Opern entstanden im Barockzeitalter in großer Zahl, doch ihre Lebensdauer auf der Bühne war meist kurz. In der Regel war ein Werk nur für eine Spielzeit gedacht, manchmal sogar nur für wenige Aufführungen. So arbeitete Antonio Vivaldi Ende 1726 gleichzeitig an drei Opern, die im selben Winter auf den Bühnen von Venedig und Florenz herauskamen. Zwar blieben einige Werke wie Händels „Rinaldo“ länger im Repertoire, mit fast fünfzig Aufführungen in London zwischen 1711 und 1717, doch blieben solche Fälle die Ausnahme. Frankreich stellt einen etwas anderen Fall dar: Da die Oper dort fast schon eine Staatskunst war, wurde die Tragédie lyrique über Jahrzehnte hinweg vom Erbe Jean-Baptiste Lullys geprägt. Dies konnte jedoch nicht verhindern, dass das gesamte Barockrepertoire nach und nach von den europäischen Bühnen verschwand. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Werke von Monteverdi bis Hasse, von Lully bis Rameau, somit fast vollständig verschwunden. In Deutschland begann ihre Renaissance im 20. Jahrhundert, vor allem im Zeichen Händels.
Immer wieder Händel?
Datieren lässt sich diese Wiederbelebung auf das Jahr 1920, als die Göttinger Händel-Festspiele mit „Rodelinda“ einen Neubeginn markierten. Diese Produktion wurde bis 1927 deutschlandweit auf 21 Bühnen 136-mal gezeigt. In Halle etablierten sich nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Händel-Festspiele, und in Karlsruhe kamen 1978 ebenfalls Händel-Festspiele hinzu.
Gut 100 Jahre nach der Wiederentdeckung von Händels Opern ist die Barockoper inzwischen im Musikleben verankert: In der Spielzeit 2023/24 standen auf den Spielplänen der deutschen Theater 32 Barockopern in 43 Produktionen von 13 Komponisten. Händel dominiert dieses Repertoire mit Abstand: 17 Produktionen von 12 Werken entfielen auf ihn. Besonders häufig erscheinen „Serse“, „Giulio Cesare in Egitto“, „Alcina“ sowie die szenisch aufgeführten Oratorien „Semele“ und „Saul“.

Mit Abstand folgen Purcell („Dido and Aeneas“), Gluck sowie Monteverdi, von dem vor allem der „Orfeo“ gespielt wird. Auch bei einem zeitlich breiteren Querschnitt ändert sich das Bild kaum. Selbst prominente Namen wie Johann Adolph Hasse, Alessandro Scarlatti, Antonio Vivaldi oder Nicola Antonio Porpora erscheinen nur vereinzelt, ganz zu schweigen von weniger bekannten Komponisten wie Christoph Graupner oder Johann Friedrich Lampe. Die Renaissance der Barockoper an deutschen Bühnen beruht also vor allem auf einer überschaubaren Zahl von Händels Werken; ähnlich wie im klassischen und romantischen Repertoire sind es nur wenige Werke, die die Spielpläne im Bereich der Barockoper dominieren.
Diese Dominanz lässt jedoch auch die Schattenseiten der deutschen Barock-Renaissance erkennen. Besonders deutlich werden diese Grenzen bei der französischen Oper: Es erweist sich nach wie vor als schwierig, sie dauerhaft an deutschen Theatern zu etablieren. Ihre spezifische Prosodie, die enge Verbindung zum Tanz, die Bedeutung des Rezitativs, die Verzierungen und das inégale Spiel setzen eine besondere stilistische Vertrautheit voraus. Trotz des wachsenden Interesses an der historisch informierten Aufführungspraxis wird dieses Repertoire in Deutschland noch immer weitgehend von französischen oder frankophonen Ensembles getragen. In der Spielzeit 2023/24 gab es auf deutschen Bühnen gerade einmal drei Inszenierungen französischer Barockopern: Rameaus „Zoroastre“ in Münster, „Les Boréades“ desselben Komponisten in Oldenburg und Charpentiers „Médée“ an der Staatsoper Berlin. Auch die Saison 2025/2026 zeigt ein ähnliches Bild: Die Wiederaufnahme der Oldenburger „Boréades“-Inszenierung in Karlsruhe sowie Rameaus „Platée“ am Theater Hagen bestätigen die nach wie vor fragile Präsenz des französischen Repertoires – zeugen aber womöglich auch von einer vorsichtig aufkeimenden Begeisterung für Rameau.
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