Mit Couperins Leçons de Ténèbres und Lalandes Miserere bietet Louis-Noël Bestion de Camboulas an der Spitze des Ensembles Les Surprises eine kühne, introspektive Neuinterpretation des Karfreitags. Getragen von einem reinen Männerstimmenensemble beschwört das Programm die Atmosphäre eines nächtlichen Männeroffiziums herauf – zwischen Stille, Ornamentik, Psalmodie und geistlichem Drama. Ein freier spiritueller Weg, gespannt zwischen Schatten und Licht.
Die Wahl von Männerstimmen verleiht diesem Programm eine ungewohnte, monastische Farbe. Was hat Sie zu dieser Entscheidung geführt? Welche Klangfarben wollten Sie teilen?
Louis-Noël Bestion de Camboulas: Sie treffen es genau: Ich wollte mir eine Klangfarbe der Tenebrae-Liturgie in einem Männerkonvent vorstellen. Heutzutage werden die Leçons de Ténèbres oft mit dem Bild nahezu „engelhafter“ Frauenstimmen und einer sehr blühenden Ornamentik verbunden. Doch die verzierte Musik des 17. und 18. Jahrhunderts war keineswegs ausschließlich Frauenstimmen vorbehalten. Man denke nur an Michel Lambert, einen exzellenten Komponisten und großen Sänger. Er zeichnete sich durch eine äußerst verzierte, melismatische Musik aus – sowohl im profanen Bereich mit seinen airs de cour, die er selbst singend und sich dabei auf der Theorbe begleitend aufführte, als auch im geistlichen Bereich mit seinen Leçons de Ténèbres.
Unser CD-Projekt verstand sich auch als eine Fortführung, da wir vor einigen Jahren bereits die Méditations pour le Carême (für drei Männerstimmen) sowie einige Motetten von Sébastien de Brossard aufgenommen hatten. Dieses Programm haben wir vielfach im Konzert aufgeführt, und es hat uns wie auch das Publikum stets nachhaltig beeindruckt. Denn die Klangfarbe von Männerstimmen in Begleitung eines Basso continuo ist ganz eigentümlich: reich an Obertönen, zugleich von extremer Leuchtkraft, aber auch von großer Dunkelheit.
Für dieses neue Projekt wollte ich zudem auf das zurückgreifen, was François Couperin im Vorwort zu seinen Leçons de Ténèbres schreibt: „Obgleich der Gesang im Violinschlüssel notiert ist, können alle anderen Arten von Stimmen sie singen.“ Dies erlaubt uns, diese Stücke, die durch Sopran-Interpretationen so berühmt sind, zu erneuern und ihnen eine dunklere Klangfärbung zu verleihen, die dem Text der Klagelieder des Jeremias vielleicht noch näherkommt.
Anstatt einen Gottesdienst streng nach historischer Liturgie zu rekonstruieren, haben Sie einen freien spirituellen Weg entworfen, der um Nacht, Stille und das psalmodierende Wort kreist. Welche Atmosphäre wollten Sie beim Hörer erzeugen?
L.-N. B. d. C.: Es wäre heute ein vergebliches Unterfangen, eine Tenebrae-Liturgie exakt so zu reproduzieren, wie sie damals aufgeführt wurde – schon allein die Dauer und das Ritual sind unseren Gewohnheiten zu fremd. Ich wollte die Leçons de Ténèbres dennoch in einen musikalischen Ablauf einbetten, wie er in diesen Offices üblich war, nämlich mit Antiphonen und Responsorien der Tenebrae (die durch ihre scheinbare Schlichtheit einen starken Kontrast zur sehr verzierten Schreibweise der Leçons de Ténèbres bieten) und einem abschließenden Miserere: dem von Lalande, den ich großartig finde und der in der Version von Sébastien de Brossard die Möglichkeit bietet, die Verse zwischen Solist und einem „Mönchschor“ im Fauxbourdon-Wechsel zu alternieren.
Auch hier entsteht ein starker Kontrast zwischen der komplexen, verzierten, teils tanznahen Schreibweise und der archaischen Einfachheit der Fauxbourdon-Verse. Diese Aufnahme ist wahrlich eine Wanderung zwischen Finsternis und Licht, ein recht freier Weg, aber mit dem Willen, ihm eine maximale dramatische Dimension zu verleihen. Das Theatrale ist in dieser Musik meines Erachtens von großer Bedeutung, denn die zugrundeliegenden Texte besitzen eine enorme dramatische Wucht, und die Komponisten wie Interpreten dieser Musik waren zugleich große Spezialisten des Musiktheaters.
Wenn Sie einen einzigen Ausschnitt wählen müssten, um diese CD jemandem vorzustellen, der weder Couperin noch Lalande, noch die Tenebrae-Offizienkennt – welchen Moment würden Sie teilen und warum?
L.-N. B. d. C.: Das wäre der Beginn der Leçons de Ténèbres für zwei Stimmen von François Couperin (Track 16). Denn in wenigen Takten gelingt es ihm, die gesamte Dichte dieser Lektionen zu kondensieren: Zuerst der hebräische Buchstabe »Jod«, in dem sich die beiden Stimmen und der Bass auf magische Weise verweben; dann ein Abschnitt, in dem man jede Solostimme fast wie in einem gesprochenen Text hört; und schließlich die beiden Stimmen, die sich in einem sehr theatralischen Effekt wieder vereinen, um in einer perfekten Bogenform beim neuen Buchstaben »Caph« wieder miteinander zu verschmelzen. Genau deshalb hatte ich diesen Ausschnitt auch für unseren Teaser zur CD-Präsentation gewählt: zwei Minuten voller sinnlicher Genüsse!


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