Sie war klug, kunstaffin, gebildet, aber auch unangepasst und exzentrisch: Christina von Schweden (1626 – 1689) war eine ganz besondere Königin; die von ihren Zeitgenossen nicht nur Bewunderung erntete. Das deutsche Barockensemble NeoBarock hat nun ein klingendes Bild ihrer Persönlichkeit vorgelegt, mit Musik aus dem Umfeld der Königin — teilweise Weltersteinspielungen — und Lesungen aus ihrer Autobiografie. Und mit einem über 30-seitigen Booklet, das sich wie ein Roman liest … Ein Auszug aus dem Booklet.
Maren Ries: Pallas Nordica — Christina von Schweden (1626 – 1689)
Sie entspricht keineswegs dem Idealbild einer Märchenkönigin, doch gerade ihre unangepasste Persönlichkeit, ihr exzentrischer Charakter und ihre geschickt eingesetzten Provokationen rufen eine bis heute andauernde Faszination hervor.
Christina war hochgebildet, protegierte die Künste und spielte als Monarchin eine maßgebliche Rolle im Ringen um den Westfälischen Frieden. Die Tochter eines schwedischen Vaters und einer deutschen Mutter war nicht nur Königin von Schweden, sondern infolge der Friedensverträge von 1648 ebenso Herrscherin über Bremen, Verden, Rügen, Wismar und große Teile Vorpommerns. Nach zehn Jahren Regierungszeit tauschte sie ihre Krone gegen ein selbstbestimmtes Leben und residierte fortan in Rom. Dieser mutige Weg provozierte sowohl üble Nachrede als auch romanreife Verklärungen. Ihr ungewöhnlicher, gelegentlich als anstößig wahrgenommener Lebensstil sowie manch eine ihrer nach fast 400 Jahren schwer nachvollziehbaren Entscheidungen führten zu einer Rezeptionshistorie, die von der romantisierenden Hollywoodverfilmung mit Greta Garbo bis hin zur Ikonisierung in der Frauen- und Lesbenbewegung reicht.
Aber wer war Christina von Schweden jenseits von Lebensdaten und Idealisierungen? Was begründete ihren Mythos als Pallas Nordica, die es verstand, die größten Denker der Zeit nach Stockholm zu locken? Was bewegte sie dazu, dem lutherischen Glauben ihrer Vorfahren abzuschwören, obwohl ihr Vater zum protestantischen Märtyrer avanciert war? Welche Motive trieben Christina an, exzessiv Kunstgegenstände zu sammeln und zahlreiche Musiker zu protegieren, trotz wiederkehrender finanzieller Engpässe?
Dieses Audiopsychogramm nähert sich der vielschichtigen Persönlichkeit Christinas durch zeitgenössische Dokumente, ihre eigenen Worte und das, was sie am meisten liebte: die Musik.
Der König ist tot: Es lebe die Königin!
Für Christina begann der Ernst des Lebens am 6. November1 1632: Siegessicher ritt König Gustav II. Adolf von Schweden wenige Kilometer südwestlich von Leipzig dem katholischen Feind entgegen – doch in der legendären Schlacht bei Lützen fand der »Löwe aus dem Norden« seinen Tod. Der populäre Staatsmann hinterließ seiner kaum sechsjährigen Tochter Christina ein ehemals unbedeutendes Königreich am Polarkreis, das er in blutigen Kämpfen gegen Dänemark, Polen und Russland zur Vormacht des Ostseeraums ausgebaut hatte. Infolgedessen umfasste das Herrschaftsgebiet zu Christinas Regierungsantritt neben dem schwedischen Kernland auch das heutige Finnland und die an der Ostsee gelegenen Gebiete Russlands sowie Teile von Estland und Lettland.
Ein beeindruckendes Zeugnis der Macht Gustav Adolfs und zugleich seines Größenwahns lässt sich noch heute in Stockholm bestaunen: die Vasa. Mit dieser Galeone plante er, eines der mächtigsten Kriegsschiffe Europas zu erschaffen. Doch die übertriebenen Dimensionen führten zu Konstruktionsfehlern, sodass das Prestigeprojekt bei seiner Jungfernfahrt im Sommer 1628 bereits im Hafen kenterte und sank.
Inwiefern Gustav Adolfs Eingriff in den Dreißigjährigen Krieg im Jahr 1630 religiös oder eher machtpolitisch motiviert war, lässt sich heute kaum noch sagen. Sein Tod auf dem Schlachtfeld erhob ihn indessen unweigerlich zur Symbolfigur des Protestantismus.
Welche Erschütterung das Ereignis in ganz Europa hervorrief, fängt Luigi Rossis Lamento della Regina di Svezia (Track 2) ein: Es schildert den tragischen Moment, in dem ein schwer verwundeter Bote der schwedischen Königin die Nachricht vom Tod Gustav Adolfs überbringt. Maria Eleonora von Brandenburg, die ihren Gatten häufig auf seinen Feldzügen begleitete, hielt sich zum Zeitpunkt des Unglücks in Erfurt auf. Von dort schloss sie sich dem Leichenzug in Richtung Stockholm an und erging sich in der Inszenierung ihrer Trauer. Das Herz des Verstorbenen verwahrte sie in einer goldenen Büchse, und erst 19 Monate nach seinem Tod konnte man die Witwe überzeugen, den in ihren Gemächern aufgebahrten Leichnam zur Beerdigung freizugeben.
