaten seines entfernten Cousins Johann Ludwig Bach auf — Kantaten die er auch noch höchstselbst abschrieb. Warum? Das wissen wir nicht. Doch man kann wohl annehmen, dass sie ihn schlicht ob ihrer musikalischen Qualität so sehr überzeugten, dass er sie auch dem Leipziger Publikum bekannt machen wollte. Dennoch blieben diese Werke, die uns in der Handschrift Johann Sebastian Bachs überliefert sind, lange vergessen; nur wenige lagen bislang in modernen Editionen vor — bis die deutsche Kirchenmusikerin, Dirigentin, Organistin und Cembalistin Johanna Soller sie entdeckte! Nun legt sie mit ihrem Ensemble Capella Sollertia eine Einspielung dieser 18 Kantaten auf insgesamt vier CDs vor.
Johanna Soller, Ihr Ensemble Capella Sollertia, das Sie 2019 gegründet haben, ist ein Vokal- und Instrumentalensemble, das je nach Projekt in unterschiedlicher Besetzung auftritt. Was war die ursprüngliche Idee dahinter?
J.S.: Ich hatte während des Studiums bereits ein Vokalensemble gegründet, das Vocalconsort München, mit dem ich damals einige Projekte verwirklicht habe: Bach-Motetten, die h-Moll-Messe und 2019 auch eine Matthäus-Passion. Dafür hat sich ein so exzellentes Orchester formiert, dass ich mir gesagt habe, ich möchte diese Formation für die Zukunft erhalten. Ich wollte ihr einen Namen geben, damit Vokalisten und Instrumentalisten eine Einheit bilden, weil ich das für die Musik sowieso essentiell finde. So entstand die Capella Sollertia. Wir haben dann mit eben dieser Bach-Kantaten-Reihe, Cantate um 1715, begonnen, in der wir Bachs Kantaten-Werk genauer unter die Lupe nehmen, dabei aber den Bachkantaten immer das Werk eines Zeitgenossen zum gleichen Thema und für denselben Sonntag gegenüberstellen.
Um diese schönen inhaltlichen Bezüge zu schaffen, war ich ständig auf der Suche nach Repertoire aus Bachs Umfeld. In diesem Zusammenhang haben wir auch Kantaten von Graupner oder Telemann erstaufgeführt, aber ich bin dann relativ schnell auf Johann Ludwig Bach gestoßen. Alles daran war so spannend und so wert, entdeckt zu werden, dass ich Lust hatte, mich mit dem Ensemble da richtig hineinzubegeben! Das ist heute der Kern der Capella Sollertia: Neben dem bekannten Repertoire widmen wir uns der mitteldeutschen Barockmusik, die es noch weitgehend zu entdecken gilt.
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