Sardelli: Der Vivaldiflüsterer

→Federico Maria Sardelli, unter anderem Dirigent, Flötist, Komponist und Maler, ist heute ein maßgeblicher Vivaldi-Spezialist. In der Nachfolge des Dänen Peter Ryom führt er die Katalogisierung der Werke des Priesterkomponisten fort. Zudem ist er Autor zweier Bücher zu diesem Thema, darunter eines über die Entdeckung der Vivaldi-Manuskripte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für Sardelli ist Vivaldi eine Lebensaufgabe.

Sardelli: Der Vivaldiflüsterer
"Warum sollte Italien mit Vivaldi nicht dasselbe tun können wie Deutschland mit Händel?" © Rocco Papandrea, Fotomontage Total Baroque Magazine

Vorspann: Es ist selten, einem Musiker zu begegnen, der Vivaldi mit einer solchen Tiefe, Intimität und Beständigkeit kennt wie Federico Maria Sardelli. 2007 wählte der dänische Musikwissenschaftler Peter Ryom ihn aus, sein monumentales Werk der Katalogisierung der Musik Antonio Vivaldis fortzuführen; seither ist Sardelli Direktor des Vivaldi-Werkverzeichnisses RV. Im Laufe der Jahre wurde er so nicht nur zu einem Spezialisten, sondern zu einem der wachsamsten Hüter des vivaldischen Erbes. Mit ihm über Vivaldi zu sprechen heißt, die Türen zu einer Werkstatt abgenutzter Manuskripte, venezianischer Archive und vergessener Musik zu öffnen, genährt von einem Leben im Dienst des Priesterkomponisten. In diesem Interview spricht er über die Missverständnisse rund um den Komponisten, über moderne Interpretationen, den unterschätzten Reichtum des Opernschaffens Vivaldis und die Odyssee der autographen Manuskripte, wie er sie in L’Affare Vivaldi (2015) schildert. Zudem gewährt er Einblick in die andere Seite der Katalogarbeit, in zufällige Entdeckungen und in das, was die Zukunft vielleicht noch zutage fördern wird.

Man spricht häufig von einer Inflation der Vier Jahreszeiten und von einem heute allzu populären Vivaldi. Hat diese Überpräsenz sein Bild verzerrt?

Federico Maria Sardelli: Absolut. Die weltweite Popularität der Vier Jahreszeiten, so positiv sie auch erscheinen mag, setzt Vivaldi allerlei Ungerechtigkeiten aus. Was mich empört, ist nicht die Verbreitung seiner Musik, sondern die Art und Weise, wie manche Barockmusiker – mitunter als Spezialisten präsentiert – Vivaldi als Spielwiese benutzen, um dort all ihre Exzentrik auszuleben. Diese Verzerrungen erzeugen ein falsches Bild: Man nimmt seine bildhaften Titel wie L’Estro armonico oder La Stravaganza als Freibrief für alles. Doch die Extravaganz liegt in seiner Schreibweise, nicht in unserer Interpretation. Viele moderne Versionen erscheinen mir entweder naiv oder bewusst provokativ, als ginge es allein darum, sich abzuheben.

Die Vorstellung eines repetitiven, ja seriellen Vivaldi hält sich hartnäckig.

F. M. S.: Das ist ein Klischee, das aus einer romantischen Sicht auf das Schaffen stammt. Auf den ersten Blick scheint alles gleich – so hat es Dallapiccola formuliert, und Stravinsky hat es aufgegriffen. Man wirft Vivaldi etwas vor, was im 18. Jahrhundert völlig normal war: die Verwendung von Modellen, Formen und wiederkehrenden Verfahren. Händel tut das, Bach tut das, Telemann noch viel mehr. Das wäre, als würde man sagen, Canaletto habe so viele Ansichten Venedigs gemalt, dass sie alle gleich seien. Das ist ein ungerechtes und oberflächliches Urteil. Es handelt sich um eine Sprache, die ausgehend von demselben Sujet Nuancen erforscht, Streiflicht und Gegenlicht analysiert, einmal eine Figur in den Vordergrund stellt, ein anderes Mal eine funkelnde Kälte malt und so ein völlig anderes Bild desselben Ortes schafft. Vivaldi arbeitet genauso: Er erkundet unendliche Nuancen hinter einer scheinbaren Matrix. Wenn ich alle Motetten Händels nebeneinanderlege, wirken sie auf den ersten Blick gleich; dasselbe ließe sich über Bachs Kantaten sagen. Es sind Musiker mit äußerst solidem handwerklichem Können, die ihre eigenen Modelle verwendeten. In Vivaldis Werkstatt lagen all die Formen seiner wiederkehrenden Einfälle bereit, ganz wie in der Werkstatt Händels.

Pastellporträt von Vivaldi, gezeichnet vom Dirigenten © Federico Maria Sardelli
Angel

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