Junge Talente

Emmanuelle Dauvin, Geiger-Organistin

→Sologeige und Continuo — das ist eine recht gängige Besetzung. Und die junge Barockgeigerin Emmanuelle Dauvin braucht dafür nicht mal einen zweiten Musiker … 

Emmanuelle Dauvin, Geiger-Organistin
Emmanuelle Dauvin © Béatrice Landré

Gerade hat sie sich noch beim Biber-Wettbewerb im österreichischen St. Florian ein Konzert beim Festival Resonanzen im Wiener Konzerthaus erspielt, da ist auch schon ihre zweite CD herausgekommen — und erwies sich als großer Erfolg. Die junge Barockgeigerin Emmanuelle Dauvin aus Avignon kann sich über mangelnde Aufmerksamkeit, vor allem für ihre besondere Art, Violin- und Continuo zu realisieren momentan nicht beklagen: Sie spielt nämlich gleichzeitig Violine und die Basslinie auf dem Pedal einer historischen Orgel — oder auf einem transportablen Pedalboard. Wir haben sie gefragt, wie dieses Konzept entstand, und wo es möglicherweise noch hinführen könnte. 

In ihrer neuen  CDB OVNI Baroque spielen Sie Du Geige und begleitest Dich gleichzeitig selbst auf einem Orgelpedal — wie das etwa von dem Komponisten und Musiker Nikolaus Bruhns im 17. Jahrhundert überliefert ist. Wie kam es dazu? 

Emmanuelle Dauvin: Naja, wir hatten zu Hause eine Orgel, weil mein Partner als Student Orgel studiert hat, und ich hatte mir immer gesagt, dass ich Bibers Passacaille oder Bachs Chaconne gerne auf diese Weise bearbeiten würde, um sie für mich zu strukturieren, sie im Konzert besser zu spielen. Ich habe das angefangen, um mich auf ein Recital vorzubereiten — mein erstes Recital in Paris, also habe ich das sehr ernsthaft betrieben, wie man sich vorstellen kann (lacht)! 

Und tatsächlich, als ich  Bibers Passacaille so geübt habe, habe ich festgestellt, dass es wirklich sehr gut klingt. Also habe ich überlegt, ein Arrangement zu machen. Aber das wäre dann doch ein bisschen schade gewesen, fand ich, das hätte diese Passacaille, die so wunderschön ist, vielleicht verfälscht. Also habe ich mich an Stücke für Violine und Bass gewagt.  

Dann begann ich mit Bibers Mariae Verkündigung aus den Rosenkranz-Sonaten und es stellte sich heraus, dass das sehr, sehr gut funktionierte, und auch das Publikum war begeistert!  

Emmanuelle Dauvin ©Gildas Boclé

Und die Tatsache, dass man Stücke mit Continuo allein spielen kann, bringt natürlich eine große Vielfalt, viel mehr Vielfalt auf eine Aufnahme, und ich glaube, die Mischung all dieser Aspekte war für mich der Antrieb. Es war keine bewusste Entscheidung, ein Soloprojekt zu machen, weil ich unbedingt solo auftreten wollte, sondern es war wirklich etwas, das sich ergeben hat – das Gefühl, dass ich mit diesem Projekt etwas zu sagen hatte, und dass ich damit ein Format schaffen konnte, das mir für heutige Konzerte sinnvoll erschien. 

Warum kommt das so gut an, was meinst Du? 

E.D.: Diese Art der Interpretation verleiht einem Stück eine ganz besondere Lesbarkeit: Es ist tatsächlich sehr puristisch. Man hört nur noch Bibers Musik, es gibt nur noch seinen Bass, der oft aus langen Pedaltönen mit einigen Bewegungen besteht, und dann eigensinnige Basstöne, die ein bisschen stechend werden, weil sie so wiederholt werden, ganz nackt und pur … Also, es war sehr aufregend, diese Musik auf diese Weise zu entdecken, die letztlich sehr puristisch und gleichzeitig sehr prachtvoll ist. Das hat mir Lust gemacht, das fortzuführen, und seitdem ging meine Entdeckungsreise immer weiter.  

Und diese Art des Spielens erlaubt mir einen ganz besonderen Kontakt mit dem Publikum, das ein wenig überrascht ist von dem, was es da sieht und hört. Ich mag diese Überraschung, weil sie das Publikum interessiert: Sie bewirkt, dass das Publikum anders zuhört. Der Kontakt ist ein bisschen anders.  

Das mündete in eine erste Solo-CD mit Bach und Biber — aber nun kommt gerade eine zweite mit einer Sopranistin heraus, Cantata a due. Was hat es damit auf sich? 

