Stellen sie sich vor, ein Literaturforscher findet ein Lyrikmanuskript – und identifiziert eindeutig Johann Wolfgang Goethe als dessen Autor. Dann tritt ein Kollege auf den Plan, der relativ schlüssig beweisen kann, dass das Gedicht von Friedrich Schiller stammt. Eine solche Geschichte hat sich in Leipzig abgespielt — nur ging es nicht um ein Gedicht, sondern um eine kleine Orgel. Die steht im Musikinstrumentenmuseum der Universität. Und statt Goethe und Schiller stehen die beiden bedeutendsten Orgelbauer der Barockzeit in Sachsen im Mittelpunkt: Gottfried Silbermann und Zacharias Hildebrandt.
„Sachsens Glanz” – ein dörfliches Schmuckstück in der Großstadt
Fünf klingende Pfeifenregister, eingebaut in einem wunderbar geschwungenen Gehäuse, verziert mit Putten und viel Blattgold: Ein kleines Schmuckstück ist sie, die Orgel, die im Jahr 1724 für die Dorfkirche in Hilbersdorf, nahe der Erzgebirgsstadt Freiberg, erbaut wurde. Auf verschlungenen Wegen kam sie 1926 ins Leipziger Musikinstrumentenmuseum, erzählt dessen Kustos und stellvertretender Direktor Veit Heller: „In dieser Zeit lief sie als Silbermannorgel, und das hat zunächst einmal keiner angezweifelt.“ Gottfried Silbermann als Erbauer der Orgel wurde nämlich sowohl im Jahr 1800 in den „Freiberger gemeinnützigen Nachrichten“, später dann auch 1840 in der alten „sächsischen Kirchengalerie” genannt….

Nicht Silbermann, sondern Hildebrandt – die Theorie von Ulrich Dähnert
Doch im Jahr 1964 tritt ein Zweifler auf den Plan, der Dresdner Organologe Ulrich Dähnert. In der Fachzeitschrift „Das Musikinstrument“ stellt er eine neue Theorie auf. Jetzt wird’s spannend: „In seinem Artikel, der ja auch schon wieder sehr lange her ist, hat Dähnert nahegelegt, daß dieses Instrument von Zacharias Hildebrandt und nicht von Gottfried Silbermann gebaut sei“, erzählt Kurator Heller. Als Beweise für seine Behauptung führte Ulrich Dähnert damals zwei Schriftstücke an. Das erste: Die Chronik des Pfarrers Israel Löscher, der zum Zeitpunkt der Erbauung in Hilberdorf tätig war. Das zweite: Der handschriftliche Brief Zacharias Hildebrandts, in dem er dieses Positiv zu Hilbersdorf erwähnt, und aus dem man schließen kann, dass er es wohl selbst gemacht hat. Nun also Zacharias Hildebrandt und nicht Gottfried Silbermann. Diese Meinung von Ulrich Dähnert setzte sich nach 1964 rasch in der Forschung durch. Die schriftlichen Quellen, die er seiner Erkenntnis zugrunde gelegt hatte, untersuchte seitdem aber anscheinend niemand mehr…
Leidenschaftlich an alter Musik interessiert und möchten Sie diesen nur für Abonnenten zugänglichen Artikel lesen?
Wenn Sie noch kein Abonnent sind, treten Sie der internationalen Total Baroque-Community bei. Abonnieren Sie hier ab 5,00€.
AbonnierenWenn Sie bereits Abonnent sind, melden Sie sich an.
Ich melde mich an



Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden