Nur wenige Schritte vom Bahnhof King’s Cross entfernt, zwischen Geschichte, Musik und literarischen Abenteuern, beherbergt die British Library eine der beeindruckendsten Sammlungen der Welt. Von Händel bis Harry Potter, vom Barocktheater bis zur bahnbrechenden Oper von Francesca Caccini – diese Entdeckungsreise lädt Sie ein, ein lebendiges und pulsierendes Erbe wiederzuentdecken, in dem die Vergangenheit mit der Fantasie in Dialog tritt.
Mit dem Hogwarts Express in die Bibliothek
Es war im Jahr 1997, als in London der erste Band einer Buchreihe erschien, die binnen weniger Jahre eine internationale Renaissance des Lesens einleitete. Es war jenes Jahr, in dem Kinder und Erwachsene in aller Welt erstmals davon berichten hörten, wie der elfjährige Harry Potter am Londoner Bahnhof „King’s Cross“ nach dem Bahnsteig 9¾ sucht, um den Hogwarts Express zur berühmten Zauberschule zu finden. Und es war eben jenes Jahr 1997, an dem keine zehn Gehminuten von King’s Cross entfernt, nämlich direkt dahinter im Stadtteil St Pancras, eine der größten Bibliotheken und Forschungseinrichtungen der Welt ihre neuen Pforten eröffnete.
Die British Library wurde in ihrer heutigen Form verhältnismäßig spät gegründet. Als Ergebnis des British Library Act von 1972 wurde im Folgejahr eine Vielzahl Londoner Bibliotheken dem British Museum angegliedert. Durch diese Fusionierungen erwuchs die British Library zu einer der wichtigsten Institutionen ihrer Art, erhielt aber eben erst 1997 ihr eigenes Gebäude.
Der Prozess des Fusionierens und Zusammenlegens war von je Teil der Geschichte der British Library, ging sie doch ab 1753 aus der Eingliederung mehrerer großer Privatbibliotheken in die Bibliothek des British Museums hervor. Den Grundstein legte der Naturforscher und königliche Arzt Hans Sloane, indem er dem Museum eine Sammlung von über 71.000 Objekten vermachte. Zum weiteren Gründungsbestand zählen die Harleian Collection, eine vom Staatsmann Robert Harley und dessen Sohn zusammengetragene Handschriftensammlung, sowie die Cotton Library, eine umfangreiche Manuskript-Bibliothek des bereits 1631 verstorbenen Politikers Robert Bruce Cotton. Ihren endgültigen Ritterschlag erhielt die Museumsbibliothek nun im Jahre 1757, als kein Geringer als King George II. seine eigene Bücherkollektion von etwa 17.000 Bänden in die nun quasi zur Staatsbibliothek erhobene Sammlung eingliedern ließ, wobei die königlichen Bestände bis ins 15. Jahrhundert zu Edward IV zurückgehen. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte mehrte sich die Sammlung um ein Vielfaches, ihre ältesten Schätze reichen zurück bis in das Jahr 1600 vor Christus (!), und täglich wirdwerden es mehr. Zu den Besonderheiten der British Library zählt der Umstand, dass sie sich weder zeitlich noch geographisch beschränkt, sondern Bücher aus allen Epochen und Ländern, ungeachtet der jeweiligen Sprache, in sich aufnimmt. Allein zum Thema „Harry Potter“ versammelt sie über 570 verschiedene Publikationen.

