Ensemble Correspondances & Sébastien Daucé

Venezianischer Glanz in den Dimensionen von Aix

→Indem Sébastien Daucé und seine Musiker aus einem Kammerdrama ein opulentes Fresko machen, geben sie Cavallis „La Calisto“ die Weite großer Räume zurück. Eine großzügig angelegte Neudeutung, mitgeschnitten beim Festival d’Aix-en-Provence in Frankreich.

Venezianischer Glanz in den Dimensionen von Aix
© Harmonia mundi

Diese bei harmonia mundi erschienene Box mit drei CDs wurde während der Ausgabe 2025 des Festival d’Aix-en-Provence live aufgenommen und hält Francesco Cavallis emblematische Oper La Calisto in einer neuartigen orchestralen Konfiguration fest. Fern von der kleinen Besetzung der venezianischen Uraufführung 1651 setzen Sébastien Daucé und sein Ensemble Correspondances auf eine erweiterte Orchestrierung, um dem monumentalen Rahmen des provenzalischen Festivals gerecht zu werden. Getragen von einem ausgewogenen Sängerensemble und einem reich besetzten Continuo, nimmt diese Live-Aufnahme die Dichte dieser mythologischen Fabel über Verwandlung voll und ganz an.

Bei ihrer Uraufführung im intimen Teatro Sant’Apollinare kam La Calisto mit nur einer Handvoll Instrumentalisten aus – höchstens fünf oder sechs Musikern. Hier durchläuft das Werk den Filter einer ambitionierten orchestralen Neuerfindung. In seiner Einführung stellt Sébastien Daucé eine reizvolle Hypothese auf: Wie hätte die Partitur klingen können, wenn Cavalli über die unbegrenzten Mittel eines großen Opernhofs verfügt hätte? Um diese Frage zu beantworten, fügt der Dirigent symphonische Stücke der Zeit von Merula, Rossi, Arrigoni, Valentini und Marini ein, ergänzt zwei Bratschenstimmen und versammelt mehr als dreißig Instrumentalisten. Das Booklet erläutert diesen Ansatz einer kontextbezogenen Anpassung und enthält zudem das vollständige Libretto – im italienischen Original und in englischer, nicht jedoch in französischer Übersetzung. Der opulente Klang steht zwar im Kontrast zu jener kammermusikalischen Transparenz, die René Jacobs einst bevorzugte, schafft jedoch einen einhüllenden Rahmen, trotz gelegentlicher Schwerfälligkeit in den großen Klangmassen und mancher symphonischer Einschübe, die bisweilen vom eigentlichen musikalischen Fluss losgelöst wirken. Die Aufnahme bewahrt die Unmittelbarkeit der Bühne: Körperbewegungen, eine deutlich wahrnehmbare räumliche Staffelung und kleine, dem Live-Mitschnitt geschuldete stimmliche Unvollkommenheiten erinnern fortwährend an die Lebendigkeit des Theaters.

Ein großer Teil des Erfolgs beruht auf der stimmlichen Verkörperung der Figuren, allen voran der Titelrolle: Lauranne Olivia gestaltet eine Calisto von großer Eleganz. Ihr Timbre ist in der Höhe fein, die Phrasierung getragen und vermittelt die Unschuld der Nymphe, die zum Opfer der Intrigen der Götter wird. Ihr gegenüber zeigt Alex Rosen einen bemerkenswert wandlungsfähigen Jupiter: Er wechselt von den autoritären Tiefen des Herrschergottes zu einem kontrollierten Falsett, sobald dieser die Gestalt Dianas annimmt, um sein Opfer zu verführen.

Auch die übrige Besetzung gewinnt eindrucksvoll an Profil:

  • Anna Bonitatibus (Juno / Ewigkeit): wechselt vom rachsüchtigen Glanz des zweiten Aktes zu ergreifender Innerlichkeit in der Arie über die Lage der Frauen, „Moglie mie sconsolate“, getragen von piani von großer Ausdruckskraft.
  • Paul-Antoine Bénos-Djian (Endymion): verkörpert die Verletzlichkeit der Figur sowohl durch sein Timbre als auch durch die Nuancen seines Gesangs, dessen Verzierungen die melodische Linie mit sicherem Gespür bereichern.
  • Giuseppina Bridelli (Diana): setzt rhythmische Präzision und eine energische Phrasierung ein, um die Kälte der Göttin zu behaupten. Ihr Gesang entfaltet geschärfte Höhen, auch wenn die Artikulation bisweilen etwas zurücktritt.
  • Dominic Sedgwick (Merkur): verleiht dem Gott mit großer sängerischer Beweglichkeit und einer Höhe, die zum leichten Bariton tendiert, die nötige Verschmitztheit.
  • Zachary Wilder (Linfea): gibt der Travestierolle der Nymphe seine schlanke Stimme, betont ihren weiblichen Charakter und bewahrt zugleich die erzählerische Wirkung von „Costrette da la sete“.
  • David Portillo (Pan / Natur): bietet luftige Höhen, auch wenn manche Effekte noch etwas mehr Feinheit vertragen könnten.

Besondere Erwähnung verdient das tröstende Duett von Théo Imart und José Coca Loza als Kleiner Satyr beziehungsweise Sylvan am Ende des ersten Aktes, das zu einer bewegenden Demonstration von Mitgefühl wird.

Auch wenn Sébastien Daucés Leitung bisweilen Dynamik und kollektiven Schwung gegenüber rhythmischer Präzision und polyphoner Klarheit bevorzugt, überzeugt diese Aufnahme durch ihre klangliche Großzügigkeit. Eine beseelte Lesart, die die formale Modernität des venezianischen Barocktheaters unter Beweis stellt.


Technische Angaben

Titel: La Calisto
Komponist: Francesco Cavalli (1602–1676)
Libretto: Giovanni Faustini (1615–1651), nach dem zweiten Buch von Ovids Metamorphosen
Interpreten: Lauranne Oliva, Alex Rosen, Paul-Antoine Bénos-Djian, Anna Bonitatibus, Giuseppina Bridelli, Dominic Sedgwick, Zachary Wilder, David Portillo, Théo Imart, José Coca Loza; Ensemble Correspondances, Sébastien Daucé (Leitung)
Label: harmonia mundi
Format: digital, 3 CDs
Dauer: 2 Std. 48 Min.
Erscheinungsdatum: 15. Mai 2026