Sie waren Komponistinnen

Camilla de Rossi, das Wiener Rätsel des Barock

→Kein Porträt, keine Biografie, nur wenige Dokumente, die sich an einer Hand abzählen lassen. Von Camilla de Rossi fehlt fast jede Spur. Sie hinterließ im Wesentlichen vier Oratorien, die sie zwischen 1707 und 1710 für den Wiener Hof komponierte. Doch diese reichen aus, um einen einzigartigen, einfallsreichen und souverän beherrschten Kompositionsstil zu offenbaren, der das Profil einer Komponistin von bemerkenswerter musikalischer Kühnheit zeichnet.

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Camilla de Rossi, das Wiener Rätsel des Barock
Giuseppe Bonito: "Porträt einer Frau oder Die Musik", 1750–65. © Musée de la Chartreuse (Douai, Frankreich) / TBM

Wien, Anfang des 18. Jahrhunderts. Im Schatten des prunkvollen kaiserlichen Habsburgerhofes komponierte eine Frau. Über Camilla de Rossi ist fast nichts überliefert: Weder Geburtsdatum noch Geburtsort sind gesichert, ebenso wenig die Umstände ihrer Ankunft am Hofe Josephs I. Die Quellen bezeichnen sie lediglich als „Romana“. Zwischen 1707 und 1710 schuf sie vier Oratorien für die kaiserliche Kapelle: Santa Beatrice d’Este, Il sacrifizio di Abramo, Il figliuol prodigo und Sant’Alessio. Ihr wird zudem eine weltliche Kantate zugeschrieben. Dieser überschaubare Werkbestand, geprägt von kühnen Libretti und einer einfallsreichen Instrumentierung, reicht jedoch aus, um eine einzigartige Stimme in einer Musikwelt zu Gehör zu bringen, in der Komponistinnen eine kleine Minderheit bildeten.

Eine Römerin am Hof des musizierenden Kaisers in Wien

Joseph I. (1678–1711), der 1705 als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und Erzherzog von Österreich den Thron bestieg, war ein kundiger Musikliebhaber. Er komponierte selbst und sorgte an seinem Hof für ein intensives Musikleben. In diesem Kontext tauchte Camilla de Rossi wie aus dem Nichts auf. In den Wiener Partituren jener Zeit wird sie als „Romana“ bezeichnet.

Sie wurde also wahrscheinlich in Rom oder dessen Umgebung geboren, vielleicht um 1670/80. Hat sie ihren kaiserlichen Mäzen jemals persönlich getroffen? Wie dem auch sei, das gedruckte Libretto ihres ersten bekannten Oratoriums belegt, dass die Initiative zur Vertonung von Joseph I. ausging: „Posto in Musica per Comando di S[ua]. M[aestà]. Cesarea dalla Sig[ra]. Camilla de Rossi[,] Romana.“ („Auf Befehl Seiner kaiserlichen Majestät vertont von Camilla de Rossi, einer Römerin.“) Doch wie gelang es dieser Italienerin, die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich zu lenken? Ein Rätsel. Ihre Tätigkeit in Wien scheint sich auf einen kurzen Zeitraum zwischen 1707 und 1710 zu beschränken.

Danach nichts mehr. Keine Spur, kein Dokument. Als hätte sich die Komponistin in Luft aufgelöst und eine Handvoll Werke hinterlassen, die Musikwissenschaftler bis heute faszinieren.

Johann Rudolf Huber: Joseph I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, in Krönungsgewändern, 1702. © Schloss Schönbrunn

Santa Beatrice d’Este: Der Krieg in der Musik

Eines ihrer ersten Oratorien, Santa Beatrice d’Este, basiert auf einem Libretto von Kardinal Benedetto Pamphili, einer einflussreichen Persönlichkeit des barocken Roms. Dieser Text, der bereits 1689 von Giovanni Lorenzo Lulier – mit einer instrumentalen Einleitung von Arcangelo Corelli – vertont wurde, erzählt die Geschichte zweier adeliger Nonnen, Beatrice d’Este (1191/92–1226) und Giuliana di Collalto (1186–1262), die sich einem gnadenlosen Kriegsherrn gegenübersehen: Ezzelino III. da Romano.

Angel

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