Als größte Medien- und zweitgrößte Büchersammlung der Welt verfügt die British Library über 1,6 Millionen Musikalien, darunter Partituren, Abschriften und Autographe von Komponistinnen und Komponisten aller Länder und Epochen bis hin zu handschriftlichen Liedtexten der Beatles. Von besonderem Interesse sind die Musikalienbestände aus der Zeit des Barocks, also quasi jener Zeit, in der die British Library offiziell gegründet wurde – und hier fallen musikhistorische Glanzzeiten mit bibliothekarischen Ambitionen fruchtbringend zusammen.
Theater auf und hinter der Bühne – Händels London
Durch seine Insellage nahm Großbritannien vor allem in kulturellen Belangen stets eine Sonderstellung ein und war von den Entwicklungen des Festlandes bald mehr, bald weniger abgeschnitten. Als mit George I. ein Herrscher 1714 an die Macht kam, der – aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg stammend – zentraleuropäisch sozialisiert war, änderte sich die Lage. George I. wollte nicht auf eine Musikkultur verzichten, wie sie an den europäischen Fürstenhöfen zur Prachtentfaltung und Machtdemonstration gepflegt wurde.
Doch fand er in London ein Musik- und Theaterleben vor, das sich grundlegend vom Festland unterschied, indem es nämlich kommerziell organisiert war und nur in geringem Maße staatlich subventioniert wurde, was sich freilich auf die Zusammensetzung des Publikums wie auch auf Form und Inhalt der dargebotenen Werke auswirken musste. Um dennoch die italienischsprachige Opera seria (die vorherrschende Opernform in Europa außerhalb Frankreichs) in London zu etablieren, rief er die sogenannte Royal Academy of Music ins Leben, ein Opernunternehmen, das das Dramma per musica in London kommerzialisieren und popularisieren sollte. Dafür verpflichtete er seinen Landsmann und früheren Weggefährten Georg Friedrich Händel, der sich mit seinem Rinaldo bereits 1711 erstmals dem Publikum vorgestellt hatte und nun, 1719, die künstlerische Leitung der Royal Academy übernahm.
Das Londoner Publikum blieb bis zuletzt skeptisch und wollte nicht so recht einsehen, warum es sich Theaterspiele ansehen sollte, in denen singend miteinander kommuniziert wurde und das noch dazu in einer Fremdsprache. Doch gelang es Händel vor allem durch das Engagement hochkarätiger Sängerinnen und Sänger das Interesse des Londoner Publikums für mehrere Spielzeiten aufrechtzuerhalten. Zu diesen Gesangsstars zählten allen voran der Altkastrat Senesino sowie die Sopranistinnen Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni. Angebliche Liebeleien und Streitereien zwischen den Sängern (Cuzzoni und Bordoni beispielsweise gingen als die „Rival Queens“ in die Geschichte ein) interessierten das Publikum oft mehr als die Darbietungen auf der Bühne. Auch das angebliche Konkurrenzverhältnis zwischen Händel und den von ihm beauftragten Komponisten – darunter Giovanni Bononcini und Attilio Ariosti – fesselte die Aufmerksamkeit der gehobenen Londoner Gesellschaft.
1728 musste die Royal Academy aus wirtschaftlichen Gründen den Spielbetrieb einstellen, bevor sie im Folgejahr, diesmal unter der Schirmherrschaft von George II., als New Royal Academy neu installiert wurde. Um Händel Konkurrenz zu machen, wurde 1733 ein zweites Opernunternehmen in London gegründet: die Opera of the Nobility. Doch ging es dabei nur vordergründig um künstlerische Belange. Die Opera of the Nobility – die Adelsoper – wurde auf Anregung des Thronfolgers Frederick Prince of Wales ins Leben gerufen, durchaus mit dem Ansinnen, mit dem königlichen Vater in Konkurrenz zu treten. Die politische Dimension der beiden konkurrierenden Opernunternehmen beschränkte sich allerdings bei Weitem nicht auf den Generationenskonflikt zwischen Herrscher und Thronfolger, sondernd berührte gesellschaftspolitische Krisenherde, die schon seit Generationen in Großbritannien loderten – und diese spiegelten sich wiederum in den jeweiligen Opernhandlungen wider.
Als künstlerischer Leiter der Adelsoper wurde der für seinen Jähzorn wie für sein intrigantes Potenzial berüchtigte Opernkomponist Nicola Antonio Porpora nach London geholt. Nicht nur, dass Händels Sängerstars zur Adelsoper überliefen – der gefürchtete Gesangspädagoge Porpora konnte zudem mit seinem ihm treu ergebenen Schüler Farinelli aufwarten und die Royal Academy damit schwer schädigen. Es folgten Jahre des Kräftemessens und der zehrenden Intrigen, die zwar schließlich beide Unternehmen in den Ruin trieben, aber gleichzeitig ein kreatives Potenzial freilegten, aus dem heraus Opernwerke entstanden, die bis heute zu den herausragendsten der Gattung zählen. Allein in der Spielzeit 1734/35 brachte Händel seine Opern Ariodante und Alcina und Porpora seinen Polifemo und Ifigenia in Aulide heraus.

Charles Burney junior – Robin Hood der Bibliophilen
Diese historisch, politisch und künstlerisch brisante Epoche ragt wie eine orgiastisch-üppige Insel aus der Musikgeschichte Britanniens hervor. Die British Library beherbergt nicht nur sämtliche in Druck erschienene Originallibretti und Partituren wie auch zahlreiche handschriftliche Abschriften und Autographe aus dieser turbulenten Zeit (bis heute unersetzliche Quellen der Händelforschung und -edition), sondern verfügt auch über einen ungebrochenen Zeitschriften- und Zeitungsbestand, durch den die komplexen politischen, sozialen und kulturellen Bedingtheiten des Londoner Musiklebens fassbar werden.

