1980 in Namur gegründet, bleibt das Label Ricercar bis heute eine weltweite Referenz im Bereich der Alten Musik. Mit dreiundsiebzig Jahren feiert sein Gründer Jérôme Lejeune eher diskret das fünfundvierzigjährige Bestehen des Labels, und setzt unermüdlich seine Arbeit fort: er nimmt auf, ediert, forscht in Archiven und hebt verborgene Schätze aus dem barocken und Renaissancerepertoire. In einer Zeit, in der der CD-Markt bröckelt, vertritt er mit der Gelassenheit eines Pioniers eine streng wissenschaftliche Vision und eine ungebrochene Treue zur Quellenforschung.
„Die wahre Krise ist die der Sichtbarkeit“
„Als ich 1975 meine Radiosendung bei Musiq’3 begann, erschienen pro Woche ein oder zwei Platten mit Alter Musik – manchmal keine“, erinnert sich Lejeune. „Es war schwierig, meine Sendungen zu füllen. Heute kommen mehrere Dutzend pro Woche heraus.“ Das Fazit ist schwindelerregend: Noch nie wurde so viel aufgenommen – und noch nie war es so schwer, wahrgenommen zu werden. „Man spricht von einer Krise der Tonträger, aber die eigentliche Krise ist die der Sichtbarkeit. Kleine Labels wie Ricercar haben es schwer, ihre Produktionen im allgemeinen Lärm hörbar zu machen.“
Und doch veröffentlicht Jérôme Lejeune jedes Jahr etwa fünfzehn Alben – konsequent nach demselben Prinzip: Aufnahmen anzubieten, die das Repertoire ergänzen, dokumentieren und Neues beitragen. „Heute geht es nicht darum, zu wiederholen, was schon gemacht wurde, sondern das Fehlende hörbar zu machen – oder Bekanntes anders zu lesen.“
Eine florierende Alte Musik-Generation
Warum also werden weiterhin so viele Platten produziert, obwohl sich kaum noch welche verkaufen? „Weil die Künstler sie brauchen“, erklärt Lejeune. Er erinnert an die Explosion der Ensembles und Musiker, die in der historischen Aufführungspraxis ausgebildet sind: „1980 gab es in Europa, wenn man einen Barockfagottisten suchte, Claude Wassmer – und dann noch einmal Claude Wassmer. Heute gibt es Dutzende, oft hervorragende Leute. Die Zahl der Künstler ist beeindruckend, ihr Niveau bewundernswert.“
Er nennt Vertreter der jungen Generation – etwa die Multiinstrumentalistin Manon Papasergio, frisch vom CNSMD in Lyon und bereits Preisträgerin, oder die Sopranistin Julie Roset, die Leonardo García-Alarcón mit 18 entdeckte. „Sie sind mit allem aufgewachsen, wofür wir Jahrzehnte gebraucht haben: Instrumente, Traktate, kritische Ausgaben – alles steht bereit. Sie müssen nicht mehr mühsam Pionierarbeit leisten, sie können direkt vertiefen.“

Doch diese neue Reife birgt auch Gefahren. „Die Alte Musik hat inzwischen ihre Manierismen. Sie hat sich Rezepte zugelegt. Man spielt alle venezianischen Opern des 17. Jahrhunderts mit Zinken und Blockflöten – obwohl die damals eher in der sakralen Musik zu Hause waren, selten in Opernhäusern zum Einsatz kamen. Es gehört heute zum Stil, ist aber zur Konvention geworden.“ Lejeune beobachtet dies gelassen, mit der Distanz des Forschers: „Wir wollten die Musik von romantischen Traditionen befreien und haben unsere eigenen geschaffen.“
Die CD als Dokument
Sein Credo lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Nichts ist je endgültig. Man muss immer wieder zu den Quellen zurückkehren, die Partitur neu lesen und kontextualisieren.“ Diese Methode, aus der Alte Musik-Bewegung hervorgegangen, hat inzwischen selbst moderne Orchester beeinflusst: „Heute spielen Sinfonieorchester Bach oder Telemann mit einem Stilbewusstsein und Artikulationen, die man vor vierzig Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Das ist ein kultureller Sieg.“
Als ausgebildeter Musikwissenschaftler betrachtet Lejeune die CD nicht als Produkt, sondern als Dokument. „Jede Aufnahme soll ein Stück Musikgeschichte sein – Zeugnis eines Forschungsstands, Ausdruck einer bewussten Entscheidung, Zeichen der Treue zur Quelle.“
Ein Beispiel bietet das zukünftige Ricercar-Projekt um die Vespern von Monteverdi, aufgenommen in jener Kirche in Mantua, in der der Komponist selbst wirkte: „Man muss über die reale Raumaufteilung nachdenken, über Emporen, über die Position der Orgel. Doch wir produzieren für Mikrofone, in einer stereophonen Welt – also gilt es, ein Gleichgewicht zu finden zwischen historischer Genauigkeit und akustischer Wahrheit der Gegenwart.“
Erkundung der Repertoire-Ränder
Diese produktive Spannung prägt die Arbeit des Labels. „Unsere Aufgabe ist nicht, Die vier Jahreszeiten oder die Brandenburgischen Konzerte neu aufzulegen, sondern Hammerschmidt, David Pohle oder die Musik der Kathedrale von Lüttich zu erforschen. Es gibt noch so viel zu entdecken.“