Maria Eleonora, die ohnehin nicht für ihren scharfen Verstand bekannt war, galt nach diesem obsessiven Trauerkult vollends als hysterisch und depressiv. Vorausschauend hatte Gustav Adolf die Erbfolge frühzeitig zugunsten Christinas gesichert und in seinem Testament verfügt, seiner Frau nur eine geringe Rolle bei der Erziehung der Tochter zuzugestehen. Um jegliche Beteiligung an der Vormundschaftsregierung für Christina auszuschließen, verbannte der schwedische Reichsrat die Königinwitwe kurzerhand nach Schloss Gripsholm.
Sie spricht Französisch, als sei sie im Louvre geboren.
Pierre Hector CHANUT, französischer Diplomat
Nach den Anweisungen Gustav Adolfs wurde Christina »wie ein Prinz« erzogen. Neben Fecht-, Schieß- und Reitunterricht wurde sie in allen Bereichen von Schwedens Gesetz unterwiesen und erhielt eine umfassende humanistische Erziehung. Es herrschte allgemeine Erleichterung darüber, dass sie offenbar nicht ihrer Mutter nachschlug, sondern sich im Gegenteil als wahres Bildungswunder entpuppte. Lediglich zwei Eigenschaften hatte sie von Maria Eleonora übernommen: die deutsche Muttersprache und die Liebe zur Musik.
Sechs Jahre vor Christinas Geburt hatte die kunstbegeisterte Maria Eleonora anlässlich ihrer Hochzeit mit Gustav Adolf Musiker aus Deutschland verpflichtet. Diese blieben nach den Festlichkeiten zum Teil in Stockholm und bildeten fortan den Kern der schwedischen Hofkapelle. Zu Christinas Geburt standen 23 Musicanter och Instrumentister im Dienst der Krone. Einer der begabtesten unter ihnen war Andreas Düben. Der Sohn des Leipziger Thomasorganisten gleichen Namens hatte seine Ausbildung bei Jan Pieterszoon Sweelinck in Amsterdam absolviert und etablierte sich erfolgreich am Stockholmer Hof: Neben seiner Tätigkeit als Hoforganist wurde er 1625 zum Organisten der Tyska Kyrka (Deutschen Kirche) ernannt, übernahm 1640 das Amt des Hofkapellmeisters und wurde zehn Jahre später zusätzlich Organist der großen Domkirche Storkyrkan. Mit seinem Tod 1662 folgte ihm sein Sohn Gustav in allen Ämtern nach und nutzte die verantwortungsvollen Positionen, um den Grundstein für eine umfangreiche Musikaliensammlung zu legen. Diese sogenannte Düben-Sammlung, die seit 1732 in Uppsala verwahrt wird, gewährt bis heute einen unschätzbaren Einblick in das musikalische Repertoire des schwedischen Hofes im 17. Jahrhundert.
So eindrucksvoll die schwedische Großmacht von außen schien, so ärmlich, altmodisch und provinziell empfand Christina sie von innen. Stockholm konnte einem Vergleich mit den europäischen Kulturzentren nicht standhalten. Die junge Königin war fest entschlossen, den schwedischen Hof kulturell zu entwickeln und ihn zum repräsentativsten von Europa zu machen – eine Ambition, die bei ihren Untertanen nicht nur Bewunderung hervorrief.
Durch die politische Allianz mit Frankreich 1635 fand die französische Kultur den Weg nach Norden. Tanzmeister Antoine de Beaulieu bemühte sich, den schwedischen Adligen die komplizierte französische Hofetikette und die neuesten Ballette aus Paris näherzubringen. Christina ließ über ihren Botschafter Magnus Gabriel De la Gardie ein französisches Musikensemble engagieren. Die fransöske Fiolister mit ihrem Leiter Pierre Verdier (Track 13) trafen im Winter 1646/47 in Stockholm ein. Sie bildeten eine eigenständige Kapelle, um die prächtig ausgestatteten französischen Ballette authentisch zu interpretieren. Als allegorische Figur der Pallas schwang Christina dabei gern selbst das Bein. Diese Aufführungen kosteten den ohnehin schon gebeutelten Staat ein Vermögen. In Schmähschriften wurde der Königin Verschwendungssucht vorgeworfen. Man unterstellte ihr, sie verschleudere sogar das Kleingeld des Königreiches, sobald ihr Tanzmeister finanzielle Forderungen erhebe.
Christina ließ sich ihre Begeisterung nicht nehmen. Sie befahl die Hinrichtungen der Aufrührer und engagierte weitere Künstler.

NeoBarock Ensemble
Aktuelle Projekte
- 11 April, Reflections – Bach, Yun, Kalabis (Wesel, Germany)
- 3 May, Children’s Opera – Les Indes galantes (Aachen, Germany)
- 4 May, Children’s Opera – Les Indes galantes (Cologne, Germany)
- 7 September, Les Indes galantes – Children’s Opera (Jüchen, Germany)
- 21 September, Tradition and Transcription – Bach (Clemenswerth, Germany)


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