E.D.: Ich habe eine Sopranistin kennengelernt, Heather Newhouse, die ich sehr mag und mit der ich gerne zusammen Musik machen wollte, nur wir beide. Und wir haben mit einer Bach-Arie angefangen, einfach so, um zu sehen, ob es gut funktioniert, wenn wir nur zu zweit sind, weil es doch ziemlich komplexe Musik ist. Und das hat geklappt und hat noch dazu unglaubliche Freude gemacht! 

Emmanuelle Dauvin et Heather Newhouse © Eve

Also haben wir uns gesagt, dass wir ein ganzes Programm entwickeln, zu zweit, und hatten auch sofort beschlossen, dass wir eine Kantate machen wollen — aber für eine Kantate braucht man natürlich normalerweise mindestens ein kleines Streichorchester, manchmal Bläser und mehrere Sänger. Also haben wir eine Auswahl an Arien getroffen, die uns sehr gut gefielen, und nur für Sopran, Violine und Bass machbar sind, das war der Ausgangspunkt. Dann haben wir einen Orgelchoral arrangiert, bei dem Heather den Choraltext quasi auf die Melodie der rechten Hand singt, ich spiele die linke Hand mit der Geige und dann spiele ich den Pedalpart eben auf dem Pedal.  

Und dann gibt es ja aber auch noch Rezitative in Bachs Kantaten … 

E.D.: Genau, und diese Rezitative mache ich, indem ich den Bass auf meinem Pedalboard spiele und die Harmonie auf der Violine. Das ist eine etwas spezielle Umsetzung des Basso continuo, die aber sehr gut funktioniert, das ist wirklich interessant. Das hat mich dazu inspiriert, auf diese Weise mit dem Generalbass zu arbeiten.  

Wie waren die Reaktionen der Konzertveranstalter, der Hörer des Konzerts? Besonders bei der Musik von Bach, die ja ein wenig sakrosankt ist …  

E.D.:Tatsächlich sind die Leute ziemlich neugierig auf diese Praxis. Bisher habe ich vor allem sehr wohlwollende Reaktionen erfahren, obwohl ich viel in Kirchen spiele, manchmal laden mich Organisten zu Konzerten ein. Und da hatte keiner ein Problem, dass ich Bachs Musik verändert habe — im Gegenteil: Ich glaube die Leute finden es spannend, die Musik auf eine etwas unerwartete Art und Weise zu hören. 

Es war ja auch für mich, für uns, sehr aufregend, diese Musik auf diese Weise zu entdecken. Und vielleicht kann auch ein Hörer einen anderen Aspekt einer Melodie sehen, die man in anderen Versionen kennt, so wie ein Detail auf einem Gemälde, wenn man das Licht ein wenig ändert. Und ich denke, es ist ein anderes Licht, das wir mit diesem Projekt anbieten. 

Emmanuelle, wie kam es dazu, dass Du Dich für Musik interessiert hast, warum bist Du Musikerin geworden? 

E.D.: Ich habe schon als Kind mit dem Geigenunterricht angefangen, mit sechs oder sieben Jahren. Meine Familie ist sehr musikbegeistert, und als große Liebhaber klassischer Musik gingen wir oft in Konzerte, und zu Hause gab es eine große Plattensammlung. Ich bin also mit Musik aufgewachsen, habe mich daran gewöhnt — und irgendwann wollte ich Geige spielen. Und genau genommen habe ich das schon getan, als ich zwei Jahre alt war. Ich fand es aber auch toll, Orchester zu sehen. Ich erinnere mich, dass ich extrem fasziniert war von diesen großen Bewegungen, die Geiger machten. Also habe ich ziemlich früh angefangen. 

Dann habe ich am Konservatorium von Angers studiert. Mit 16 oder 17 habe ich dort dann die Barockmusik entdeckt – und habe ich mich wirklich verliebt. Ich wusste allerdings nicht, wie ich mich in diese Richtung orientieren sollte, also habe ich erst mal eine Ausbildung dort am Konservatorium absolviert, mit viel Kammermusik. Und ich liebte das Orchesterspiel! 

Hast du schon am Konservatorium mit Barockgeige begonnen oder war das da noch die moderne? 

E.D.: Ja, zuerst habe ich moderne Geige gespielt, denn am Konservatorium Angers gab es keine Barockgeige. Aber als ich mich dann ein wenig für Barockmusik zu interessieren begann, fand ich dort einen Lehrer, der eine Barockgeige besaß. Er zeigte mir ein bisschen was, gab mir einen Barockbogen, damit ich die Unterschiede spüren konnte. So habe ich angefangen – erstmal nur ein bisschen nebenher, dann meine Prüfungen in moderner Geige gemacht und danach wirklich Barockgeige studiert. 

