Peter Wollny kennt Bachs Manuskripte so gut, wie andere eine vertraute Handschrift auf den ersten Blick erkennen. Der 1961 geborene deutsche Musikwissenschaftler, der in Köln und Harvard studiert hat, kam 1993 zum Bach-Archiv in Leipzig und übernahm dort 2014 die Leitung. Als Spezialist für die Familie Bach und die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts hat er einen Großteil seiner Karriere im Umgang mit den Quellen verbracht: Autographen, Kopien, Papiere, Wasserzeichen und Handschriften. Denn eine Partitur zu finden reicht nicht aus: Man muss noch herausfinden, wer sie geschrieben hat, wann, wo – und wer sie komponiert hat. Im Zeitalter der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz gewährt er uns einen Blick hinter die Kulissen einer Forschung, in der Bach noch viele Überraschungen bereithält.
Herr Wollny, man findet zwar bei Bach nicht mehr so viel Neues, Handschriften, neue Musik wie etwa aus der Renaissance, wenn Sie aber etwas in der Handschrift Bachs — oder vermeintlich Bachs — finden, was passiert dann als Erstes? Wie gehen Sie vor, um es zu verifizieren?
Peter Wollny: Das kommt auf den Einzelfall an. Wenn Notenhandschriften von Bach selbst geschrieben sind, dann ist es ja schon mal per se für uns sehr interessant und dann muss man drüber nachdenken: Könnte das eine Komposition von Bach sein oder schreibt er nur etwas von einem anderen Komponisten ab?
Und wie verifizieren Sie erstmal, dass es wirklich von Bach geschrieben ist und nicht eine Fälschung? Könnte man doch heute annehmen, denn so eine Bach-Handschrift hat ja einen Wert …
P. W.: Ich würde mal so sagen: Man müsste das Objekt natürlich im Original sehen. Und wenn man das Original in der Hand hat, sieht man zum Beispiel, ob das Papier passt, ob es altes Papier ist, ob es eine Papiersorte ist, die Bach auch verwendet hat und nicht irgendetwas x-Beliebiges. Sie haben natürlich recht: Im Grunde genommen muss man immer skeptisch sein in der heutigen Zeit, ob irgendwas vielleicht eine Fälschung ist. Aber ich würde mal sagen, wenn man das Dokument selbst in der Hand hat, würde man schon erkennen, ob das echt sein kann oder nicht.
Gehen Sie da auch, wie etwa im Bereich der Bildenden Kunst oder auch bei Instrumenten, mit physikalischen, chemischen Untersuchungsmethoden ran, um die Tinte oder das Alter des Papiers zu verifizieren, oder bleiben Sie auf der rein musikwissenschaftlichen Ebene? Abhängig vielleicht auch vom Stück; aber wenn meinetwegen eine Lukas-Passion auftauchen würde, von zwei Stunden Dauer: Kommen da auch naturwissenschaftliche Methoden zum Einsatz?
P. W.: Nun, es ist so, dass wir keine Methoden nutzen, die das Objekt verändern. Das heißt, man dürfte zum Beispiel keine Tinte, keine Proben nehmen, einen Schnipsel abschneiden und untersuchen. Was wir gewöhnlich machen, ist, das Papier gegen das Licht zu halten, zu schauen, was für ein Wasserzeichen darin ist. Und es gibt in der Bach-Forschung wirklich umfangreiche Kataloge, aus denen ersichtlich ist, zu welcher Zeit in seinem Leben Bach in welcher Papiermühle Papier gekauft hat. Außerdem kann man anhand der Handschriftenform ungefähr sehen, in welcher Lebenszeit Bachs eine Handschrift entstanden ist, und gleicht das dann mit dem Papier ab. Ein Beispiel: Man kann eben angesichts der Handschrift sagen, ob etwas in Weimar oder Köthen oder Leipzig entstanden ist oder noch früher. Die Schriftformen eines Fundstücks sehen also beispielsweise aus wie in der mittleren Leipziger Zeit, gleichzeitig finde ich im Papier ein Wasserzeichen, das ich aus anderen mittleren Leipziger Quellen kenne — das ist schon mal ein gutes Zeichen. Wenn ein völlig fremdes Wasserzeichen auftauchen würde, von dem man noch nie gehört, das man noch nie gesehen hat, dann müsste man skeptisch sein. Aber wenn das alles passt, ist schon mal viel erreicht.
Außerdem ist da natürlich die Provenienz: Man versucht herauszufinden, wo eine Handschrift herkommt. Die tauchen ja nicht einfach aus dem Nichts auf, sondern wir wissen ziemlich genau, wie nach Bachs Tod sein schriftlicher Nachlass verteilt wurde: Da gibt es Hauptstrecken der Überlieferung, gibt auch Nebenwege und wir müssen überlegen, ob sich das irgendwie einordnen lässt. Es kann natürlich auch eine Handschrift auftauchen, bei der man gar nicht weiß, wo sie herkommt, wie sie überliefert ist, die noch nie irgendwo beschrieben war, noch nie in der Literatur erwähnt wurde — und jetzt ist sie plötzlich da. Das ist uns vor gut 20 Jahren passiert, als in einem Briefumschlag ein Autograph gefunden wurde. Man weiß bis heute nicht, wo das herkam und nie wurde es in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts auch nur erwähnt! So etwas ist natürlich merkwürdig.
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