Junge Talente

Daria Spiridonova : „Die Balance zwischen Ruhe und Arbeit …“ 

→Sie ist jung, sie ist kreativ und sehr schnell im Kopf — und bereits eine technisch und musikalisch höchst beeindruckende Musikerin: Die russische Geigerin Daria Spridonova über ihren Weg nach Europa und ihr Leben als freischaffende Musikerin.

Daria Spiridonova : „Die Balance zwischen Ruhe und Arbeit …“ 

„Januar 2025: 5 Länder, 14 Städte, 11 Konzerte, 5 verschiedene Programme, 3 wesentliche Gespräche, die wahrscheinlich mein Leben für immer verändert haben, 4 gelesene Bücher, 6 Seiten im Tagebuch und etwa 5.000 km im Zug …“ Das anstrengende Leben einer jungen Freelance-Barockmusikerin kennt Daria Spiridonova zur Genüge. Doch der Erfolg lohnt es ihr immer wieder! 

Daria, wie kamst du zur Musik, wie war das in deinem Elternhaus, wie bist du auf die Geige gestoßen? 

Alle meine Familienmitglieder haben Musik nur ein bisschen hobbymäßig gemacht. Irgendwann — ich war sehr klein, sechs Jahre alt — kam ein Geigenensemble in unsere Stadt, und ich war in diesem Konzert. Und meine Mama erzählt, dass ich sehr begeistert war und nach Hause gekommen bin mit den Worten, ich will jetzt Geige spielen. Also, das ist meine Geschichte. 

Und dann haben sie dir eine Geige gekauft. 

Ja, und das war dann eine gewisse Herausforderung: In Russland musste man damals nämlich eine Aufnahmeprüfung machen, auch für eine ganz normale, nicht so besondere Musikschule. Darauf habe ich mich irgendwie vorbereitet zu Hause, etwas mit meiner Oma gelernt und sie haben mich dann offenbar genommen, auch wenn ich mich gar nicht mehr erinnere, wie das damals genau ablief. 

Und wie lief dann der weitere Weg? 

Die ersten Jahre war ich an einer normalen Musikschule, und ich war irgendwie sehr schnell im Kopf. Deswegen habe ich nie das Konzept des Übens zuhause verstanden, als ich klein war: Weil mir im Unterricht vieles sehr leicht fiel, habe ich eigentlich nie eine Struktur dafür entwickeln müssen. Das ging gut bis zu dem Moment, wo ich an eine spezielle Musikschule wechselte, an unserem Konservatorium in Kazan, in der Stadt, aus der ich komme. Da habe ich schnell verstanden, dass ich eigentlich nichts über Musik weiß, vor allem musiktheoretisch. Das war richtig hart, ich war schon in der neunten Klasse und viele meiner Kameraden hatten schon mit fünf Jahren an dieser Schule angefangen. Und dann habe ich auch schnell bemerkt, wie schon gesagt, dass zuhause üben überhaupt nicht funktioniert.  

Das war eine so große Krise für mich, weil ich endlich verstanden habe, dass es eigentlich viel Mühe kostet, Musik zu spielen — so hatte ich das vorher nie empfunden. Für meine theoretischen Hausaufgaben habe ich also immer sonntags so sechs, sieben Stunden gebraucht; das war schon schwer.

In dieser Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, ob ich wirklich Musik weitermachen möchte, weil meine Schule davor war eine medizinische. Und ich dachte, soll ich nicht zurückgehen, einfach Ärztin werden? Aber das war Mitte des Jahres, und meine Mama sagte, okay, mach doch das Jahr fertig und dann schauen wir. Naja, und meine letzte Prüfung war sehr gut, und so bin ich nicht weggegangen. Und dann irgendwann hatte ich auch wirklich Lust, das alles zu lernen, zu üben. Da war ich so 17 oder 18. In diesem Alter hat es für mich richtig angefangen — und dann habe ich angefangen zu üben wie verrückt. 

So kam ich dann aufs Konservatorium in Kazan, dann nach Moskau, nach drei oder vier Jahren, weil ich bemerkt habe, dass meine Stadt mir zu klein ist, musikalisch. Dort habe ich auch schon mit der Barockvioline angefangen. Und schließlich zog ich nach Deutschland. 

Und wie bist du zur Barockgeige gekommen? 

Eigentlich wegen meiner Lehrerin. Ich hatte nie wirklich dieses Ziel, aber diese Lehrerin, Marina Katarzhnova, hat mir für die Aufnahmeprüfung auch sehr auf der modernen Geige geholfen, mir wirklich die Technik auf der Geige erklärt, wie man den Klang eigentlich produziert, mit meinen damals schon 21 oder so. Ich war extrem begeistert von ihr — und sie ist eigentlich Barockvioline-Lehrerin, und so fing ich auch damit an. 

Neben der modernen Geige.