Wer waren Deine wichtigsten Lehrer, welche Eindrücke und Einflüsse waren für Dich besonders prägend? 

E.D.: Die Lehrerin, bei der ich am längsten studiert habe, war am Konservatorium in Angers: Ich war 13 Jahre lang bei Lise Rodriguez. Das war eine wichtige Erfahrung. 

Dann habe ich mein weiterführendes Studium mit Barockgeige angefangen, und ich muss sagen, da habe ich wirklich mein Herz sprechen lassen, denn es gab da einige Geigerinnen und Geiger, die ich großartig fand und bei denen ich unbedingt studieren wollte: Das war einmal Mira Glodeanu am Konservatorium in Brüssel, bei der ich meinen Master gemacht habe, und dann Amandine Beyer, zu der ich anschließend für einen Postmaster nach Basel gegangen bin. Das waren sicher auch zwei Menschen, die mich sehr stark inspiriert haben! Ich wollte unbedingt mit ihnen arbeiten, mit ihnen in Kontakt sein, und sie haben mich wesentlich beeinflusst. 

Emmanuelle Dauvin ©NicolasBruant

Später hatten wir auch viele Auftritte – erste professionelle Konzerte sowie gemeinsame Projekte in verbundenen Konservatorien.  

Und ich nenne ihn auch deshalb persönlich, weil er mittlerweile ein Freund ist: Frederik Haas, der Cembalo am Konservatorium in Brüssel unterrichtet und da sehr interessante und relevante Praktika für Kammermusik und Ensemblet entwickelt hat. Ich habe viel gelernt, als ich, auch mit einigen Freunden, an seinen Kursen für Kammermusik teilgenommen habe, und später auch, als ich mit Mira Glodeanu in seinem Ensemble mitspielen durfte: Sie haben eine enorme Fähigkeit entwickelt, sehr frei zu spielen und gleichzeitig sehr eng miteinander zu kommunizieren, und das war für mich eine sehr, sehr prägende Erfahrung. Ich glaube, das hat auch meine späteren Entscheidungen und Träume für die Zukunft stark beeinflusst. 

Was waren dann Deine ersten Erfahrungen als professionelle Musikerin? 

E.D.: Das ging ziemlich schnell los, nachdem ich am Konservatorium in Brüssel war. Es gibt da viele Gelegenheiten – Verbindungen zu musikalischen Orten, auch zu fortgeschrittenen Studierenden, aber auch viele direkte Kontakte für Studierende des Konservatoriums, an Projekten mitzuwirken. 

Ich denke, es ist diese Auseinandersetzung mit dem, was wir heute machen. (…) Und ich denke, was man beisteuert, ist oft das Resultat der Arbeit anderer, die eine starke künstlerische Vision haben, der man folgt. Das ist sehr schön. Ich liebe Orchester und ich liebe das Zusammenspiel mit anderen.

So kam es bald zu vielen Orchesterprojekten – Vivaldi, Bach-Kantaten oder größere kommerzielle Projekte und Ähnliches. Und das war sehr lehrreich, weil man sofort in Kontakt mit professionellen Musikern kam. Die Bandbreite war da sehr groß – da waren Musiker dabei, die seit 40 Jahren in diesen Ensembles spielen, und wir, die wir erst seit ein paar Jahren Barockgeige spielen. Das ging also wirklich schnell – und war sehr interessant. 

Womit beschäftigst Du Dich aktuell hauptsächlich? Welche Art von Projekten spielst Du am meisten? 

E.D.: Vieles hängt momentan bei mir mit der Arbeit mit OVNI Baroque, dem barocken UFO zusammen: Neue Soloprogramme, die einiges an Recherche und Arbeit erfordern, und dann auch die Edition von Arien mit Heather Newhouse für unser Cantata a due–Projekt. 

Das sind Dinge, die es schon lange in unseren Köpfen gibt – ein kleiner Traum, den wir schon ein bisschen träumen. Und damit er eines Tages Wirklichkeit wird, muss man sehr viel Arbeit da reinstecken. 

CD Ovni Cantate © DR

Was machst Du zur Entspannung, bei all diesen intensiven eigenen Projekten?  

