Als das Cleveland Orchestra Jeannette Sorrell 1991 dazu einlud, sich für die vakante Stelle der stellvertretenden Dirigentin zu bewerben, stand die 26-jährige Musikerin noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn. Im August jenes Jahres reiste sie von Oberlin, Ohio, zum Wohnsitz des renommierten deutschen Musikdirektors Christoph von Dohnányi, um die Modalitäten eines möglichen Vorspielens zu besprechen. Am Rande eines Swimmingpools entspann sich ein Gespräch über die Geschichte und Politik von Dohnányis Heimat – von Musik war keine Rede. Nach zwanzig Minuten folgte das jähe Ende: „Nun, meine Liebe, es tut mir wirklich leid“, erinnert sich Sorrell an seine Worte. „Es hat keinen Sinn, Ihnen Zeit mit dem Orchester zu verschaffen. Das Orchester ist sehr beschäftigt, und leider würde das Publikum in Cleveland niemals eine Frau als Dirigentin akzeptieren!“Doch die junge Dirigentin, die sich schon als Teenager in den Klang historischer Instrumente verliebt hatte, ließ sich nicht beirren. Diese Ablehnung bestärkte sie nur in ihrer Entschlossenheit, sich der Alten Musik zu widmen. Weniger als ein Jahr später leitete sie bereits die ersten Konzerte von Apollo’s Fire – ein Ensemble, das heute Weltruf genießt und feste Spielzeiten in Cleveland und Chicago bespielt. „Mir war klar geworden“, vertraute sie später an, „dass ich meinen eigenen Weg gehen musste.
Einige Statistiken
Jeannette Sorrell ist bei weitem kein Einzelfall. Tatsächlich scheint es, dass amerikanische Ensembles für Alte Musik proportional mehr Frauen an ihrer Spitze haben als ihre Kollegen aus der traditionellen Symphoniewelt.
Laut einer Studie der League of American Orchestras waren im Jahr 2025 lediglich 14,2 % der musikalischen Leitungen amerikanischer Orchester weiblich besetzt. Ein Blick auf die Riege der führenden Ensembles für historisch informierte Aufführungspraxis offenbart hingegen ein anderes Bild: Zahlreiche Spitzenensembles werden von Frauen geleitet, darunter Alkemie, Apollo’s Fire, Boston Camerata, The Newberry Consort oder Piffaro.
„Ich glaube nicht, dass darüber bislang viel gesprochen wurde“, bemerkt Liza Malamut, Posaunistin und Leiterin des in Chicago ansässigen Newberry Consort. „Es wäre schön, wenn dieses Thema mehr Beachtung fände. Ich denke, das ist eine Besonderheit, die für unseren Bereich typisch ist.“
Sie schränkt jedoch ein: Auch wenn die Alte Musik in Sachen Gleichberechtigung bemerkenswerte Fortschritte gemacht hat, bleibt die Inklusion in anderen Bereichen eine Herausforderung. „In Führungspositionen sind Menschen aus ethnischen Minderheiten nach wie vor deutlich unterrepräsentiert“, betont sie. „Man kann also nicht pauschal sagen, die Alte Musik sei inklusiv und die klassische Musik nicht. Das ist kein binärer Gegensatz.“
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