Von unschätzbarem Wert ist in diesem Zusammenhang die sogenannte Burney Collection of Newspapers, eine Sammlung, die über 1.270 Nachrichtenorgane auf beinahe einer Million Seiten umfasst – darunter der Daily Courant (1702–1735), die erste Londoner Tageszeitung. Diese Sammlung erwarb die British Library von dem Gelehrten und Hochschulprofessor Charles Burney junior, dessen Vater ein Wegbereiter der modernen Musikhistoriographie und früher Händelbiograph war. Die Burney Collection enthält zudem zahlreiche wertvolle Bücher und Manuskripte, von denen Charles Burney wohl auch einige aus der Universitätsbibliothek gestohlen hatte, weshalb er der Hochschule schließlich auch verwiesen wurde.
Orpheus Online – Henry Purcells Autographe
Als ein Vater der britischen Kunstmusik gilt – keinesfalls zu Unrecht – Henry Purcell, der „Orpheus Britannicus“, der in seinen nur 36 Lebensjahren erstmals eine spezifisch englische Musiksprache entwickelte. Bereits zu seinen Lebzeiten war er mit großem Abstand der berühmteste Tonsetzer seiner Zeit – nicht von ungefähr wurde er in der Westminster Abbey bestattet –, und Händel sollte sich später bewusst auf Purcell beziehen, um den Geschmack des Londoner Publikums zu bedienen. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geriet Purcell jedoch immer mehr in Vergessenheit, zu sehr dominierten nun italienische und französische Einflüsse auch das englische Musikleben. Erst im 20. Jahrhundert wurde Purcell – und mit ihm das spezifisch englische Element – von Komponisten wie Benjamin Britten und Ralph Vaughan Williams neu entdeckt.
Dass wir bei all den Bearbeitungen, die seine Musik erfuhr, und bei all den korrumpierten Überlieferungen der nachfolgenden Epochen trotzdem ein authentisches Bild seiner Werke und dem musikalischen Leben seiner Zeit ausmachen können, verdanken wir nicht zuletzt den zahlreichen Autographen der British Library. Auch Abschriften von Werken anderer Komponisten, die Purcell zum Eigengebrauch oder zu Studienzwecken anfertigte, finden sich in deren Bestand. 1995 gestaltete die British Library eine Ausstellung anlässlich des 300. Todestages von Purcell, im Zuge derer auch ein umfangreiches Digitalisierungsprojekt realisiert wurde. Seitdem sind unter anderem sämtliche Autographe von Purcells Werken für Tasteninstrumente online verfügbar.

First Lady of Opera – Francesca Caccini
Klettern wir auf der Leiter der Zeit noch ein paar Stufen weiter die Musikgeschichte hinab, so stoßen wir bald auf die frühesten Anfänge der Oper, die bekanntermaßen um das Jahr 1600 in Florenz entstanden ist. Zu den allerersten Komponisten, die mit dieser neuen Form des musikalischen Theaters experimentierten, zählt Giulio Caccini, dessen Euridice vermutlich das dritte Werk der Gattung überhaupt ist. Weniger bekannt ist der Umstand, dass auch seine Tochter eine Pionierin im Bereich der Oper war: Francesca Caccini schuf mit La liberazione di Ruggiero dall’isola Alcina die erste von einer Frau geschriebene Oper der Musikgeschichte. Anfang Februar 1625 (!) in Florenz uraufgeführt, erschien die Oper noch im selben Jahr im Druck – freilich in denkbar kleiner Auflage. Nicht ohne Stolz nennt die British Library ein Exemplar des Erstdrucks ihr Eigen und verfügt damit über ein bedeutendes Dokument, das über die Anfänge der Oper wie über frühes weibliches Künstlertum gleichermaßen Zeugnis gibt.
Bei der unüberschaubaren Fülle an Material und Wissen, die die British Library beherbergt, kann hier freilich nur eine kleine Auswahl vorgestellt werden, und Wissenschaftler und Musiker werden in Zukunft noch einiges bisher Ungehörtes und Ungeahntes zutage fördern – man muss also nicht nach Hogwarts fahren, um Zauberhaftes zu erfahren und zu lernen!
Für Musiker, Musikhistoriker und Barockliebhaber hier noch einige Informationen und Links
Im Oktober 2023 wurde die British Library Opfer eine Cyber-Attacke, die das reichhaltige Online-Angebot empfindlich beschädigt hat. Bis heute sind die digitalen Musikalien noch nicht vollständig wieder verfügbar.

- Music Blog der British Library: https://blogs.bl.uk/music
- Musikalien aus der British Library in der Petrucci Music Library: https://imslp.org/wiki/Category:Scores_from_the_British_Library



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