Bei Erato erschienen, vereint Gelosia! – das neue Album von Philippe Jaroussky – sechs cantate da camera, also weltliche Kammerkantaten, die man sowohl von den geistlichen cantate da chiesa als auch von umfangreicheren Formen unterscheidet. Sie stammen von sechs verschiedenen Komponisten des 18. Jahrhunderts und kreisen sämtlich um das Thema der Eifersucht, wie der Titel bereits andeutet. Zwei dieser Werke, nahezu vierzig Jahre nacheinander entstanden und von Porpora beziehungsweise Galuppi auf denselben Text komponiert, liegen hier erstmals auf Tonträger vor. Für die Aufnahme umgab sich der französische Countertenor mit seinem Ensemble Artaserse, das er 2002 gegründet hat.
Als ewiges Kernthema der Oper begegnet uns die Eifersucht hier im konzentrierten Rahmen der Kantate wieder. Wie Philippe Jaroussky in seiner Einleitung erläutert, erlaubt diese Gattung, jedes Werk vollständig innerhalb eines Albums darzubieten und zugleich eine Vielfalt an Epochen und kompositorischen Zugängen zu präsentieren. Die süßlich-dunkle Atmosphäre von Alessandro Scarlattis Ombre tacite e sole mit ihren Todesassoziationen steht so im Kontrast zur lodernden Energie von Antonio Vivaldis Cessate, omai cessate oder zur eleganten, klassizistisch geprägten Zurückhaltung von Baldassare Galuppis La Gelosia. Georg Friedrich Händel ist mit einem Jugendwerk vertreten: Mi palpita il cor, entstanden zwischen 1710 und 1713, dessen knapp dreißig Sekunden dauerndes Arioso eine konzentrierte Explosion an Virtuosität entfesselt.
Das CD-Album erscheint in einer Kartonhülle mit Booklet. Dieses enthält künstlerische Fotografien von Philippe Jaroussky vor rotem Hintergrund mit einer Rose sowie Aufnahmen der Musiker während der Einspielung. Neben der einleitenden Programmbemerkung tragen die italienischen Originaltexte und ihre Übersetzungen ins Französische, Englische und Deutsche wesentlich zum Verständnis dieser größtenteils wenig bekannten Kantaten bei.
Schon die erste Begegnung mit dem Album weckt den Wunsch, sich darin zu vertiefen und immer wieder zurückzukehren. Die von ausgewiesenen Spezialisten des Repertoires und selbstverständlich auf historischen Instrumenten gespielten Interpretationen zielen in erster Linie auf Authentizität, auch wenn der Einsatz der Countertenorlage mit ihrem Falsett einmal wieder die bekannten Grundsatzfragen aufwirft. Zwar hat Philippe Jarousskys Stimme in den vergangenen Jahren ein wenig von ihrer früheren Fülle eingebüßt, doch haben sich technische Kontrolle und interpretatorische Reife weiter verfeinert und verleihen seinen Partien eine ausgeprägte Sensibilität.
Besonders auffällig ist die differenzierte Arbeit mit Nuancen. Das Umherirren des Liebenden in der ersten Arie von Scarlatti spiegelt sich in subtilen Lautstärkeveränderungen entlang der Gesangslinie und vermittelt den Eindruck einer hoffnungslosen Suche nach einem Ausweg. In der zweiten Arie von Vivaldi entfaltet sich die Kraft der Stimme in einer wahren Sturmflut der Leidenschaft, in der Jaroussky den gesamten Umfang seiner Tessitur ausschöpft. Die tiefen Lagen, teils mit Bruststimme gesungen, wirken ebenso eindringlich wie die schneidenden Höhen und veranschaulichen den Drang zu Blut und Rache. Die rhythmische Struktur, geprägt durch die Akzentuierung des Gesangs, trägt maßgeblich zum mitreißenden Charakter dieser Passage bei. Die opulenten, klug ornamentierten Koloraturen des letzten Händel-Arienabschnitts entsprechen der inneren Zerrissenheit zwischen dem Schmerz unerwiderter Liebe und der Hoffnung auf deren mögliche Wiederkehr.
Das Instrumentalensemble, bestehend aus Flöte, Streichquartett, Theorbe beziehungsweise Barockgitarre sowie Cembalo, verfügt über jene Flexibilität, die der cantata da camera eigen ist. Jarousskys geschmeidige Leitung lässt den Musikern viel gestalterischen Freiraum, wahrt jedoch stets den notwendigen Rahmen für klangliche Einheit und die sensible Begleitung des Gesangs. Dieser wird aufmerksam in seinen dynamischen und harmonischen Feinheiten aufgegriffen. Bereits in den ersten Takten vermag das Ensemble den Hörer in die jeweilige Atmosphäre zu tauchen, sei sie von ätherischen Schatten oder entfesselten Emotionen geprägt. Mitunter erweist sich die Wirkung der orchestralen Effekte als geradezu frappierend, etwa in der Meeresdarstellung der Schlussarie von Porporas La Gelosia: Wie Gischt im Wechsel der Gezeiten strömen die Töne vor und zurück.
Die enge Verbindung zwischen Philippe Jaroussky und seinem Ensemble, die thematisch durchdrungene Sensibilität des Countertenors und seine vokale Reife bilden die tragenden Säulen dieses Albums Gelosia! – hoffen wir, dass sein Erfolg nicht allzu viel Eifersucht auf sich zieht …
Technische Angaben
Titel: Gelosia!
Sänger und musikalische Leitung: Philippe Jaroussky
Ensemble: Artaserse
Erscheinungsdatum: 24. Oktober 2025
Programm:
- Alessandro Scarlatti – Ombre tacite e sole
- Antonio Vivaldi – Cessate, omai cessate, RV 684
- Nicola Porpora – Perdono, amata Nice (La Gelosia)
- Georg Friedrich Händel – Mi palpita il cor, HWV 132C
- Baldassare Galuppi – La Gelosia
Label: Erato (Warner Classics)
Format: 1 Audio-CD; Dauer: ca. 71 Minuten
Bemerkung: Das Album vereint zwei Vertonungen desselben Metastasio-Textes von Porpora und Galuppi und bietet damit Erstaufnahmen innerhalb dieses der Kammerkantate gewidmeten dramatischen Programms.


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