Hervé Niquet & Le Concert Spirituel

Die Aufnahme, die den Exodus elektrisiert

→Die Bittrufe des auserwählten Volkes, das ebenso unerbittliche wie begeisternde Wüten der ägyptischen Plagen und der strahlende Triumph Gottes über das Heidentum stehen im Mittelpunkt der neuen Einspielung von Israel in Egypt, erschienen bei Alpha Classics.

Die Aufnahme, die den Exodus elektrisiert
© Alpha Classics (Outhere)

In der Verbindung von historischer Instrumententradition und zeitloser interpretatorischer Leidenschaft verleiht die mitreißende Energie Hervé Niquets an der Spitze seines Concert Spirituel (Chor und Orchester) Händels Oratorium Israel in Egypt neue Frische.

Die Produktion hat sich dafür entschieden, das Oratorium in seiner ersten veröffentlichten Fassung aufzunehmen, also in zwei Teilen: dem Exodus und dem Lied des Mose. Obwohl gleichzeitig komponiert, war der erste Teil (Die Klage der Israeliten über den Tod Josephs) ursprünglich separat herausgegeben worden und fehlt daher in dieser Einspielung. Die CD erscheint in einer Kartonhülle und enthält ein dreisprachiges Booklet (Französisch, Englisch, Deutsch) mit Fotografien, einer programmatischen Einleitung, einer kurzen Vorstellung des Projekts und des Werks sowie dem vollständigen Libretto (zusammengestellt aus dem Buch Exodus und Psalmen des Alten Testaments).

Neben dem Chor wirken die Sopranistinnen Myriam Leblanc und Lucie Edel, der Tenor Laurence Kilsby, die Bassbaritone Andreas Wolf und Alexandre Baldo sowie die Altistin Lena Sutor-Wernich mit. Hervé Niquet und sein Concert Spirituel — die vor einigen Jahren unter anderem die Coronation Anthems desselben Komponisten vor Seiner Majestät König Charles aufführten — verleihen dieser Partitur an der Schnittstelle von Drama und Sakralmusik einen belebenden Impuls.

Ohne die Klarheit und Transparenz der Ausführung zu vernachlässigen, tragen die vergleichsweise zügigen Tempi zur mitreißenden Wirkung einer Interpretation bei, die paradoxerweise zugleich leicht und charakterstark erscheint. Zum Vergleich: Die Aufnahme dauert etwa eine Stunde und zehn Minuten, gegenüber einer Stunde und vierzig Minuten bei Simon Preston mit dem English Chamber Orchestra oder etwa einer Stunde und dreißig Minuten bei John Eliot Gardiner und seinem Ensemble, die ebenfalls die zweigeteilte Fassung eingespielt haben. Das Orchester des Concert Spirituel verbindet Leidenschaft mit Reaktionsschnelligkeit. Besonders präzise gestaltet es die Streicherfiguren, etwa jene, die das allmähliche Überfallen der ägyptischen Ernten durch Insektenschwärme veranschaulichen. Die glänzende Dichte der Blechbläser lässt den Triumph des hebräischen Volkes durch das Eingreifen seines Gottes aufleuchten. Das Continuo bleibt nahe an den Stimmen und begleitet sie mit Feinsinn und Eleganz. So wird der dramatische Charakter des Oratoriums maßgeblich durch die Lebendigkeit des Orchesters getragen, während der religiöse Aspekt vor allem durch die Stimmen hervortritt.

Diese finden das richtige Gleichgewicht zwischen Engagement und Zurückhaltung und vermeiden so eine Übersteigerung, die die biblische Botschaft trüben könnte. Die Geschlossenheit und Koordination des Chores lassen die vokale Reinheit der einzelnen Stimmgruppen und die harmonische Klangbalance besonders hervortreten. Die geschickte rhythmische Akzentuierung verleiht den Chorsätzen sowohl Relief als auch Fließkraft. Die Tonaufnahme jedoch bringt die klanglichen Proportionen nicht immer optimal zur Geltung.

Im Gegensatz zu anderen Oratorien nehmen die Solopartien hier keinen dominierenden Platz ein. In dieser Einspielung sind sie insgesamt solide gestaltet, ohne jedoch im Vergleich zur übrigen Diskographie ein herausragendes Merkmal darzustellen. Laurence Kilsbys Phrasierung strukturiert die Tenorrezitative wirkungsvoll und unterstreicht deren erzählerischen Charakter. Das Bassduo zeichnet sich durch präzise Stimmansätze aus; ihre Atemtechnik ermöglicht eine angemessene Verzierung der Gesangslinien in ihren Einsätzen. Den beiden Sopranistinnen gelingt es hingegen nicht immer, die Ergänzung ihrer Stimmen deutlich hervortreten zu lassen. Die frommen Anrufungen Myriam Leblancs im Schluss führen zur warmen Antwort von Chor und Orchester. Lena Sutor-Wernich scheint stellenweise in der Atemführung sowie im Aufstieg in die Höhe weniger sicher. Die Entscheidung, einen Countertenor einzusetzen (wie bei der Uraufführung zu Händels Zeiten), hat sich mitunter als lohnender erwiesen (etwa James Bowman in der oben erwähnten Aufnahme von Simon Preston).

Wie der Exodus selbst, der den Weg eines Volkes zu seinem Schicksal erzählt, gleicht das Hören von Israel in Egypt in der Interpretation Hervé Niquets und seines Concert Spirituel einer musikalischen Reise, in der sowohl die dunkleren Episoden als auch das von Gott geschenkte strahlende Ende veredelt werden.


Titel: Israel in Egypt
Komponist: Georg Friedrich Händel
Musikalische Leitung: Hervé Niquet
Ensemble: Le Concert Spirituel
Erscheinungsdatum: 31. Oktober 2025
Format: 1 Audio-CD; Dauer: ca. 70 Minuten
Label: Alpha Classics

Programm:

    Georg Friedrich Handel — Israel in Egypt, HWV 54, Part I – Exodus
    Georg Friedrich Handel — Israel in Egypt, HWV 54, Part II – Moses’ Song

Besetzung:

  • Myriam Leblanc — Sopran
  • Lucie Edel — Sopran
  • Lena Sutor-Wernich — Alt
  • Laurence Kilsby — Tenor
  • Andreas Wolf — Bass
  • Alexandre Baldo — Bass

Anmerkung:
Die Aufnahme, entstanden im Oktober 2023 im Arsenal in Metz, folgt der zweiteiligen Fassung von Israel in Egypt, die Berlioz und das 19. Jahrhundert als maßgeblich betrachteten — bestehend aus dem Exodus und dem Lied des Mose — und bietet eine intensive dramatische und chorische Lesart von Händels Oratorium.