Ja. Und das war für mich alles sehr neu, und wieder bin ich später gekommen als die anderen, und habe das ganze Programm in zwei Jahren statt in fünf Jahren gemacht, mit der Barockvioline, habe ganz viel geübt. Außerdem habe ich da sehr viele interessante Leute kennengelernt, die diese Tradition aus Europa nach Russland mitgebracht hatten, weil sie da selber studiert haben, und die waren alle wahnsinnig gute Musiker. Marina Katarzhnova, meine Lehrerin, und dann unsere ganze Abteilung eigentlich, von Alexej Lubimov angefangen, der die ganze Barock-Tradition überhaupt nach Russland gebracht hat: Davor hatte kein Mensch in Russland je von Darmseiten gehört. 

Und so wollte ich auch ins Ausland. 

© Marco Borggreve

Als du dann in Deutschland ankamst, wie ging es da weiter? 

Naja, das lief ein bisschen verrückt: Ich habe in Frankfurt zuerst den Master fertig gemacht, und dann den Bachelor in Cesena in Italien absolviert, für Barock. Diese Reihenfolge war wegen Dokumenten und Diplomen für mich günstiger, wegen der ganzen Bürokratie.  

Dazu habe ich Deutsch gelernt und auch ganz viele Leute kennengelernt, weil ich niemals Nein gesagt habe zu einem Konzert. Ich war überall dabei, wo man mich gefragt hat und ganz viel gespielt. Dann ganz viele Meisterkurse gemacht. Also, es war eine spannende Zeit, und sie war auch sehr, sehr voll. Gleichzeitig musste ich ja auch Englisch lernen und dann später Italienisch. Und ich habe gemerkt, dass ich schon wieder schnell im Kopf sein muss, damit ich alles schaffe. 

Ich habe damals alles, was ich im Internet gesehen habe, Meisterkurse oder Wettbewerbe oder Akademien oder was auch immer, mitgemacht, hatte auch mehrmals einen Burnout. Und irgendwann habe ich meinen Lehrer getroffen, Luca Giardini, der wirklich der Lehrer meines Lebens wurde. Obwohl, ich hatte zwei solche, die richtig große Figuren in meiner geigerischen Ausbildung: Eine war Marina, in Russland, die ich schon genannt habe, und der andere ist Luca Giardini. Er ist einfach ein unglaublicher Mensch: Sehr nett und sieht in jedem immer das Beste, sowohl musikalisch als auch menschlich. Und der Unterricht bei ihm war nicht irgendwie speziell, aber mit jeder Stunde hat er mir in allen Aspekten geholfen, in technischen auf der Violine bis zu: Was macht man, wenn man einen Burnout hat? Oder wenn man es nicht schafft, zwischen all den Reisen zu üben? Oder wie kommt man klar mit Kollegen, in schwierigen Situationen bei der Probe? Also alles, was um Musik-machen herum läuft, da hat er mir wirklich geholfen. 

Mit meinem Bachelor bin ich nun im Mai 2024 fertig geworden — obwohl ich schon seit mehreren Jahren meinen Master in Barock-Violine hatte. Aber das war eine schöne Zeit, obwohl ich immer wieder nach Italien pendeln musste.  

Aber nebenbei hast Du ja immer schon konzertiert, eigene Projekte gemacht, oder? 

Ja. Und dafür war auch der Biberwettbewerb in St. Florian wichtig, 2019, glaube ich.  

Dieser Wettbewerb hat mein Leben geändert: Da habe ich Leute getroffen, die mich seither gefördert haben, und seitdem habe ich alles, was ich heute habe: Etwa schöne Solo-Konzerte wie das Utrecht-Festival — was eine große Ehre ist, natürlich —, und wo ich Platz habe für meine eigenen Projekte, auf die ich besonders stolz bin. 

Zum Beispiel? 

Zum Beispiel habe ich für Konzerte dort viele Bearbeitungen gemacht für zwei Violinen, denn dieses Format ist außergewöhnlich und öffnet harmonische Möglichkeiten. Ich finde es auch sehr interessant zu zweit zu proben, weil man vor sich zwar ein anderes Individuum hat, aber wir sind frei von irgendwelchen Gruppenrollen. Denn überall, wo es mehr als zwei Menschen gibt, gibt es oft schon Minigruppen. 

So habe ich also Bachwerke für Solovioline für zwei bearbeitet, und da konnten wir manche polyphonen Ideen ausbauen, die Bach nur beiläufig erwähnt hat, weil er wusste, dass die Möglichkeiten der Solovioline begrenzt sind. Oder ein Programm mit Klaviersonaten von Dominico Scarlatti und Antonio Soler. Und das dritte Projekt floss auch in meine Solo-CD, mit Volksliedern aus verschiedenen Ländern. 

Welche Schwierigkeiten gibt es heute in der Berufswelt für dich? 