E.D.: Seit einigen Jahren mache ich gerne viel Sport. Ich habe vor einiger Zeit mit Taekwondo angefangen, und das ist natürlich keine Entspannung im klassischen Sinne, weil es sehr intensiv ist, aber es löst viele Spannungen und bringt Energie zum Fließen, die sonst nicht so harmonisch aktiviert würde. Es hilft mir, meine Batterien wieder aufzuladen. Und wenn ich ein wenig Zeit habe, fahre ich auch gerne ans Meer, mit dem Fahrrad und ein paar Büchern, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen. In den letzten Tagen hatte ich dafür leider keine Zeit, aber das hilft mir sehr beim Auftanken – vor allem weg vom Computer! 

Teaser Cantata avec Heather © DR

Was sind deiner Meinung nach heute die Herausforderungen für Musiker, für junge Musiker im Alte Musik-Bereich? 

E.D.: Ich denke, es ist diese Auseinandersetzung mit dem, was wir heute machen. In meinem Fall sind es barocke Geigerinnen und Geiger, die sehr gut spielen: Es gibt immer mehr Schulen, immer mehr junge Geiger, die mit einem sehr hohen Niveau ausgebildet werden, die sehr gut spielen. Aber das reicht nicht, denn alle sind gut — und man muss sich immer fragen: Was kann ich darüber hinaus anbieten? Das ist eine Frage, die sich jede Musikerin stellen muss, wenn sie etwas Eigenes machen will – eine Karriere, wie man so sagt. Und ich denke, was man beisteuert, ist oft das Resultat der Arbeit anderer, die eine starke künstlerische Vision haben, der man folgt. Das ist sehr schön. Ich liebe Orchester und ich liebe das Zusammenspiel mit anderen.

Aber man kann sich auch fragen: Was ist mein Weg? 

Ich habe vorhin von OVNI gesprochen, und da bereiten wir nun auch ein Projekt mit Bewegung und Licht vor: OVNI, Danse & Lumière. Das wird sehr spannend. Wir werden im Sommer schon eine kleine Version aufführen, dann folgt das komplette Programm für das nächste Jahr. Und vielleicht ist so etwas mein Weg. 

Und für die kommenden Jahre? 

E.D.: Ich bereite auch ein Projekt mit einem weiteren Sänger vor – ich denke schon seit ein paar Jahren darüber nach. Es wird ein Projekt mit Marco Saccardin, einem Bariton, der auch mit der Theorbe arbeitet. Denn ich möchte diese Idee weiterführen, dass ich mich als eine Art Multi-Instrumentalistin begreife. Dass er einen zweiten Continuo-Part mit der Theorbe übernimmt, während ich das Continuo auf der Orgel spiele. Und dass wir mehrere Stimmen und mehrere Geigen haben. Ich würde gern ein Programm mit zwei Stimmen, zwei Geigen und diesem doppelten Continuo aufbauen – er mit der Theorbe, ich mit der Orgel.  

Aber ich versuche, die Dinge Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Ich habe allein begonnen, jetzt bin ich mit einer Tänzerin unterwegs. Dann kommt ein Trio-Projekt mit Tanz und Licht. Dann ein Quartett mit mehr Instrumenten. Ich werde sehen, wie weit das gehen kann. Mit etwas Glück – man weiß ja nie – vielleicht in zehn Jahren … (lacht)? 

Ich habe festgestellt: Ein Ensemble, das gut funktioniert, ist eine feine Sache! 

Das ist also ein Ziel? 

E.D.: Naja, so eine musikalische Botschaft, die von der Melodie geleitet und von einem Continuo getragen wird, das Harmonie und Rhythmus zusammenhält, mit mehreren Leuten? Ich hoffe, das eines Tages zu erreichen. Wenn meine Arme sich gut mit meinen Beinen koordinieren, kann ich vielleicht selbst beide Rollen übernehmen. Warum also nicht in ein paar Jahren ein komplettes Werk wirklich nur von meiner Geige aus leiten? 

Damit hast Du schon auf meine letzte Frage geantwortet: Was ist Dein Traum für die kommenden Jahre? 

E.D.: Ja, genau, das ist so mein Traum – ein größeres Entwicklungspotenzial. Ich denke, ja, Orchesterprojekte mit Geige und dem Pedal zu leiten, das wäre wirklich etwas, das ich gerne weiterentwickeln möchte! 


  • 9,10,11,12.07.25 – Avignon, Interferenzen – UFO Barock
  • 3.08.25 – Festival MA Brugge (BE) – OVNI Baroque 
  • 25.08.25 – Festival Stras’Orgues – UFO Barock 
  • 31.08.25 – Muttersholtz – UFO Barock – Gemeinsames Konzert mit Roland Lopes 
  • 7.09.25 – Festival Organa, St Rémy-de-Provence -Gemeinsames Konzert mit Frédérick Haas 
  • 7.10.25 – Colchester (UK), St James Church – UFO Barock