Denn auch in der Alten Musik gibt es einen Mainstream. „Wer Pergolesis Stabat Mater programmiert, füllt den Saal. Ein anderes, weniger bekanntes Stabat Mater hingegen kaum. Veranstalter fürchten, Publikum zu verlieren – dabei folgt ein neugieriges Publikum gern, wenn man es richtig anleitet.“
Er verweist auf das Beispiel von Falvettis Diluvio universale, wiederentdeckt von Leonardo García-Alarcón: „Léo hat ein wahres Meisterstück vollbracht – einen vergessenen Komponisten zu internationalem Erfolg geführt. Ich teile nicht alle seine Freiheiten, aber ich bewundere seine Lebendigkeit. Und ich bin überzeugt, dass eine streng quellentreue Version das Publikum ebenso berühren kann, wenn sie beseelt ist.“
Eine treue Gemeinschaft
Diese Treue zur Quelle ist für Lejeune Pflicht. „Eine CD ist keine Konzert-Erinnerung. Sie ist ein Meilenstein, ein Gedächtnisbaustein. Andere werden freiere, theatralischere Versionen machen – aber unsere Aufgabe ist es, den musikalischen Text in seiner Wahrheit festzuhalten.“
Im Laufe der Jahre hat Ricercar ein treues Netzwerk aufgebaut, oft unterstützt von der Fédération Wallonie-Bruxelles – einem entscheidenden Partner. Zu den tragenden Ensembles zählen Vox Luminis, Le Miroir de Musique (Baptiste Romain), InAlto sowie jüngere Gruppen wie Into the Winds oder La Capriola. „Unser moralischer Auftrag ist es, sowohl die Künstler der Region als auch das musikalische Erbe der Wallonie zu fördern. Das Arcadelt-Kassettenprojekt ist ein perfektes Beispiel dafür: eine bedeutende Wiederentdeckung, getragen von hiesigen Interpreten.“
Anfänge auf dem Bauernhof
Die Geschichte von Ricercar war nicht immer einfach. Ende der 1990er Jahre war die Arbeit allein kaum noch machbar: „Damals war das Basteln auf dem Hof: die CDs kamen an, und wir stapelten sie in der Scheune. Irgendwann dachte ich, jetzt ist Schluss.“
Der Eintritt in die Brüsseler Outhere-Gruppe unter Charles Adriaenssen veränderte alles: „Ich konnte mich wieder ganz auf das Künstlerische konzentrieren, frei von logistischer Last. Man lässt mich völlig unabhängig arbeiten. Ich gelte ein wenig als Patriarch – aber man lässt mich gewähren!“

„Was wir produzieren, sind Dokumentationen von Geschichte.“
Heute geht Ricercar seinen Weg mit wiedergewonnener Gelassenheit. Vox Luminis bleibt das Flaggschiff; Leonardo García-Alarcón arbeitet mit mehreren Outhere-Labels; Lejeune bereitet neue Großprojekte vor: eine Gesamteinspielung der Kantaten von Johann Ludwig Bach mit der Capella Solersia, München, eine umfassende Edition zur Musik der Kathedrale Saint-Lambert in Lüttich im 17. Jahrhundert und die Wiederentdeckung wallonischer Komponisten, die die Geschichte versprengt hat.
Hinter dieser ungebrochenen Leidenschaft steht auch Dankbarkeit. „Es ist ein Privileg, sein Leben der Forschung, der Weitergabe und dem Bewahren des musikalischen Erbguts widmen zu dürfen.“ Für ihn bleibt die CD ein Instrument der Erkenntnis, kein Konsumgut. „Märkte, Moden, Medien – sie werden sich ändern. Aber das, was wir schaffen, sind Dokumentationen von Geschichte. Solange es vergessene Partituren, neugierige Künstler und offene Ohren gibt, wird Ricercar zu tun haben.“

Ein halbes Jahrhundert am Horizont
Mit dreiundsiebzig Jahren ist Jérôme Lejeune so enthusiastisch wie eh und je. „Meine Kinder fragen mich gelegentlich, wann ich in Rente gehe. Aber wozu?“ Er möchte noch zwei Bücher schreiben: eines über die Lütticher Musik des 17. Jahrhunderts, das andere über Guillaume Lekeu, einen belgischen Komponisten des späten 19. Jahrhunderts und Schüler César Francks.
Das fünfzigjährige Jubiläum des Labels 2030 wird ein symbolischer Meilenstein. „2020 konnten wir das vierzigjährige wegen der Pandemie nicht feiern — das holen wir dann auch nach. Dann bin ich achtundsiebzig – vielleicht der Moment, den Staffelstab weiterzugeben, aber auch eine Gelegenheit, ein halbes Jahrhundert gemeinsamer Arbeit zu feiern.“
Und er schließt, seiner Devise treu: „Solange ich Ohren habe und es neugierige Musiker gibt, mache ich weiter. Die CD ist nicht tot. Sie ist ein Gedächtnisdokument, ein musikwissentschaftlicher Akt. Und solange es in der Musikgeschichte noch ungeschriebene Seiten gibt, wird Ricercar da sein.“

Aktuelle Projekte
- Venedig, exultemus: Campra & Bernier, Concerto Soave
- Le Grand Embrasement: Musik für einen verrückten König, Into the Winds
- Du Bist Schön und Lieblich, Maxime Melnik, Clematis und Capucine Keller
- Marin Marais: Stücke von Viola (The Complete Collection), François Joubert-Caillet und L’Achéron
- Demnächst: Per la viola bastarda, Manon Papasergio, Angélique Mauillon, Yoann Moulin und Clémence Niclas



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