Die Balance zwischen Freelance-Leben und Ruhe zu finden. Und das liegt manchmal an Visumsproblemen, weil die Frankfurter Ausländerbehörde für manches sehr lange braucht: Dadurch habe ich auch schon Konzerte und Probespiele verloren. Und dann ist da überhaupt die ganze Bürokratie, rund um die Planung von Projekten, oder auch einfach physische Kraft, dass man manchmal wirklich keine Zeit hat, sich zu erholen, zwischen Reisen, wo die Züge zu früh sind oder zu spät. Dass man als Freelancer einfach die ganze Zeit arbeiten muss, weil jederzeit Anfragen kommen können: Man muss immer verfügbar sein, damit man nichts verpasst. Das finde ich schwierig, denn man möchte nicht Nein sagen, aber manchmal muss man das doch tun, wenn man merkt, man hat keine Kraft für noch ein Projekt, weil das zu weit weg ist, oder man hat zwischendrin einfach gar keine Zeit mehr zum Schlafen! 

Eine andere Schwierigkeit ist, dass man manchmal mehrere Projekte an den gleichen Daten angeboten bekommt und dann Entscheidungen treffen muss. Das alles zu jonglieren ist ein besonderes Talent, das man entwickeln muss, damit man Ensembles, Orchester nicht verliert, weil man müde ist oder einfach etwas anderes zu spielen hat. Aber ich denke, je mehr man irgendwann eigene Projekte macht, desto flexibler darf man dann sein — obwohl es natürlich auch schwierig ist, selber was zu organisieren. Aber am Ende was Eigenes zu spielen, ist auch sehr schön, so wie Utrecht immer! 

Was sind nun deine nächsten Projekte? 

Ich versuche gerade eine Konzertreihe mit meinem CD-Programm zu planen. Das gehört für mich zu den wichtigsten Konzerten, wenn ich das spielen darf. 

Was ist das für ein Programm? 

Es gab einfach mehrere schöne Volkslieder aus der ganzen Welt, die ich faszinierend fand und für mich alleine bearbeitet habe. Da habe ich also alles gemacht, von der Stückauswahl bis zu selber was mitzuschneiden für die CD-Aufnahme, die es dann am Ende geworden ist. Also alles geschrieben, gefunden, bearbeitet, die Noten gemacht, gespielt. Sogar auf dem CD-Cover ist mein Foto! 

Dann habe ich noch ein Programm mit Freunden von mir, das heißt Quiet Songs. Da sind wir zu fünft und spielen und singen auch verschiedene Lieder aus der ganzen Welt — das ist ein extrem schönes Konzept! Wir haben das im Trigonale-Festival 2024 auf die Beine gestellt, und in diesem Jahr haben wir noch zweimal die Möglichkeit, das aufzuführen. Darauf freue ich mich riesig. Da darf ich auch singen! 

© Malou Van den Heuvel

Neben deinem Übe— und Reise-Tagebuch auf deiner Website hast du aber auch einen ganz besonderen YouTube-Kanal … 

January 2025: 5 countries, 14 cities, 11 concerts, 5 different programs, 3 essential conversations which probably forever changed my life, 4 read books, 6 pages in the diary and about 5.000 km on the train … 

Ja, genau! Der heißt Violook, und da probiere ich die Sachen aus, die in Barock-Traktaten beschrieben sind. Das heißt, ich nehme einen Text aus Barockzeiten und versuche, praktisch zu realisieren, was da beschrieben ist. Momentan habe ich acht Episoden und ich arbeite an weiteren — als Hilfe vielleicht, für junge Kollegen, aber auch, weil ich mich selbst weiter historisch informieren will auf meinem Instrument, auch praktisch. 

Was wäre für dich ein Traum? 

Hmm, ich denke, zuerst mal, dass ich irgendwo ein gutes Zuhause finde, wo ich mich wirklich zu Hause fühle, wo ich diese Balance zwischen Ruhe und Arbeit finde: Zwischen gut beschäftigt zu sein, aber auch eine Chance zu haben, ruhig und produktiv zu Hause zu sein.  

Frankfurt, wo ich zur Zeit lebe, ist dieser Ort noch nicht, aber ich möchte ihn irgendwo in Europa finden.  

  • 26.27 Mai 2025Bach, Amor Vincitore, Stuttgart,Konstanz,
  • 30./31Mai .1.Juni 2025Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu (C.P.E. Bach), Frankfurt am Main, Hanau, Heidelberg
  • 7. 8 Juni 2025Aufschnaiter, Biber, Laetatus, Linz (Österreich) Regensburg
  • 15.30 Juni 2025Telemann goes East, Capela do Convento dos Capuchos, Almada (Portugal) St. Gallen (Schweiz)
  • 21. Juni 2025Folk and Contemporary Music, Tilburg (Niederlande)