Als „Révélation Classique Radio-Canada 2021-2022“, Preisträgerin des Opus-Preises „Entdeckung des Jahres“ und 2023 von Early Music America zur „Aufstrebenden Künstlerin des Jahres“ gekürt, hat sich Marie Nadeau-Tremblay innerhalb weniger Jahre als eine der herausragenden Persönlichkeiten der kanadischen Barockszene etabliert. Am 8. Februar dieses Jahres gewann die Violinistin aus Québec einen weiteren Opus-Preis im Rahmen der jährlichen Gala für Konzertmusik in der Kategorie „Album des Jahres – Mittelalterliche Musik, Renaissance, Barock“. Im Booklet der preisgekrönten CD mit dem Titel Obsession vertraut die junge Dreißigjährige dem Leser einige ihrer fixen Ideen an, sei es nun in Bezug auf Radiergummis, Oliven, Gottesanbeterinnen oder die zweite Fassung der Goldberg-Variationen von Glenn Gould! Ihre drei weiteren Alben, ebenfalls bei ATMA Classique erschienen, zeugen vom gleichen unkonventionellen Geist. Man denke an „La Peste“ und „Basta parlare!“, die sie mit ihrem Ensemble Les Barocudas aufgenommen hat, oder an ihre Solo-CD „Préludes et solitudes“, auf der die Intelligenz des musikalischen Programms mit echter Spielfreude einhergeht, ganz zu schweigen von den stets ausgefallenen Bildern und Texten. Porträt einer ebenso brillanten wie anspruchsvollen und vielseitigen Künstlerin.
Die Barockvioline als Offenbarung
Die einzigartige Kunst von Marie Nadeau-Tremblay stammt jedoch nicht von einem anderen Stern. Zunächst einmal spielte das familiäre Umfeld eine prägende Rolle. Allen voran ihre ältere Halbschwester, die Popkünstlerin Mara Tremblay, für die die Geige ein wichtiges Ausdrucksmittel darstellt. „Ich fand sie cool, als ich klein war, und wollte so sein wie sie. Also bat ich darum, Geige spielen zu dürfen“, erzählt die Musikerin. Später nahm sie ein Studium an der Universität McGill auf, während sie gleichzeitig andere Horizonte wie Asienwissenschaften oder das Schreiben ins Auge fasste. „Es schien einfach nicht zu passen, das Spiel auf der klassischen, modernen Geige. Aber während meines letzten Semesters im Bachelorstudium bat mich eine Dozentin, dem Barockorchester beizutreten, und da hatte ich ein wahres Schlüsselerlebnis“, erklärt sie. Seit diesem Tag hat sie nie wieder eine moderne Geige in die Hand genommen. „Ich bin nun mal jemand, für den es nur Alles oder Nichts gibt. Wenn ich etwas finde, das mir gefällt, gehe ich voll und ganz darin auf“, fügt sie hinzu. „Außerdem habe ich, ganz konkret, meine Geige barockisiert und hatte einfach keine moderne Geige mehr. Wenn man die moderne Spielweise aufgibt und sich die musikalische Sprache derart stark verändert, empfinde ich es als unehrlich, dafür noch Auftritte anzunehmen. Das ist vielleicht eine etwas zu extreme Entscheidung, aber so ist es nun mal.“ Und wie kam das Ensemble Les Barocudas ins Spiel? „Es begann als kleine Clique an der Universität McGill. Wir haben einfach nur zum Spaß lustige Videos gedreht. Dann haben wir ein Album aufgenommen und plötzlich Nominierungen erhalten“, fasst Marie Nadeau-Tremblay zusammen. Der Name des Ensembles sei für sie übrigens „zu hundert Prozent ein Witz“, ganz im Gegensatz zu Ensembles mit „hochtrabenden Namen“.
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