Hannah French

Schreiben “Die vier Jahreszeiten”

→Und wenn die Vier Jahreszeiten nicht nur ein klassischer Evergreen wären, sondern eine Zeit, die man bewohnt? In ihrem Buch The Rolling Year erkundet Hannah French Vivaldi im Rhythmus der Monate, der Landschaften und eines hörenden Körpers. Eine Untersuchung, in der Musik, Jahreszeiten und gelebte Erfahrung einander spiegeln – fern jeder Abstraktion. 

Schreiben “Die vier Jahreszeiten”
„Im Laufe dieses Jahres ist Vivaldi nach und nach zum Vorschein gekommen, und er entspricht überhaupt nicht der Figur, die ich mir vorgestellt hatte!“ © Hannah French, Montage Total Baroque Magazine

Als Produzentin und Moderatorin bei BBC Radio 3, zählt Hannah French zu den feinsten Stimmen der britischen Musikvermittlung. In ihrem Buch The Rolling Year: Listening to the Seasons with Vivaldi schlägt sie einen ungewöhnlichen Weg durch die Vier Jahreszeiten ein: geschrieben über den Verlauf eines ganzen Jahres, wird jeder Satz genau in dem Moment erkundet, in dem er auch im Kalender erklingt. Zwischen sinnlicher Recherche, Reisetagebuch und Reflexion über das Hören verbindet ihr Buch Musik, Poesie, Alltagsgesten und venezianische Landschaften und zieht dabei ebenso Musiker wie Klimaforscher oder Ornithologen hinzu. In diesem Gespräch spricht Hannah French über ihr erneuertes Verhältnis zu Vivaldi, über die Schwierigkeit, Musik von innen heraus zu beschreiben, und darüber, was diese Konzerte offenbaren, wenn man bereit ist, sie anders zu hören. Der folgende Auszug, entnommen dem Teil über den letzten Satz, den Winter, lässt diese Erfahrung so nah wie möglich an Körper und Bewegung heran. Am Ende bleibt eine leise, aber eindringliche Frage: Was geschieht, wenn das Hören sich endlich verlangsamt und dem Rhythmus der Jahreszeiten anpasst? 

Vivaldi, die Vier Jahreszeitenund Sie – was bedeutet das für Sie? 

Vor einigen Jahren beschloss ich, ein Buch über das Hören im Verlauf der Jahreszeiten zu schreiben. Wenn man eine Morgensendung auf BBC Radio 3 moderiert, überlegt man oft, welche Musik zu einem bestimmten Tag, zu einem konkreten Zeitpunkt im Jahr, zu einer Jahreszeit passt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Schon seit einiger Zeit hatte ich die Intuition, dass das Hören von Musik, die für einen bestimmten Tag konzipiert ist – sei es eine Kantate von Bach, ein Werk für ein Sommerfestival oder für ein winterliches Fest auf dem Eis –, eine verankernde, verbindende Wirkung hat, sei sie nun deutlich oder subtil. Vivaldi schien mir ein idealer Einstieg: Jeder kennt doch die Vier Jahreszeiten. Doch dieser Einstieg wurde schließlich zum ganzen Buch. Sehr schnell wurde mir klar, wie wenig wir sie eigentlich kennen, und ich begann schlicht, sehr viele Fragen zu stellen. 

Diese Fragen mündeten in ein Manuskript, das im Verlauf eines Jahres entstand, wobei jede Jahreszeit während ihrer eigenen Jahreszeit geschrieben wurde. Für jeden Monat organisierte ich Gespräche mit Musikern und Dichtern oder – je nach Musik und ihren Themen – mit einem Ornithologen, einem Dudelsackspieler, einer Kunsthistorikerin, einem Weinhändler, einer Gesundheitsexpertin, einer Köchin, einem Hotelier und einer Klimaforscherin. Meine Recherchen führten mich nach Venedig und Mantua zurück, um die Luft zu atmen, saisonale Produkte zu kosten, Feste mitzuerleben und die Orte so zu sehen, wie Vivaldi selbst sie erlebt haben könnte. 

Angel

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